Der Countertenor Philippe Jaroussky Auch in Pausen kann man reifen

Von Markus Dippold 

Er lässt sich in keine Schubladen stecken: Der französische Countertenor Philippe Jaroussky begeistert die Musikwelt mit seinem Engelstimbre. Ein Porträt.

Der Junge mit dem Engelstimbre: Der französische Countertenor Philippe Jaroussky Foto: EMI
Der Junge mit dem Engelstimbre: Der französische Countertenor Philippe JarousskyFoto: EMI

Baden-Baden - Wie reagiert man als Sänger auf Buh-Rufe, selbst wenn die Unmutsäußerungen gar nicht der eigenen Leistung gelten, sondern den Regisseur treffen sollen? Eine paradoxe Situation, die der weltweit gefeierte französische Countertenor Philippe Jaroussky am Pfingstwochenende in Salzburg erleben musste. Bei der Inszenierung von Händels Oper „Giulio Cesare“ reagierte das Festspielpublikum am Ende jedes Aktes negativ, teilweise noch, bevor die Musik zu Ende war. Groteske Momente waren das angesichts der außergewöhnlichen vokalen Leistungen, die Jaroussky und seine Kollegen vollbracht hatten.

„Ich habe eine derart ablehnende Haltung nicht erwartet. Wir haben 6 Wochen lang sehr intensiv mit den Regisseuren gearbeitet, die Beziehungen zwischen den Figuren, die Entwicklung der Charaktere erarbeitet.“ Verstehen kann der Franzose aus der Rückschau die Ablehnung inzwischen schon, er sieht darin eine ästhetische Positionierung des Publikums, die diametral zur teils drastischen Bebilderung der Arien steht, auch was seine eigene Rolle betrifft; sein Sesto macht eine Entwicklung vom Kind in kurzen Hosen zum gewaltbereiten Terroristen mit nacktem Oberkörper und Sprengstoffgürtel durch.

„Von der Rolle des Sesto habe ich schon lange geträumt. Sie ist vielleicht die idealste Händel-Rolle für mich, sie liegt genau in meinem Stimmumfang, und auch von der Klangfarbe wird ein junger Sänger erwartet.“ Wenn Philippe Jaroussky knapp zwei Wochen nach der „Giulio Cesare“-Premiere auf diese Produktion zurückblickt, gerät er immer noch ins Schwärmen. Für sich selbst sieht er nicht nur den Erfolg in einer Rolle, die er erstmals auf der Bühne gesungen hat, sondern vor allem als Darsteller habe er sehr von der detailgenauen und präzisen Regiearbeit profitiert, sei daran schauspielerisch gewachsen.

Im nächsten Jahr will er eine Auszeit nehmen

Gleichwohl will der in Paris lebende Sänger seine Opernkarriere nicht intensivieren. Eine Produktion jährlich, mehr soll es nicht sein, und auch diese müsse sorgsam ausgewählt sein. „Natürlich mag ich Opern, und ich habe seit Beginn meiner Karriere Opern gesungen. Aber es ist für mich viel einfacher, ich selbst zu bleiben, wenn ich nur auf der Bühne stehe, mit Kollegen und Freunden einfach Musik mache, ohne in eine Rolle schlüpfen zu müssen.“ Es sei nicht immer natürlich, eine andere Identität anzunehmen und Gefühle zu entwickeln und darzustellen, die nicht mit den eigenen deckungsgleich sind.

Dennoch ist sich Jaroussky bewusst, dass Oper für einen Sänger eine Notwendigkeit darstellt: „Es ist ein großer Reifungsprozess, den man in so einer Produktion durchläuft. Über mehrere Wochen immer wieder neu und vertiefend an einer Rolle zu arbeiten, musikalisch und darstellerisch, bringt dich weiter.“

Nicht nur bei den Opern legt sich der Mittdreißiger eine Beschränkung auf. Im nächsten Jahr wird er sich eine Auszeit von acht Monaten nehmen. „Als Sänger muss man einige Opfer bringen. Bei einer Tournee mit zwölf Konzerten ist man beispielsweise zwanzig Tage unterwegs, von Hotel zu Hotel. Ständig muss man auf seine Stimme aufpassen, das tägliche Ziel lautet, fit sein, um am Abend ein gutes Konzert singen zu können.“

Lust auf ungewöhnliche Projekte

In den letzten Jahren hat sich die Karriere des jungen Sängers mit der agilen, hoch liegenden Stimme rasant entwickelt, zahlreiche Opernproduktionen, Konzerte und eine immense Fülle an CD-Produktionen hat Jaroussky auf der Haben-Seite. „Nächstes Jahr werde ich 35 Jahre alt, eine gute Gelegenheit, um eine kleine Pause ­einzulegen.“ Reisen will er in dieser Zeit, ohne den immerwährenden Druck der Konzertverpflichtungen zu spüren. Stimmpflege sei auch ein wichtiger Faktor, der Stimme wieder die nötige Ruhe zu geben, sich zu entwickeln. Und nicht zuletzt gehe es ihm ­darum, sich als Künstler, der bis zu achtzig Vorstellungen jährlich singt, die Frische zu erhalten, nicht zum singenden Roboter zu werden, nicht auszubrennen in einem immer dichter werdenden Klassik-Markt, der zugleich auch immer höhere Ansprüche an die Perfektion eines Sängers stellt.

Zu dieser Frische gehört für den jungenhaften Sänger mit dem Engelstimbre auch die Lust, sich auf ungewöhnliche Projekte einzulassen. Letztere verbinden ihn seit einigen Jahren mit Christina Pluhar, der Leiterin des Ensembles L'Arpeggiata, mit der sich Philippe Jaroussky auch mal an Cross-Over-Projekte zwischen Barock und Folklore mit jazzigen Improvisationen wagt. „Das macht zuerst einmal sehr viel Spaß. Und warum soll man in ein Konzert nicht auch mal witzige, unterhaltsame Sachen einbauen? Ich glaube, dass es eine Trennung zwischen ernster und unterhaltsamer Musik in der Barockzeit überhaupt nicht gegeben hat.“

So wie er die Trennung zwischen den unterschiedlichen Musikgattungen ablehnt, so wenig will sich Jaroussky in Schubladen stecken lassen. Als er vor einigen Jahren eine CD mit französischsprachigen Liedern des 19. und 20. Jahrhunderts aufgenommen hat, hat man gerade in seinem Heimatland mit Verwunderung reagiert. „In Frankreich gibt es ganz stark diese Tradition, zu trennen zwischen Opern- und Konzertsängern.“ In Deutschland gebe es so ein Spezialisierungsdenken nicht, hier sei es normal, dass Sänger heute in einer Oper auftreten und morgen einen Liederabend geben. Und diese Selbstverständlichkeit möchte er für sich als Musiker haben, da sie für ihn auch einen Teil seiner künstlerischen Autonomie darstelle.

Extreme Tragik, turbulente Komik und glühende Liebe

Mit diesem Anspruch gestaltet Jaroussky mittlerweile auch zahlreiche eigenverantwortete Programme („ich liebe es, nach unbekannten Partituren zu suchen“). Mit dem von ihm gegründeten Ensemble Artaserse tourt er zurzeit durch Europa und macht am kommenden Wochenende auch in Baden-Baden Station. Ausschnitte aus Opern des 17. und 18. Jahrhunderts, großteils Raritäten, hat er für sich und die mit ihm befreundete Altistin Marie-Nicole Lemieux zu einem kontrastreichen, zwischen den Affekten springenden Programm arrangiert, das eine Zwei-Personen-Oper in konzertantem Rahmen ergibt.

„Nach der Art von Shakespeare-Dramen“, nennt Jaroussky diese Konzeption, bei der der Hörer im einen Moment extreme Tragik, im nächsten turbulente Komik und dann wieder glühende Liebe erlebt. „Mit Marie-Nicole Lemieux genügt manchmal ein einzelner Blick, um von Emotion zu Emotion zu gleiten. Mit ihr stellt sich eine Verbindung ein, bei der wir auf der Bühne zu einer perfekten Einheit werden.“

Gleichzeitig ergibt sich bei diesem Programm ein eigentümlicher, fast verwirrender Eindruck, da Jarousskys Stimme die höhere ist, während Lemieux sich meist in brustigen Alt-Tiefen tummelt. Gerade wenn es um Liebes-Duette geht, erzeugt das eine kleine Irritation, die zur produktiven Spannung wird und damit den Anspruch Jarousskys beglaubigt: „Wir wollen Konzerte dramatisieren, wollen Einzelnummern zu einem emotionsreichen Bogen spannen, dadurch mehr an Tiefe erreichen als in einem typischen Arien-Konzert und dabei die Zuhörer unterhalten.“

  Artikel teilen
0 KommentareKommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.