| Zeitungsgruppe Stuttgart |Freitag, 10. Februar 2012
Politik
Artikel weiterempfehlen

Der Fall Sarrazin "Die Einbindung ins größere Ganze"

Birgit Loff, vom 02.09.2010 18:29 Uhr
 Foto: dpa
Foto: dpa
Frankfurt - Von Bundespräsident Gustav Heinemann stammt der Ausspruch "Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau". Der sonst so distanzierte Politiker Thilo Sarrazin sieht das anders. Wenn man wie er "so lang dem Staate dient, bleibt es nicht aus, dass man ihn liebt, und das Staatsvolk natürlich auch". Sarrazin liebt, wohlgemerkt, nur das Staatsvolk. Seine Liebe und sein Respekt gelten den Wohlausgebildeten und denen, die sich anstrengen, das Bruttosozialprodukt zu steigern. Nicht eingewanderten "Integrationsunwilligen".

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde er Mitglied der SPD. Niemals habe ihn "das einzelne Sachgebiet nur als solches gefesselt, immer suchte ich den Zusammenhang und die Einbindung ins größere Ganze". Dem kam sein Wechsel in den öffentlichen Dienst entgegen, als Referent im Bundesministerium der Finanzen, dann als Referatsleiter im Bundesarbeitsministerium und schließlich erneut in hohen Positionen im Bundesfinanzministerium. Höhepunkte für ihn waren die Mitarbeit an den Verträgen zur Währungsunion und zur deutschen Einheit.

Sarrazin predigte Hartz-IV-Empfängern kalte Duschen


Verstehen und gestalten, daran wollte Sarrazin auch in der Politik festhalten, erst als Staatssekretär in Rheinland-Pfalz, später als Finanzsenator in Berlin. Als "Sparkommissar" erwarb er sich Verdienste um die Sanierung des Landeshaushalts. Aber es galt, wie gesagt, auch das "größere Ganze" im Auge zu behalten. Waren die Grafiken, mit denen er zunächst versuchte, auf die aus seiner Sicht viel zu hohen Sozialkosten Berlins und Deutschlands aufmerksam zu machen, zu langweilig? Wollte niemand seine Warnungen hören?

Na bitte, er konnte auch anders. Er predigte Hartz-IV-Empfängern Wasser, genauer gesagt kalte Duschen statt der warmen und das Tragen von Pullovern statt überheizter Wohnungen. Er schmähte Migranten, die die Ausbildung ihrer Kinder vernachlässigten und "ständig neue Kopftuchmädchen produzieren". Er schlug einen Drei-Tage-Speiseplan vor, um Hartz-IV-Beziehern zu beweisen, dass man mit dem Regelsatz von 4,25 Euro noch sparen kann.

Er hat ein Gespür für überfällige Diskussionen


Kritik am Chefkoch Sarrazin kam von allen Seiten. Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner von den Linken fand es daneben, "wenn gut bezahlte Menschen wie wir armen Menschen vorschlagen, wie sie einkaufen sollen". Armut bedeute eben mehr, als über genügend Geld zu verfügen. Angesprochen auf die jeweils jüngste Wortmeldung des "lieben Thilo", blickte Berlins Regierungschef Klaus Wowereit(SPD) gern ergeben gen Himmel, als flehe er höhere Mächte um Beistand an.

Dabei hat Thilo Sarrazin ein Gespür für überfällige Diskussionen - nur schien er auch als Bundesbanker nicht zu spüren, was er verpatzt, wenn er Worte benutzt und Vorschläge unterbreitet, über die man sich aus der extrem rechten Ecke nicht wundern müsste. Für sein neues Buch hat er eins draufgesetzt und auch noch die Genetik entdeckt.
Weitere Artikel
Kommentare (5)
Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
SEP
04
13:13 Uhr, geschrieben von mw
Sarrazin
Die, die fordern, er solle sich aus allen Ämtern zurückziehen, sollten überlegen, ob ihnen die freie Meinungsäußerung was wert ist, vielleicht wollen sie sein Buch verbrennen? Wenn er gelogen hat, dann sollte man ihn anhand seiner benutzen statistischen Auswertungen widerlegen, gelingt das nicht, darf man in hängen? Wie immer wird der Überbringer der Nachricht getötet. Die, die von gelungener Integration reden, sollen doch mal abends mit ihrer Tochter oder Frau durch solche Wohngegenden spazieren gehen, warum auch nicht. Frau Nahles, die der SPD immerhin schon viel Lohn gekostet hat, bei relativ wenig Erbaulichem, fordert in einem Brief an die SPD-Mitglieder einen Rauswurf von Sarrazin, weswegen? Weil er die Frechheit hatte, Statistikern zu glauben? Viele SPD-Mitglider halten zu Sarrazin, aber die SPD-Führer wollen ein Maulhalte-Exempel statuieren. Wer nicht auf das wartet, was die Parteiführer erzählt haben wollen, der schadet der Partei. Andrea Nahles, nimm das zur Kenntnis: Partei muß von unten kommen, wird Partei von oben bestimmt, ist sie wie katholische Kirche - antidemokratisch, hierarchisch. Willst du das, Andrea?
SEP
03
13:11 Uhr, geschrieben von Martina
Sarrazin
Weg mit diesem Typ, der wahrscheinlich im Dritten Reich richtig gut Karriere gemacht hätte. Ich kann und will nicht begreifen, dass jemand, der sich in einer Art und Weise über Menschen äußert, dass man das kalte Grausen bekommen könnte, noch Vorstand und zudem SPD-Mitglied sein darf.
SEP
02
22:11 Uhr, geschrieben von Til
Da reicht auch schon...
... ein Blick ins Grundgesetz aus. Wie kann unsere Medienlandschaft an so einem Tag eigentlich jubeln? Heulen müssten sie in den Redaktionen eigentlich allesamt, denn dass gegen einen Menschen, der eine (unliebsame und möglicherweise auch fehlerhafte) Meinung geäussert hat, privater und beruflicher Druck bis hin zur Versenkung ausgeübt wird, hat es hier seit 20 bis 65 Jahren nicht mehr gegeben. Und das war ein verdammt wichtiger Schritt für diese Gesellschaft; wenn sie keinen Sarrazin aushält, ist sie brüchiger und kaputter als 1932. Nicht Sarrazin ist der Brandstifter. Medien und Politiker zünden gerade die Lunte an, und wie leicht es ihnen fällt, die gesamten demokratischen und gesellschaftlichen Fortschritte des letzten Jahrhunderts in den Wind zu blasen, tut nur noch weh. Im Übrigen traurig, dass Wahrheiten über Parallelgesellschaften, die Kirsten Heisig ausgesprochen hat, mit gelinder Kritik - aber doch als gegeben - hingenommen wurden, sie bei Thilo Sarrazin diesen aber zum weltfremden Rassisten und Provocateur machen - auch das fällt den Menschen mittlerweile auf. Diese Heuchelei und Unaufrichtigkeit wird in Verbindung mit dem Schulterschluss von Politik und Medien die Politikverdrossenheit (und, wenn's ganz blöd läuft, auch die radikalisierten Protestwähler) hier im Land auf ein neues Niveau heben. Schade - mit dem sonst so gerne und laut beschrienen demokratischen Diskurs wäre man weiter gekommen als mit quasi-stalinistischer Mundtotmacherei. Aber (ungeschriebene) Regeln gelten eben immer nur, so lange sie der eigenen Sache nutzen. Und die Sache der Politik steht momentan leider flächendeckend konträr zu der Sache der Bevölkerung.
Kommentar-Seite
vorherige
1  von  2
nächste
Anzeige
Polizeibericht
Blaulicht aus Stuttgart: 9. Februar: Sechs Unfälle auf B14
Blaulicht aus der Region: 9. Februar: Überfall auf Tankstelle
Blaulicht aus Stuttgart: 8. Februar: Einbrecher unterwegs
Aktuelle Videos
 
Nachrichten-Ticker
01:50 Verkehrsrichter empfehlen Amnestie für Verkehrssünder »
01:47 Argentinien beschwert sich bei UN über London »
00:33 Bedingungen an Athen für Rettungsprogramm »
00:29 US-Richter verwirft Klage gegen "Versklavung" von Orcas »
23:20 US-Börsen leicht im Plus nach Einigung in Athen zum Sparpaket »
1   2   3   4   5   6   7   weiter
 
StZ digital
Stuttgarter Zeitung digital
Die gedruckten Ausgaben im Originallayout.

 
 
ePress App
Genießen Sie Ihre Stuttgarter Zeitung auch auf dem iPad.
 
 
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.
Abonnement