InterviewDer Schriftsteller Kurt Oesterle im Interview „Was reistda insgeheimin uns mit?“

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In seinem neuen Roman beschäftigt sich der in Oberrot bei Schwäbisch Hall geborene Schriftsteller Kurt Oesterle mit dem eigenen Verhältnis zur Demokratie. Ein Gespräch über Bildungsauswanderer und brüchige Weltbilder.

„Zeit ist der wertvollste Rohstoff, den uns Demokratie zur Verfügung stellt“, sagt Kurt Oesterle. Foto: Gottfried Stoppel
„Zeit ist der wertvollste Rohstoff, den uns Demokratie zur Verfügung stellt“, sagt Kurt Oesterle.Foto: Gottfried Stoppel
Tübingen/Oberrot – - In früheren Romanen hat er vom Einbruch der Moderne in das schwäbisch-fränkische Dorf erzählt, wo er aufwuchs. Kurt Oesterle ist als Schriftsteller auch ein kritischer Heimatforscher. Sein jüngstes Buch „Martha und ihre Söhne“ beschäftigt sich mit der Umerziehung durch die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg und der Elterngeneration, die aus der Diktatur kam.
Herr Oesterle, kürzlich haben Sie in Oberrot einen Festvortrag zum Thema „Schwäbischer Wald“ gehalten, der Kulturlandschaft des Jahres. Sie haben gleich vorausgeschickt, dass er eigentlich Schwäbisch-Fränkischer Wald genannt werden müsste. Was wird da unterschlagen?
Das fränkische Spracherbe, das allerdings seit Jahrzehnten immer mehr verschwindet. Der schwäbische Dialekt hat inzwischen auch in vielen Gebieten Nordwürttembergs die Oberhand gewonnen. Nur wenige sagen im Rottal zum Beispiel noch „naa“ statt „noi“, „Laawich“ statt „Laub“, „Flaasch“ statt „Fleisch“. Die Franken, die vierte Volksgruppe in Baden-Württemberg, sind aber wohl großzügig und selbstbewusst genug, diese Veränderungen nicht zu dramatisieren. Ihre Identität jedenfalls scheint mir dadurch nicht gefährdet.
Als seit fast vierzig Jahren in Tübingen lebender Autor kehrten Sie in Ihren recht bodenständigen Herkunftsort zurück. Betrachten Sie ihn nach wie vor als Ihre Heimat?
Wenn Heimat der Ort ist, wo man nicht mehr lebt, so habe ich es für mich einmal definiert, dann bleibt Oberrot meine Heimat. Wenn Heimat aber der Ort ist, wo die Menschen leben, die einem am wichtigsten sind, dann wäre Tübingen meine Heimat. Ich glaube, dass ein Begriff von Heimat für Bildungsauswanderer wie mich weniger doppeldeutig nicht zu haben ist.
Was sind denn Bildungsauswanderer?
Leute, die man als Erste in ihrer Familie zu höherer Bildung ermutigt hat und die fortmussten, um ihren Bildungsgang etwa an der Universität vollenden zu können. In meiner Generation gibt es so viele Bildungsauswanderer wie nie zuvor. In aller Regel sind sie nicht mehr ins Dorf zurückgekommen und besitzen jenen melancholisch gebrochenen Heimatbegriff.
Ihnen war von Ihrer seit Jahrhunderten am Ort lebenden Schreinerfamilie, so schreiben Sie es, ein Bildungsauftrag erteilt worden. Bildung spielt in Ihren Büchern eine große Rolle als Faktor, der Menschen voranbringt, der aber auch Familien auseinanderreißt.
Bildung bringt Gewinn und Verlust, ja. Ein Verlust ist es, wenn sie Charakter, Persönlichkeit und Empathie erdrückt. Wenn sie zur Aufblähung des Ego beiträgt, die guten Eigenschaften eines Menschen dabei vor die Hunde gehen, sie allein die Maßstäbe der Beurteilung von Mensch und Welt oder auch von sich selber setzt. Dort, wo ich ­herkomme, hat man Bildung nicht zuletzt deshalb bewundert, weil man glaubte, sie würde politische Trugschlüsse verhindern. Mein Vater, der wie schon mein Großvater unsere Schreinerei betrieb, hat zu mir gesagt: „Wenn ich gewusst hätte, was du weißt, wäre ich als Junge nicht auf den Hitler hereingefallen.“ Ich konnte ihm nur antworten, dass an den deutschen Universitäten Bildung ganz großgeschrieben worden war und sie sich trotzdem schon früh Hitler unterworfen haben. Ein Allheilmittel ist Bildung eben auch nicht.
Ihr Dialekt schimmert in Satzstruktur und Melodie durch das feine Hochdeutsch Ihrer Texte immer wieder hindurch. Welche Bedeutung hat er für Ihr Schreiben?
Zum Deutschen haben wir früher augenzwinkernd gesagt: unsere erste Fremdsprache. Ich habe beim Studium in Tübingen noch erlebt, dass Leute aus Germanistik-Seminaren verwiesen wurden, weil sie sich nicht anders ausdrücken konnten als in der Sprache ihrer Herkunft. Ich selber war zurückhaltend, weil ich nicht wusste, wie gemeinverständlich ich auf Deutsch reden kann. Aber bewusst hat der Dialekt beim Schreiben keine Bedeutung für mich. Ich empfand als Kind großen Stolz, mir die Hochsprache aneignen zu können und allmählich ihre Regeln zu beherrschen. Es kann aber gut sein, dass der Dialekt gewisse Nährstoffe abgibt, die die Hochsprache füttern und stärken, etwa durch Lebhaftigkeit und Rhythmus.
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