Der Schauspieler Enno Hesse Gute Zeiten, schlechte Zeiten

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Enno Hesse galt als einer der vielversprechendsten deutschen Schauspieler. Im Alter von 24 hatte er schon in 40 Filmprojekten mitgespielt. Heute macht er Kneipenkunst in Feuerbach. Über Aufstieg, Fall und den langen Weg zurück.

Enno Hesse schreibt mittlerweile regelmäßig eigene Texte für seine Auftritte im Kirschbaum in Feuerbach. Früher spielte er im „Tatort“ und in Kinofilmen mit. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Enno Hesse schreibt mittlerweile regelmäßig eigene Texte für seine Auftritte im Kirschbaum in Feuerbach. Früher spielte er im „Tatort“ und in Kinofilmen mit.Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Enno Hesse erschlägt sein Opfer mit einem Stein. Als die Frau am Boden liegt, tritt der vogelwildzornige junge Mann immer weiter auf die Wehrlose ein. „Das wollte der Regisseur so“, kommentiert Hesse die Szene auf seinem Laptop lapidar. Obwohl es sich beim unappetitlichen Totschlag zum Glück nur um Fiktion, um den Schlussakkord in der Folge „Netzball“ der ZDF-Produktion „Der Staatsanwalt“ handelt, rutscht man auf der Couch unweigerlich ein paar Zentimeter weiter nach rechts, weg von Enno Hesse – er spielt den irren Wüterich einfach zu überzeugend.

Dabei ist der gebürtige Hamburger eigentlich ein so höflicher wie eloquenter Gesprächspartner – einer, der in seiner Künstler-WG in Feuerbach einen bemerkenswerten Seelenstriptease hinlegt. Hesse war mal einer der am höchsten gehandelten jungen Schauspieler in Deutschland. Er hat im gefeierten Hamburg-„Tatort“ von Mehmet Kurtulus mitgespielt, dem Vorgänger der übersteigerten Action-Ausrufezeichen-„Tatort“-Variante mit Til Schweiger, dazu in drei weiteren „Tatort“-Produktionen, im Kinofilm „Der Untergang“ und in vielen anderen TV-Produktionen. Seit einiger Zeit hat die Karriere von Hesse einen Hänger wie jeder „Tatort“ vom Bodensee. Vor drei Jahren ist er von einer 120-Quadratmeter-Wohnung im hippen Hamburger Stadtteil Eppendorf in ein Zehn-Quadratmeter-Wohnheimzimmer in Stuttgart gezogen – zu seiner Freundin, einer angehenden Opernsängerin.

Mittlerweile leben die beiden als Teil einer neunköpfigen Künstler-WG in Feuerbach im Werner-Haas-Haus, benannt nach dem Pianisten, der in Frankreich viel zu früh bei einem Autounfall ums Leben kam. „Hier leben eine Komponistin, drei Soprane, nein vier, ein Bass, eine Theaterpädagogin und wir zwei unter einem Dach“, sagt Enno Hesse. Er bittet im gemeinsamen Wohnzimmer zum Gespräch. Neben dem Flügel thront eine Büste von Werner Haas, in den Regalen stapeln sich mehr Bücher als in einer durchschnittlichen Stadtteilbücherei. Das Wlan heißt „Eier legende Wollmilchsau 2.4“, auf der anderen Seite des Zimmers umreißen die Bücher „Welttheater“, „Aller Tage Abend“ von Fritz Kortner und „Morgen ist ein neuer Tag“ von K. B. Gilden die momentane Lebenssituation von Enno Hesse auf einigermaßen anschauliche Art und Weise.

Kneipenkunst im Kirschbaum

Um wieder große Rollen zu bekommen, die ihn zurück ins Rampenlicht bringen, muss er Theater spielen, nicht auf der Bühne, sondern bei einem Festival wie der kürzlich zu Ende gegangenen Berlinale – vor potenziellen Produzenten oder Regisseuren. Als die Rollenangebote vor einigen Jahren zusehends ausblieben, fühlte sich das tatsächlich nach „Aller Tage Abend“ an. Und für seine wöchentliche Reihe „Kneipenkunst und Schabernack“ im Kirschbaum in Feuerbach hat der 33-Jährige das Schreiben eigener Texte intensiviert. „Ich habe schon immer gerne geschrieben, mir fehlte aber die Disziplin. Für das wöchentliche Programm der Kneipenkunst bin ich nun dazu gezwungen.“ Bei der Inszenierung seiner Texte merkt Hesse: Es gibt noch Hoffnung, dass auch morgen wieder ein neuer Tag ist.

Vor 20 Jahren hätte man das Enno Hesse nicht zu sagen brauchen. Damals begann seine Schauspielerkarriere. Anfangs kannte die nur eine einzige Richtung: immer weiter nach oben. Los ging es mit einer Rolle als autistischer Junge in der Serie „Stubbe – von Fall zu Fall“. Es folgten 40 unterschiedliche Film- und Serienprojekte, ehe er mit 24 Jahren auf dem vorläufigen Höhepunkt angelangt war. Hesse wurde als bester Nachwuchsschauspieler mit dem Günter-Strack-Fernsehpreis ausgezeichnet. „Der Preis hat mein Gehalt erhöht, die Qualität der Aufträge ist aber zurückgegangen. Ich hatte drei Angebote für Serien, doch meine Agentin lehnte alle ab, weil sie der Meinung war, der nächste Schritt müsste Kino sein“, erinnert sich Enno Hesse.

Leider blieb der nächste Schritt aus. Vor acht Jahren bekam seine Karriere die erste Delle. „Heute könnte ich mich für meine Hybris ohrfeigen“, sagt Hesse und haut sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Eine Serie sei wie ein Sechser im Lotto. „Du hast rund 150 Drehtage, ein festes Einkommen und eine Rolle, die du kontinuierlich weiterentwickeln kannst. Daneben hast du Zeit und Geld, um deine eigenen Träume zu verwirklichen, vielleicht ein Theater zu mieten und deine Stücke aufzuführen, an die sonst keiner glaubt.“

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