Der Hobbit und seine Erben Nichts gegen Fantasy! – Kirche und Literaturbetrieb Seit’ an Seit’

Denis Scheck, 30.06.2012 16:05 Uhr

Deshalb sagte Tolkien, die Einzigen, die etwas gegen Eskapismus hätten, seien die Gefängniswärter. Und von solchen Gefängniswärtern wimmelt es in Deutschland – nicht nur in der Literaturkritik. So verweigerte mir die katholische Kirche in Köln noch unlängst eine Drehgenehmigung, als ich in einer ihrer schicken Immobilien mit unwiderstehlicher Innenstadtlage mit Corne­lia Funke über ihre grandiose Tintenwelt-Trilogie sprechen wollte. Zu unchristlich sei die Botschaft von Funkes Büchern, so wurde mir seitens des Kölner Kardinals bedeutet, als dass in einem katholischen Gotteshaus ein Gespräch darüber infrage komme.

In den Buchhandlungen müsste es nicht Regale für Fantasy, sondern für Nichtfantasy geben. Denis Scheck hat nichts gegen Eskapismus

Übersetzt aus der kurzlebigen Sprache des Journalismus in die langlebigen Worte des Johannesevangeliums heißt das: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“ – aber für Glasmänner oder Moosweibchen, Halblinge, Elfen und Trolle, Feen, Zwerge, Riesen findet sich noch nicht einmal eine Dienstbotenkammer. Für fantastisches Gesindel dieser Art gilt dasselbe wie für Hunde vor Türen von Fleischereien: „Wir müssen leider draußen bleiben.“

Bücher mit Elfen und Zwergen sind verdächtig

Die katholische Kirche und der deutsche Literaturbetrieb teilen mindestens zwei Eigenarten: sie nehmen gern übel und waren immer schon auf der Seite der Drachentöter. Und deshalb wurde über Autoren von Fantasy-, Horror- und Science-Fiction-Geschichten ein pauschaler Trivialitätsverdacht verhängt, der für Autoren von Kinderbüchern ja sowieso schon lange und fast ausnahmslos galt, denn Geschichten über und mit Glasmännern oder Moosweibchen, Halblingen, Elfen und Trollen, Feen, Zwergen oder Riesen wurden als eskapistisch angesehen und damit als aliterarischer Schmutz und Schund.

Schön wäre es, diese dunkle Epoche der Fantasyverachtung im deutschen Geistesleben für lange schon beendet zu erklären, sie der grauen Vorzeit dünkelhafter Vorurteile zuzurechnen. Aber wir Fantasyleser ahnen es schon lange: das Böse lebt. Oder, mit Tolkien gesprochen, im deutschen ­Literaturbetrieb wimmelt es von Gefängniswärtern. Das Ressentiment gegen die ­fantastische Literatur erfreut sich einer wahren Rossnatur, ist von stählerner Gesundheit, die Vorurteile gegen die Fantasy sind fit wie lange nicht mehr, denn Erfolg ruft bekanntlich Neider auf den Plan.