Der Fall Sarrazin "Die Einbindung ins größere Ganze"
Birgit Loff, vom 02.09.2010 18:29 Uhr
Frankfurt - Von Bundespräsident Gustav Heinemann stammt der Ausspruch "Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau". Der sonst so distanzierte Politiker Thilo Sarrazin sieht das anders. Wenn man wie er "so lang dem Staate dient, bleibt es nicht aus, dass man ihn liebt, und das Staatsvolk natürlich auch". Sarrazin liebt, wohlgemerkt, nur das Staatsvolk. Seine Liebe und sein Respekt gelten den Wohlausgebildeten und denen, die sich anstrengen, das Bruttosozialprodukt zu steigern. Nicht eingewanderten "Integrationsunwilligen".
Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde er Mitglied der SPD. Niemals habe ihn "das einzelne Sachgebiet nur als solches gefesselt, immer suchte ich den Zusammenhang und die Einbindung ins größere Ganze". Dem kam sein Wechsel in den öffentlichen Dienst entgegen, als Referent im Bundesministerium der Finanzen, dann als Referatsleiter im Bundesarbeitsministerium und schließlich erneut in hohen Positionen im Bundesfinanzministerium. Höhepunkte für ihn waren die Mitarbeit an den Verträgen zur Währungsunion und zur deutschen Einheit.
Sarrazin predigte Hartz-IV-Empfängern kalte Duschen
Verstehen und gestalten, daran wollte Sarrazin auch in der Politik festhalten, erst als Staatssekretär in Rheinland-Pfalz, später als Finanzsenator in Berlin. Als "Sparkommissar" erwarb er sich Verdienste um die Sanierung des Landeshaushalts. Aber es galt, wie gesagt, auch das "größere Ganze" im Auge zu behalten. Waren die Grafiken, mit denen er zunächst versuchte, auf die aus seiner Sicht viel zu hohen Sozialkosten Berlins und Deutschlands aufmerksam zu machen, zu langweilig? Wollte niemand seine Warnungen hören?
Na bitte, er konnte auch anders. Er predigte Hartz-IV-Empfängern Wasser, genauer gesagt kalte Duschen statt der warmen und das Tragen von Pullovern statt überheizter Wohnungen. Er schmähte Migranten, die die Ausbildung ihrer Kinder vernachlässigten und "ständig neue Kopftuchmädchen produzieren". Er schlug einen Drei-Tage-Speiseplan vor, um Hartz-IV-Beziehern zu beweisen, dass man mit dem Regelsatz von 4,25 Euro noch sparen kann.
Er hat ein Gespür für überfällige Diskussionen
Kritik am Chefkoch Sarrazin kam von allen Seiten. Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner von den Linken fand es daneben, "wenn gut bezahlte Menschen wie wir armen Menschen vorschlagen, wie sie einkaufen sollen". Armut bedeute eben mehr, als über genügend Geld zu verfügen. Angesprochen auf die jeweils jüngste Wortmeldung des "lieben Thilo", blickte Berlins Regierungschef Klaus Wowereit(SPD) gern ergeben gen Himmel, als flehe er höhere Mächte um Beistand an.
Dabei hat Thilo Sarrazin ein Gespür für überfällige Diskussionen - nur schien er auch als Bundesbanker nicht zu spüren, was er verpatzt, wenn er Worte benutzt und Vorschläge unterbreitet, über die man sich aus der extrem rechten Ecke nicht wundern müsste. Für sein neues Buch hat er eins draufgesetzt und auch noch die Genetik entdeckt.