Der Hobbit und seine Erben Nichts gegen Fantasy!
Denis Scheck, 30.06.2012 16:05 UhrStuttgart - Immer, wenn ich zu glauben beginne, in Wirklichkeit stehe es mit diesem Land und seiner Literatur eigentlich recht gut, begegne ich Menschen, die ganz genau wissen, was ein Gedicht ist und was nicht. Oder was Literatur ist und was nicht. Und Fantasy, sagen solche Menschen oft, so viel stehe doch bitte schön schon mal fest, Fantasy sei keine Literatur. „Ich hasse es, wenn Menschen mit Pelzohren Wunderdinge tun“, ließ sich vor einigen Jahren etwa Elke Heidenreich zum Thema Tolkien und Co. zitieren. Dass die Hobbits in J. R. R. Tolkiens „Herrn der Ringe“ gar keine pelzigen Ohren, sondern pelzige Füße haben – nebbich. Wer interessiert sich für Fakten, wenn er eine Meinung haben kann? Einige Jahre später legte dieselbe Kritikerin, nun allerdings weg vom Schirm, nach: „Vampire, Trolle, Elfen, Morde. Es ist entsetzlich“, sagte Heidenreich mit Blick auf die Spitzentitel der deutschen Bestsellerliste. „Die Belletristik liegt darnieder.“
Solche offen eingestandenen Begrenzungen des persönlichen Geschmacks und des kulturellen Horizonts mag es geben. Sie sind, wie jede intellektuelle Beschränktheit, bedauerlich. Nicht jedes persönliche Handicap kann und muss überwunden werden. Nur wird, wer partout keinen Fisch mag, es in der Gastrokritik nicht weit bringen. In der Literaturkritik scheint es da anders zuzugehen. Die Verachtung ganzer Genres gehört hier seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten zum guten Ton.
Hartnäckig hält sich das Gerücht, es gäbe so etwas wie eine realistische Literatur. Eine Literatur, die von unserem wirklichen Leben mit Beziehungsstress und Ärger mit der Steuer, dem Dauerclinch im Büro, Orgasmusschwierigkeiten und Erektionsproblemen erzähle – im Gegensatz zu all den Märchengeschichten mit Feen und Zauberern, Kämpfen gegen Drachen oder Hexen und den Abenteuern von Hobbits oder Harry Potter, die nichts, aber rein gar nichts mit unserem Alltag zu tun haben, sondern nur eine billige Flucht aus diesem ermöglichten.
Eskapismus heißt denn auch der Killervorwurf gegen diese Art von Literatur. Geflissentlich unterschlagen wird dabei jedoch, dass die Flucht aus der Wirklichkeit überhaupt der Urgrund aller Literatur und allen Lesens ist. Wir lesen, weil wir das Bedürfnis haben, von unseren eigenen Lebensumständen, den jeweils opportunen politischen und sozialen Glaubensgewissheiten, der permanenten Nabelschau einmal abzusehen, um nach dem Genuss einer Geschichte mit frischem Blick, ausgelüftetem Hirn und wachem Herz in unser eigenes Leben zurückzukehren.
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Englisch gelernt dank Phantastik
Ein schöner Artikel - dafür meinen Dank! Ich hoffe, er kommt auch irgendwann bei den Personen im Elfenbeinturm (nicht der aus der 'Unendlichen Geschichte, sonder der, in dem selbsternannte Literaturkritiker hocken und Inquisition spielen) an, vor allem bei Frau Heidenreich. Ich bin mit Märchen aufgewachsen, mit Büchern wie 'Momo', 'Die unendliche Geschichte' oder 'Ronja Räubertochter' und hatte zu diesen Geschichten immer einen besseren Zugang, als zu simpler Realliteratur. Ich war als Kind schon immer sehr kreativ und konnte aus dem Stegreif Welten mit eigenen Wesen erschaffen und dazu Geschichten erzählen. Noch heute fällt es mir leicht, aus dem Stegreif Geschichten zu erfinden und jemandem direkt zu erzählen und ich finde, gerade das hält einen auch wunderbar jung. Als Jugendliche war ich zudem in der Schule in Englisch früher keine großartige Leuchte. Zum Teil lag es an den teils unsäglichen Lehrern ;), zum Teil aber fiel es mir doch etwas schwer. Dann sah ich die Star Wars Filme, deren 'Welt' ja doch eher fantasylastig ist, und ich begann mich dafür zu interessieren. Damals gab es auf deutsch dazu nicht viel und so kaufte ich mir erst ein paar englischsprachige Comics und dann wagte ich mich sogar an die englischsprachigen Bücher, schaute die Filme auf englisch und tatsächlich besserte sich mein Englisch auf die Weise. Mittlerweile lese ich 'A Song of Ice and Fire' auf englisch - ich bin beim 4. Buch und jedes ist um die 800, 900 oder mehr Seiten stark. Vor der englischen Sprache graut es mir kein bisschen mehr. :) Danke, Phantasie!
Fantasy Literatur und Kirche
Grüß Gott an alle, Sehr geehrter Herr Scheck, ihr Beitrag ist wirklich mal eine ernstzunehmende Lanze, die für die Fantasyliteratur gebrochen worden ist. Ich lese Fantasy-Romane seitdem ich jung bin. Das hat mit Prinz Eisenherz und den Geschichten Tolkiens angefangen und findet jetzt immer noch Anklang in den Werken von George R.R. Martin und Co. Natürlich gibt es auch Schundliteratur innerhalb dieses Genres, aber ein Genre frei von Schund gibt es wohl nicht. Ich möchte zudem darauf hinweisen, dass auch preisgekrönte 'Historische Romane' wie Bernard Cornwell's 'Saxon Chronicles' nie ohne fantastische Elemente auskommen, diese aber nie mit den gleichen Vorurteilen zu kämpfen haben. Meine Schwester, die Fantasy-Romane auch gerne liest, hat einmal zu mir gesagt, dass Sie höhere Literatur einfach nicht versteht. Ich habe ihr geantwortet, dass jede Literatur lesenswert ist, wenn Sie gut geschrieben ist. Das muss dann nicht immer Goethe sein. Sobald ich mein theologisches Examen bestanden habe, lade Ich Sie sehr herzlich einmal zu mir in die Kirche ein, um das Gotteshaus auch mal mit Leben zu füllen, oder ein Interview zu filmen. Alte Gemäuer laden doch ein zum Träumen und ich kann mir partout nicht vorstellen, was daran so schlimm ist. Ein Konzert kann ja unter Umständen auch in der Kirche statt finden.
Fantasy zu einseitig
Hallo zusammen, in gewissem Maße muss ich den Kritikern der Fantasy-Literatur recht geben. Die meisten Werke erlauben ein wunderbares Schwarz-Weis-Denken. Der Held erschlägt den Bösen Drachen. Tausendmal geschrieben und tausendmal passiert es gleich. Nur der Hintergrund ändert sich etwas. Da fehlt einfach das neue, noch nie dagewesene. Gutes Handwerk aber keine Kreativität. Auf der anderen Seite gibt es auch wunderschöne Geschichten über selbstkritische Helden. Über 'böse' Elfen, deren Heimat von von den Menschen erobert und zerstört wurde und die sich nun rechen. Über Helden, die eigentlich gar keine sind. Diese werden aber einfach von den vielen sich wiederholenden Geschichten überlagert. Aber ich finde es für die Menschliche Entwicklung sehr wichtig Helden zu haben. Menschen die an Grenzen stoßen und diese überschreiten. Einfach weil sie wissen, dass es notwendig ist. Es macht uns Mut für unsere eigene Meinung einzustehen. Uns nicht alles von Oben diktieren zu lassen. Oder wie in diesem Artikel geschenen: Sich dem bösen Drachen der vorgefassten Meinung mit dem Schwert des Wortes gegenüberzustellen.