Der Philosoph Max Bense Antiakademisches Freistilringen

Von Harry Walter 

Er war berühmt und berüchtigt als philosophischer Querdenker, rochierte an der Hörsaaltafel zwischen avantgardistischer Kunst und exakter Wissenschaft. Eine Erinnerung an Max Bense und seine Zeichensprache.

„Mischung aus Wily Millowitsch und Herbert Marcuse“: Max Bense in der Vorlesung vom 6.Dezember 1976, 18.15 bis 19.20 Uhr, im Tiefenhörsaal des K1 der Universität Stuttgart. Foto: Jonnie Döbele
„Mischung aus Wily Millowitsch und Herbert Marcuse“: Max Bense in der Vorlesung vom 6.Dezember 1976, 18.15 bis 19.20 Uhr, im Tiefenhörsaal des K1 der Universität Stuttgart. Foto: Jonnie Döbele

Stuttgart - Wie kein anderer, so heißt es, konnte Max Bense sein Publikum im Gefühl entlassen, dem Denken selbst beigewohnt zu haben. Bense war Professor in Stuttgart, und nicht nur seine Denkfiguren galten als spektakulär, auch die Art, wie er sie vermittelte. Der Stuttgarter Filmemacher Jonnie Döbele war in den 70er Jahren Student bei Bense und hielt seinen Blick auf den Philosophen mit seiner Leica fest. 40 Jahre später ist daraus ein Fotobuch entstanden. Der Stuttgarter Künstler Harry Walter, der ebenfalls bei Bense studiert hat, verfasste dazu einEssay, das wir hier in gekürzter Version drucken:

Noch auf dem Gymnasium war mir zu Ohren gekommen, es gebe an der hiesigen Universität etwas zu sehen, das man so schnell nicht wieder vergesse: einen Philosophieprofessor, der 90 Minuten aus dem Stegreif philosophieren könne und bisweilen so sehr in Rage gerate, dass er öffentlich zu explodieren drohe. Das interessierte mich, zumal ich kurz vorher in der Liederhalle erleben durfte, wie Jimi Hendrix mit der Zunge die Saiten seiner elektrischen Gitarre zupfte und damit bewies, dass alles, im Prinzip alles, auch anders sein könnte. Etwas zu früh in der betreffenden Veranstaltung angekommen, fiel mir zunächst auf, dass der Professor schon da war. Mit einem kleinen quadratischen Notizbuch bewaffnet, schien er sich vor der großen Wandtafel warmzulaufen und irgendwelche geistigen Dehnübungen auszuführen. Ab und an grüßte er, über den Lesebrillenrand hinweg, einige am Spielfeldrand auftauchende Bekannte. Ein letzter Blick auf die Uhr und die Veranstaltung konnte beginnen. Max Bense steckte die Brille weg und machte sich endgültig anwesend, indem er seinen Blick ziemlich genau in der geometrischen Mitte des von der Zuhörerschaft eingenommenen Raumvolumens verankerte. Nun setzte ein, was den Namen Max Bense über die akademische Welt hinaus berühmt und einigermaßen berüchtigt machte: sein antiakademisches Freistilringen mit letzten, sprich: allerletzten Fragen, ohne besondere Rücksicht darauf zu nehmen, in wessen angestammte Zuständigkeiten er da eindrang, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, wenn Feinde beim Namen genannt werden mussten. In wenigen Minuten gelang es ihm, fast alles, was der Begriff einer geisteswissenschaftlichen Vorlesung an negativen Erwartungen verhieß, aufs Wörtlichste zu unterlaufen: kein professorales Genäsel, kein Feiertagston, kein verbalisiertes Papiergeraschel, kein Höchstdeutsch am Stehpult, sondern rheinisch gefärbtes, umstandsloses Normaldeutsch eines ständig in Bewegung befindlichen Wort und Gestenprozessors, eine Art tiefergelegter Volkswagen mit Porschemotor, bis heute der Gipfel des Snobismus. Ein in Satire geschulter Freund von mir nannte ihn gar eine Mischung aus Willy Millowitsch und Herbert Marcuse.