Der Fall Gustl Mollath Der Wahnsinn und die Justiz

Von Wiebke Ramm 

Der Fall Gustl Mollath hat Deutschland erschüttert. Sieben Jahre saß er in der Psychiatrie. Am Montag beginnt sein Prozess noch einmal von vorn. Es geht dabei nicht nur um Mollaths Unschuld, sondern auch um das Ansehen der Justiz und der Gerichtspsychiatrie.

Im August 2013 verlässt Gustl Mollath das Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Foto: dpa
Im August 2013 verlässt Gustl Mollath das Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Foto: dpa

Regensburg - Ein Mann wird für verrückt erklärt und über Jahre in die Psychiatrie eingesperrt, er lehnt Behandlungen ab und wird von Ärzten dafür als krankheitsuneinsichtig eingestuft – ein Stoff, aus dem Albträume sind. Wenn am Montag vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Regensburg der Prozess gegen Gustl Mollath neu aufgerollt wird, geht es um weit mehr als die Vorwürfe, die in der Anklageschrift gegen den 57-Jährigen genannt sind. Es geht um das Vertrauen der Menschen in die Justiz und in die Gerichtspsychiatrie.

Im August 2006 hatte das Landgericht Nürnberg-Fürth geurteilt, Mollath habe 2001 seine damalige Frau mit der Faust geschlagen, sie in den Arm gebissen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Im Folgejahr soll er sie für eineinhalb Stunden in der Wohnung eingesperrt haben. Auch soll er später zahlreiche Autoreifen zerstochen haben. Die Anklage lautete auf gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung. Mollath bestreitet seit jeher alle Vorwürfe.

Eine Chronologie des Falls Mollath zum Durchklicken:

Mollath hatte im Vorfeld Anzeige gegen seine Frau, damals Bankerin, gegen Mitarbeiter der HypoVereinsbank und einige Kunden wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung, Schwarzgeld- und Insidergeschäften erstattet. Die Staatsanwaltschaft lehnte ein Ermittlungsverfahren ab. Mollath sieht in seiner Anzeige den Anfang von allem, was ihm in der Folge widerfahren ist. Das Nürnberger Gericht spricht ihn damals frei, aber nicht, weil es ihn nicht als Verursacher der Taten sieht, sondern weil es einem Gutachten folgt, wonach Mollath psychisch krank und deswegen schuldunfähig sei. Da niemand schuldig gesprochen werden kann, der nicht Herr seiner Handlungen ist, wird er freigesprochen und stattdessen in die Psychiatrie eingewiesen. Dort bleibt er sieben Jahre lang.

Sein Prozess damals wurde alles andere als akribisch geführt. Die Verhandlung dauerte nur wenige Stunden. Ob an Mollaths Vorwürfen wegen unsauberer Bankgeschäfte irgendetwas dran war, wurde nicht geprüft, sondern sie wurden von einem Gutachter zum anderen als Ausdruck eines Wahns angenommen.

Mehr als 40 Zeugen sind geladen

In mühsamer Fleißarbeit stellte Mollaths Verteidiger Gerhard Strate schließlich alle Indizien zusammen und beantragte, den Prozess neu aufzurollen. Dass ein rechtskräftig abgeschlossener Prozess noch einmal von vorne beginnt, ist ein in Deutschland seltener Vorgang. Die Hürden für ein Wiederaufnahmeverfahren sind hoch. Zu den Raritäten des Falles Mollath gehört, dass auch die Staatsanwaltschaft Regensburg einen Antrag auf Wiederaufnahme stellte. Am 6. August 2013 ordnete das Oberlandesgericht Nürnberg an, dass der Prozess neu aufgerollt und Mollath freigelassen werden muss. Nun steht alles wieder auf Anfang. Bei der Wiederaufnahme sind bislang 17 Termine angesetzt. Mehr als 40 Zeugen sind geladen, darunter frühere Gutachter. Mollaths Exfrau sollte am ersten Tag aussagen, doch sie beruft sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht und ist inzwischen nicht mehr als Zeugin geladen. Sie nimmt als Nebenklägerin am Prozess teil, doch ab sie tatsächlich im Saal sitzen wird, ist unklar.