Der Protest und die Lügenpresse #MerktEuchdieNamen

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Jeden Montag rufen Tausende in Dresden und anderswo: „Lügenpresse“. Journalisten werden von rechts attackiert – und das nicht nur auf Facebook und Twitter. Das Klima hat sich so verschärft, dass man kaum die Republik von neulich wiedererkennt.

Auf einer Pegida-Demo in Berlin wird auf einem Plakat gegen Journalisten  gehetzt –  längst kommt es auch zu Handgreiflichkeiten und Schlägen gegen Filmteams oder Reporter. Foto: dpa
Auf einer Pegida-Demo in Berlin wird auf einem Plakat gegen Journalisten gehetzt – längst kommt es auch zu Handgreiflichkeiten und Schlägen gegen Filmteams oder Reporter.Foto: dpa

Berlin - Am frühen Freitagabend wollte Helmut Schümann noch schnell beim Edeka um die Ecke ein bisschen Gemüse kaufen. Er ging die Lewishamstraße in Berlin-Charlottenburg entlang, da rief plötzlich jemand sehr nah hinter ihm: „Du bist doch der Schümann vom ,Tagesspiegel‘, du linke Drecksau.“ Dann kam der Schlag auf den Hinterkopf. Der Journalist stürzte, der Angreifer rannte an ihm vorbei und suchte das Weite.

Für Schümann ist klar, dass sein Angreifer ihn nicht zufällig traf, sondern vermutlich auf ihn gewartet hat – in seinem Viertel. Als er angegriffen wurde, war es dunkel, der Journalist trug eine Mütze, war also nicht einfach erkennbar. Am Tag zuvor hatte der Redakteur in seiner Kolumne über die Hetze gegen Flüchtlinge geschrieben. Er schrieb unter anderem, Pegida und die AfD versuchten, Demokratie und Humanität auszuhebeln.

Helmut Schümann will sich nicht kleinkriegen lassen. Foto: dpa-Zentralbild
Nach der Attacke ging Schümann nach Hause, mit aufgeschürftem Knie und voller Schreck, aber auch voller Zorn. „Ich werde meine Kolumne weiter betreiben, mich weiterhin positionieren und mich nicht einschüchtern lassen“, sagte Schümann nach dem Angriff. Eine Kommentatorin auf seiner Seite, eine Kollegin, meldet Zweifel an: „Kann man nach so einem Erlebnis unverändert bleiben?“

Wer hat sich ausgemalt, dass es solche Dialoge geben würde, mitten in Deutschland? Das politische Klima ist rau geworden, es hat sich jüngst so verschärft, dass man manchmal kaum die eigene Republik von neulich wiedererkennt. Es wird gebrüllt, verunglimpft, unterstellt, beleidigt und verhetzt – und es wird sich empört. Die Wut richtet sich gegen Flüchtlinge, gegen ihre Helfer, gegen Politiker, gegen Medien – und inzwischen sehr konkret gegen die Menschen, die für Medien arbeiten.

Viele Übergriffe werden nicht angezeigt

Der Übergriff auf Schümann ist einer von etwa zwei Dutzend, die in den vergangenen Monaten aktenkundig geworden sind. Etliche wurden gar nicht dokumentiert, nicht angezeigt. Besonders schockierend an der Attacke ist, dass sie abseits von Demonstrationen, im privaten Raum des Opfers abspielte. So wie bei Peter Bandermann. Seit Jahren berichtet der Journalist für die „Ruhr Nachrichten“ auch über die rechte Szene. Dass er im Visier war, wusste er schon länger, Neonazis nennen regelmäßig seinen Namen im Netz. Um Weihnachten 2014 wollten Neonazis vor seinem Wohnhaus demonstrieren, die Route wurde untersagt. Am ersten Weihnachtstag warfen Unbekannte schwarz-rot-goldene Farbbomben auf das Haus.

„Es war nur eine Fassade“, sagt Bandermann. „Aber als ich die Tränen in den Augen meiner Tochter gesehen habe, wusste ich auch, dass sie hinter die Fassade gekommen waren.“ Im Februar folgten mehrere Todesanzeigen für Journalisten aus Dortmund im Netz. Vor drei Monaten wurde Bandermann körperlich bedrängt. Nach einem Termin ging er in eine Bäckerei und wollte ein Brötchen kauften. Er merkte nicht, wie ihm mehrere stadtbekannte Rechte folgen. Einer von ihnen zog das Handy raus, filmte, „interviewte“ Bandermann und stellte das Video ins Netz.

Der Journalist erstattete Anzeige wegen Nachstellung, die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt. Sie sah keine schwerwiegende Beeinträchtigung in Arbeit und Leben des Mannes. Vergangene Woche bekam Bandermann die Goldene Viktoria, ein Integrationspreis des Zeitschriftenverlegerverbandes. „Vom Pförtner bis zum Verleger gilt: Von Extremisten lassen wir uns nicht einschüchtern“, sagte er in seiner Rede.

Drohungen gegen die Familie

Regelmäßig werden Reporter, Fotografen, Techniker am Rande von Demonstrationen der Neuen Rechten angegriffen. Der Vorstandssprecher der Organisation „Reporter ohne Grenzen“, Michael Rediske sagt: „Dass die ‚Lügenpresse‘-Rufe der Pegida-Bewegung immer öfter in Schläge und Tritte gegen Journalisten münden, ist eine erschreckende Eskalation.“

Reporter in Dresden haben nun ein Jahr Erfahrungen mit dieser Wut gesammelt. Uta Deckow vom Mitteldeutschen Rundfunk stand im Januar bei einer Pegida-Demonstration an der Bühne, als ein Ordner ihr zuraunte: „Ich schlage normalerweise keine Frauen, aber bei dir mach ich schon mal eine Ausnahme.“ Viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Landesfunkhaus Sachsen berichteten Ähnliches. „Inzwischen ist es so, dass Journalisten zu hören bekommen, sie seien selbst schuld, wenn sie angegriffen werden“, sagt sie im Gespräch. Für Deckow, die den Politik-Desk leitet, war Anfang Oktober der Punkt erreicht, mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Tags zuvor war eine Reporterin von Radio Sachsen in Sebnitz bei einer Demo angegriffen worden. Erst sei die Journalistin bedroht worden, dann hätten ihr Unbekannte von hinten Aufkleber mit dem Wort „Lügenpresse“ auf die Jacke geklebt, schrieb Deckow in einem Kommentar auf der Website. Am Ende versuchte eine Frau, ihr einen Kleber auf die Brust zu heften. „Eine ganze Reihe von Menschen stand herum, schaute zu – schlimmer noch – fotografierte.“

Auch Uta Deckow wurde schon bedroht. Foto: MDR
Deckow: „Wurden Journalisten in Sachsen zuvor nur bei Neonazi-Aufmärschen attackiert, sind Pöbeleien, Schubsereien bis hin zu Handgreiflichkeiten seit Pegida inzwischen bei allen Anti-Asyl-Protesten gang und gäbe.“ Kollegen berichteten davon, dass sie in ihrem Briefkasten Zettel finden, auf denen stehe: „Wir wissen, wo du und deine Kinder wohnen.“ Reporter werden in aller Öffentlichkeit geschubst, getreten, von Faustschlägen ins Gesicht getroffen, Kameras werden entwendet.

„Lügenpresse – halt die Fresse“, so schreien es die Demonstranten von Pegida. In Magdeburg wird der Slogan etwas abgewandelt verwendet. Zum wiederholten Mal zogen dort Teilnehmer von Magida vor die Redaktion der Tageszeitung „Volksstimme“. „Lügenpresse auf die Fresse“, schreit dann eine kleine Gruppe minutenlang vor dem Verlagshaus.

In der Bundesrepublik ist der uralte Kampfbegriff über Jahrzehnte nur von Neonazis benutzt worden. Nun haben die Macher von Pegida ihn für sich gekapert, enttabuisiert, massenfähig gemacht. Längst ist den Rufenden völlig egal, dass sie sich ein Wort zueignen, mit dem die NSDAP die Massen aufhetzte und dann nach der Machtergreifung die freie Presse zunichtemachte. Wie bewusst die Einpeitscher und Wortführer der Neuen Rechten in der Analogie handeln, das lässt sich an dem Slogan ermessen, den Pegida-Gründer Lutz Bachmann auf Facebook nutzt, wenn es um Journalisten geht, die er als missliebig empfindet: #MerktEuchdieNamen.

So radikal ist nur eine sehr kleine Minderheit. Aber wie Gift sickern das wöchentlich artikulierte Misstrauen und die Abwendung von der „Parteiendemokratie“, den „Altparteien“, dem „Meinungskartell“, den „Systemmedien“ in Richtung Mitte. Zu den Vorwürfen, die viele Journalisten inzwischen in Briefen, Mails oder Kommentaren lesen, gehört zum Beispiel: Sie seien gekauft, verbreiteten gefälschte Statistiken, würden „von oben“ gesteuert. In einer Forsa-Umfrage für den „Stern“ stimmten 44 Prozent der Befragten folgender Aussage ganz oder teilweise zu: „Die von oben gesteuerten Medien verbreiten nur unzutreffende oder geschönte Meldungen.“ Jeder fünfte Deutsche verwendet inzwischen selbst den Begriff Lügenpresse.

Uta Deckow beschreibt die Erfahrung, die viele Journalisten in den vergangenen Monaten machen: „Pressefreiheit reicht für viele, die Presse als Lügenpresse bezeichnen, immer nur so weit, wie die Presse sich mit der eigenen Meinung deckt.“

24 Kommentare Kommentar schreiben

man : muss da mal klar sagen, Millionen Menschen in diesem wie auch anderen Ländern haben keinerlei Vertrauen mehr in Medien und Politik. Erst wenn die Menschen wieder Vertrauen spüren wird sich diese Haltung evtl. langsam ändern. Leider sind Medien und Politik dermaßen tief gesunken dass da derzeit kaum Ansatzpunkte für Vertrauensaufbau vorliegen. Aber jeder kann sich ändern, ist gar nicht so schwer, das mussten Millionen Menschen hierzulande und anderswo auch schon machen

Nicht jammern: sondern Job ordentlich machen. Dann motzt auch keiner mehr, oder gibt's dann intern Ärger? Irgendwas muss doch falsch laufen, sonst gäbe es nicht diese weit verbreiteten Vorbehalte gegenüber den deutschen Massenmedien. Oft hilft der Blick in den Spiegel

Schon interessant: Da wird in einem Artikel über zahlreiche Fälle berichtet, in denen Journalisten und ihre Familien bedroht und geschlagen werden und es kommen Kommentare "bin gegen Gewalt, aaaaber ... ... ... ... ... ... ... ...". Mehr dazu kann ich gerade mangels Zeit nicht schreiben ...

Trotz: Zeitmangel hätten sie aber doch wohl wenigstens noch schreiben können, was sie eigentlich zum Ausdruck bringen wollten. Oder?

Warum jetzt die Aufregung?: Weil man "Lügenpresse" skandiert? Wie war und ist es doch bei den Demonstrationen gegen Stuttgart 21? Wurde da nicht auch "Lügenpack" gebrüllt und gab es nicht auch Parolen, dass man sich die Namen merken sollte. Das wurde teilweise mit klammheimlicher Freude goutiert, ging es doch meist gegen die Politiker. Wie oft wurden Zeitungsabonnents angeblich abbestellt, weil die Zeitungen angeblich mit dem "Lügenpack" unter einer Decke steckte. Hier wie dort sind die Verhaltensmuster die gleichen. Mussten nicht auch in Stuttgart Politiker vor dem aufgebrachten Mob der friedlichen Gegner beschützt werden?

Bitte um Nachweis:: Wo konkret mussten "Politiker vor dem aufgebrachten Mob" beschützt werden?

Angriffe: gegen Personen oder deren Eigentum sind selbstverständlich absolut und uneingeschränkt zu verurteilen. Dabei ist es vollkommen egal, aus welchem Grund, gegen wen und von wem solche Angriffe erfolgen, sei es gegen Journalisten oder Europaabgeordnete (AfD) oder einfache Menschen. Alles andere, insbesondere Kritik, ist aber natürlich erlaubt. Wenn sich Journalisten über die ständig zunehmende Zahl von Menschen erregen, die sie mit dem Wort "Lügenpresse" bezeichnen, dann sollte die erste Reaktion die der Selbstreflexion und Selbstkritik sein. Doch nichts davon lese ich in diesem Artikel. Nichts. Stattdessen wird das Volk kritisiert, wie es wagen kann, etwas gegen Journalisten zu haben. Und selbstverständlich, so der Artikel, berichten Journalisten weder scheinbar gleichgeschaltet noch gesteuert noch entgegen ihrer eigenen Meinung. All das sind ganz böswillige Unterstellungen. Das bilden sich die Leser und Zuschauer einfach nur ein. Und dann wundern sich manche Journalisten, wenn man sie nicht ernst nimmt? Jeder auch nur halbwegs bei Bewusstsein seiende Mensch wundert sich über die geradezu diktatorisch gleichartige Berichterstattung über Russland. Oder die massenhaft bewusst falsche Berichterstattung über die Rede von Pirincci bei einer PEGIDA-Demo. Das ist kein Versehen, das ist Absicht oder vollkommenes Unvermögen. Dann sollte man allerdings den Beruf wechseln. Solange Journalisten glauben, sie müssten Meinungen verbreiten, anstatt über reine Fakten zu berichten und den Lesern und Zuschauern sich ihre eigene Meinung bilden zu lassen, solange muss sich kein Journalist über Rufe wie "Lügenpresse" wundern. Und weil das hier eine Zeitung ist: Die Leser stimmen mit den Füßen ab, wie man beängstigend bei den Verlagen feststellt. Allein die Auflagenentwicklung aller größeren Tages- und Regionalzeitungen, auch der StZ, sinkt seit vielen Jahren rapide und immer weiter und weiter. Hier regelt die Marktwirtschaft vieles selbst: Irgendwann sind die Journalisten, die am Leser und Zuschauer vorbei berichten, weg, weil sie schlicht niemand mehr bezahlt. Und darüber wäre ich alles andere nur nicht traurig.

Sie schreiben: "wird das Volk kritisiert, wie es wagen kann, etwas gegen Journalisten zu haben." Die da "Lügenpresse" rufen und "Wir sind das Volk" sind aber nicht das Volk, sondern nur eine Minderheit. Genauso, wenn Sie schreiben "Das bilden sich DIE Leser und Zuschauer einfach nur ein" - Sie sind aber nicht DIE Leser. Die negative Auflagenentwicklung der Printmedien im Internetzeitalter gibt es schon seit Jahren und ist nicht "eine Abstimmung mit den Füßen". Wenn sich hier ein paar Leser mit Kommentaren gegenseitig bestätigen, sind das auch nicht DIE Leser, geschweige den das Volk.

Diejenigen: , die von den kritisierten Journalisten verbal angegriffen werden, sind genauso Volk wie alle anderen Bürger. DAS Volk existiert nicht. Und die rasant fallenden Auflagenzahlen insbesondere der Nachrichtenmagazine und Tageszeitungen nur dem Internet zuzuschreiben, greift zu kurz. Meine Aussage war, das die Menschen mit den Füßen abstimmen. Das tun sie ohne jeden Zweifel. Wer glaubt, irgend einen Mehrwert von einem Pressejournalisten (bleiben wir hier mal bei der Printpresse) zu erhalten, kündigt nicht sein Abo oder hört auf, am Kiosk zu kaufen. Offenbar sehen immer mehr und mehr Menschen keinerlei Mehrwert in der Tages- oder Wochenpresse. Ohne Käufer von Presse, keine Pressejournalisten. Für gute Nachrichten und Berichte bin ich jedenfalls bereit zu zahlen, on- wie auch offline. Für Meinungen, die als Berichte getarnt werden, und massenmedialen Einheitsbrei bezahle ich jedoch keinen einzigen Cent.

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