Der Mediziner Sergej Koval berichtet aus Tschernobyl „Diese Hilfe hat Leben gerettet“

Von Höhn 

Sergej Koval arbeitet als Arzt unweit von Tschernobyl. Trotz vieler Hilfen in den vergangenen 30 Jahren auch aus Baden-Württemberg leidet die Region dort immer noch unter der Reaktorkatastrophe.

Die Frühchen-Station in Gomel ist heute wesentlich besser ausgerüstet als noch vor einigen Jahren. Foto: privat
Die Frühchen-Station in Gomel ist heute wesentlich besser ausgerüstet als noch vor einigen Jahren. Foto: privat
Ludwigsburg - Nur 140 Kilometer liegen zwischen Tschernobyl und der Großstadt Gomel. Viele Menschen haben die Region nach dem Reaktorunglück verlassen, noch mehr sind geblieben. Unter ihnen ist Sergej Koval, leitender Arzt im bedeutendsten Krankenhaus der Provinz. Bei einer Veranstaltung spricht der 47-Jährige an diesem Dienstag in Ludwigsburg über die Folgen des Supergaus für seine Heimat.
Herr Koval, anlässlich des Jahrestags wird in Deutschland wieder viel über die Kata­strophe von Tschernobyl berichtet. Wie geht man in Ihrer Heimat mit diesem Datum um?
Es ist ein wichtiges Datum in Weißrussland, ein sehr trauriges. Jeder Mensch in Gomel, in Minsk oder anderswo weiß, was es bedeutet, was diese Katastrophe für Weißrussland bedeutet.
Welche Rolle spielt der 26. April 1986 heute noch in Ihrem Land?
Eine große. Weißrussland war von dem Unglück stärker betroffen als andere Länder. 20 Prozent unseres Territoriums sind mit radioaktiven Stoffen verseucht.
Sie arbeiten in Gomel, nur 140 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Wie ist die Situation?
Gomel liegt in einem Gebiet, das stark verseucht ist. Aber es ist eine wichtige Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohnern, viel Industrie. Die Stadt arbeitet, sie lebt.
Aber die Menschen sind einer permanenten Gefahr ausgesetzt.
Viele sind weggezogen. Heute noch zieht es viele Menschen in andere Regionen, wenn sich eine Möglichkeit ergibt. Aber Gomel ist eben auch eine schöne Stadt für ihre Bewohner, es gibt Arbeit, es gibt Wohnungen. In der Region leben zwei Millionen Menschen, die können nicht alle woanders hin.
Sie sind Arzt. Mit welchen Folgen der Katastrophe hat Weißrussland bis heute zu kämpfen?
Krebserkrankungen, Brustdrüsenerkrankungen, die Zahl an Schilddrüsenerkrankungen ist im Vergleich zu anderen Regionen erhöht, auch bei Kindern. Chromosomen-Anomalien kommen häufiger vor.
Der Zusammenhang mit dem Reaktor-Unglück ist unstrittig?
Natürlich spielen bei Erkrankungen verschiedene Einflüsse eine Rolle. Gomel war immer schon eine Region, die unter Jodmangel gelitten hat. Das kann eine natürliche Ursache für Erkrankungen sein. Aber klar ist: die Region ist radioaktiv verseucht, und Radioaktivität greift das Immunsystem an – das ist unstrittig. Dennoch sehen die meisten Menschen keine direkte Gefahr mehr für sich – und bleiben.
Sie sind Spezialist für Kleinkind-Intensivmedizin, für Frühgeborene. Wie hat sich in Ihrem Fachgebiet die Situation verändert?
Sie ist besser geworden. Wir können heute viel mehr Kindern helfen als in den 1990er Jahren. Wir sind besser ausgerüstet und besser ausgebildet. Ein Kind, das damals mit weniger als einem Kilo Körpergewicht auf die Welt kam, hatte kaum eine Chance. Heute verzeichnen wir große Erfolge.
Worauf ist dies zurückzuführen?
Die Intensivmedizin hat große Fortschritte gemacht. Dazu kommt, dass Weißrussland in den 1990er Jahren in einer tiefen Krise steckte, ökonomisch und gesellschaftlich. Heute haben wir immer noch eine Krise, aber die Situation ist besser geworden.
Der Stuttgarter Verein Freunde der Kinder von Tschernobyl, der sich seit mehr als 25 Jahren für die Opfer der Katastrophe engagiert, hat von Anfang an den Austausch zwischen Ärzten aus Weißrussland und Westeuropa forciert. Wie wichtig war dies für die medizinische Entwicklung?
Ich habe 2002 im Olgäle in Stuttgart hospitiert und dabei viel mitgenommen. Die medizinische Weiterbildung hat eine große Rolle gespielt, das gilt aber auch für die anderen Hilfsaktionen des Vereins.
Inwiefern?
Wir haben nicht nur moralische, sondern auch materielle und humanitäre Hilfe bekommen. Damals hat in unserem Krankenhaus vieles gefehlt, Ausrüstung, Medikamente. Ein Bespiel: der Verein hat unsere Station mit einem Beatmungsgerät beliefert, das ist jetzt seit zehn Jahren im Einsatz. Diese Hilfe hat Leben gerettet. Es gibt viele solcher Beispiele.
Was ist zurzeit das größte Problem vor Ort?
Wir benötigen dringend eine neue Kinderklinik. Momentan sind die Stationen für Kinder auf verschiedene Orte verteilt, was ein großer Nachteil ist.
Waren Sie jemals direkt in Tschernobyl?
Manche meiner Kollegen sind hingefahren und haben sich den Reaktor angeschaut – gerade wird dort ja ein neuer Schutzmantel gebaut, der zweite Sarkophag.
Sie sind nicht mitgefahren?
Ich würde es schon machen. Aber ich war in den vergangen Jahren als Arzt und Berater so viel in verseuchten Städten unterwegs – ich will nicht noch mehr Radioaktivität abbekommen als unbedingt notwendig.