Der Comic „Der Sommer ihres Lebens“ zeigt das Altsein Nicht mehr für voll genommen

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Dass in manchen Altenheimen skandalöse Zustände herrschen, ist bekannt. Barbara Yelin und Thomas von Steinaecker erzählen in ihrem anrührenden Comic „Der Sommer ihres Lebens“ aber nicht vom Pflegeskandal. Ihnen geht es um andere Aspekte der letzten Lebensphase.

Abgestellt zu werden ist die grundlegende Alterserfahrung von Gerda Wendt. Foto: Reprodukt
Abgestellt zu werden ist die grundlegende Alterserfahrung von Gerda Wendt. Foto: Reprodukt

Stuttgart - Sie wolle jetzt, sagt Gerda Wendt, wieder öfter an früher denken. Sie spüre dann, dass sie noch lebe. Die Hauptfigur der zugleich tieftraurigen, elegant wehmütigen und knitz humorigen Comic-Erzählung „Der Sommer ihres Lebens“ von Thomas von Steinaecker und Barbara Yelin sitzt im Altersheim. Beziehungsweise, anfangs geht sie noch, wacklig über den Rollator gebeugt, aber nach einiger Zeit sitzt sie im Rollstuhl. In ihren Erinnerungen durchschreitet sie ihr Leben noch einmal vom Kind zur Studentin zur berufstätigen Mutter, sie wird dort immer kräftiger. Aber in der Realität schwinden derweil die Kräfte, sie wird weniger beweglich, eingeschränkter – und noch weniger für voll genommen.

Aus dieser Gegenläufigkeit bezieht „Der Sommer ihres Lebens“ (hier geht’s zur Leseprobe) eine schmerzlich ziehende Spannung, die nie ins Theatralische überrissen wird. So wie der Autor Thomas von Steinaecker hier sehr genau an einer bedenklichen sozialen Realität der Altenpflege entlang schreibt, ohne zu skandalisieren oder die schlimmsten Schrecken herauszukehren. In gewisser Weise ist das Altenheim hier eine Vorzeigeeinrichtung. Das Personal ist freundlich, aber es agiert auch geschäftsmäßig entmündigend. Die Nettigkeiten, das Betütteln, die launige Konversation, die Trostworte, die man an Gerda richtet, müssen als Floskeln für alle passen. Das Individuum wird gar nicht wahrgenommen.

Auch auf diesem Sektor arbeitet der Comic mit einem heftigen Kontrast, dem zwischen Gerdas geistiger Wachheit und der Annahme der Umwelt, sie sei als souveräne Person eher schon abgetreten. Die kleinen Verwirrungen aber sind hier kein Verfall des Geistes, sondern Rückzug aus einer faden Gegenwart. Und obendrein funkitoniert das Ganze dank Gerdas Erinnerungen als Porträt der Kleinhalte-Mechanismen einer noch gar nicht fernen Zeit, der permanenten Zurücksetzung von Frauen und Mädchen.

Barbara Yelin („Irmina“) hat das in so zarte, in die unterschiedlichsten Milieus und Zeitgeister würdigenden und doch zu einem konkreten Leben zusammenfassenden Bilder getuscht, dass man lange verweilt. So also fühlt sich einsames Alter an – wenn jemand noch Glück hat.

Thomas von Steinaecker, Barbara Yelin: Der Sommer ihres Lebens.
Reprodukt-Verlag, Berlin. 80 Seiten. 20 Euro.