
Wenn es um Sitz und Stimme im Kreistag ging, hat keiner so abgeräumt wie Raimund Ulrich. Der frühere Schmidener Stadtteil-Schultes und populäre Sozialbürgermeister im Fellbacher Rathaus hat drei Mal die meisten Stimmen bei der Kreistagswahl in Fellbach erhalten. Jetzt dankt der Stimmenkönig endgültig ab. Eigentlich wäre Anke Lemaire nachgerückt, doch die ist schon vor gut einem Jahr nach Österreich umgezogen. Also tritt Gerhard Röger, eines der Urgesteine der Fellbacher Kommunalpolitik, die Nachfolge des 75-jährigen Parteifreunds an. Das Durchschnittsalter des Kreistags wird dadurch nur unwesentlich niedriger: Röger ist 66 Jahre alt. Der Beamte im Ruhestand hat nach seiner Pensionierung noch eine zeitlang Vorlesungen über Straßenbau gehalten, das ist vorbei. Er hat nun Zeit für die Kreispolitik. Und will sich richtig reinhängen.
Die ersten Lektionen konnte er am Montag bei einer Sitzung der 18-köpfigen Kreistagsfraktion im Fellbacher Mörikekeller lernen, da wurde, nebenbei bemerkt, Ulrich in der Fraktion verabschiedet. Landrat Johannes Fuchs wird dies am kommenden Montag, 15 Uhr, in der Remstalhalle in Korb tun und Gerhard Röger als neues Mitglied des Kreistags begrüßen.
Als Raimund Ulrich im Jahr 1994 erstmals für die Kreispolitik kandidierte, hat sich nicht jeder gefreut. Schließlich war das Fellbacher Rathaus bereits mit dem ehrgeizigen Oberbürgermeister im Kreistag vertreten, und der war keineswegs erfreut über die Konkurrenz aus dem eigenen Haus. Damit das Verhältnis nicht leidet, hat ihm ein Kollege geraten: "Sie dürfen auf keinen Fall mehr Stimmen bekommen als der OB". Das hat nicht geklappt, sagt Ulrich mit gespielter Zerknirschung. Tatsächlich ging er als Stimmenkönig knapp vor Friedrich-Wilhelm Kiel durchs Ziel, erst an dritter Stelle lag ein CDU-Kandidat. Zwei Mal konnte Ulrich den Coup wiederholen. Erst bei dem Urnengang 2009, als er auf dem letzten Platz der SPD-Liste antrat, reichte es nur zu Platz zwei.
Zu den nachhaltigsten Erinnerungen an die Kreispolitik gehören für Ulrich die Fahrt zu einem Partnerschaftstreffen ins russische Dmitrow im Jahr 1999, wo ihm der Bruderkuss eines Generals und eine Wodka-Dusche zuteil wurden. Von dem, was die SPD im Wahlkampf versprochen habe, sei jetzt nach der Hälfte der Amtsperiode schon 50 Prozent verwirklicht oder auf den Weg gebracht, sagt Ulrich: soziale Tarife bei der Schülerbeförderung, Fortführung der Hagelabwehr, die Volkswahl des Landrats; dass der Kreis ein Klimaschutzkonzept entwickelt und Wege zu mehr Eigenerzeugung von Energie sucht, stand auch auf sozialdemokratischen Wunschzetteln. Manches wird freilich etwas länger dauern, etwa die gewünschte Stadtbahn von Ludwigsburg nach Waiblingen oder der Abbau der hohen Verschuldung, die dem Landkreis jedes Jahr mehr Spielräume raubt.
Als Erfolg wertet die SPD auch den Vorstoß ihrer Fraktion zusammen mit dem Fellbacher ÖDP-Kreisrat Gerhard Geiger, Verhandlungen mit der EnBW über den Müllverbrennungsvertrag aufzunehmen. Der Abfall erhält zunehmend den Charakter von Wertstoff, erklärte der Fellbacher SPD-Kreisrat Andreas Möhlmann, der seit wenigen Wochen stellvertretender Fraktionsvorsitzender ist. 500 000 Euro pro Jahr zahlt der Rems-Murr-Kreis jetzt weniger für die Müllverbrennung.
Seinen Frieden hat Ulrich mit dem Neubau des Kreiskrankenhauses in Winnenden gemacht, für den der Landkreis 266 Millionen Euro ausgibt, 172 Millionen davon werden über Kredite finanziert. Das müsse ein Erfolg werden. Schon jetzt sei erkennbar, dass mehr Fellbacher die Kreiskliniken aufsuchen.
Raimund Ulrich hat zuletzt dem Verwaltungsausschuss und dem Ältestenrat des Kreistags angehört, Gerhard Röger wird zunächst im Sozialausschuss anfangen sowie eine Stellvertretung bei Umwelt und Verkehr übernehmen. Der Bauingenieur kündigte an, dass er sich in der Fraktion allen Kürzungsvorschlägen bei den Mitteln für die Straßenunterhaltung entgegen stemmen werde.
Ulrich wird derweil seine Geschichtsstudien wieder aufnehmen und Vorlesungen über die DDR hören. Außerdem will er dringend seine Französisch-Kenntnisse auffrischen. Seit er nicht mehr regelmäßig an Partnerschaftstreffen mit Fellbachs französischen Freunden teilnehme, reicht es nicht mal mehr für die einfachste Konversation. Das habe sich beim Fellbacher Herbst in diesem Jahr bemerkbar gemacht.


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