Der StZ-Leserbeirat Wütendes Radeln durch beißenden Dieselgestank

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Wenn die Themen auf der Gasse liegen: Im neuen Innenstadtbüro im Herzen Stuttgarts tauschen sich 13 Leserbeiräte und die Zeitungsmacher über Themen aus, die bewegen. Es gibt Lob und Tadel für die StZ.

Alle an einem Tisch in der Geißstraße: Wo sonst bis zu acht Redakteure arbeiten, sprechen am Dienstagabend die Leserbeiräte  mit den  Machern  der StZ. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski 10 Bilder
Alle an einem Tisch in der Geißstraße: Wo sonst bis zu acht Redakteure arbeiten, sprechen am Dienstagabend die Leserbeiräte mit den Machern der StZ. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Da war Dampf in Kessel: Der Leserbeirat Martin Huttenlocher sprach wahrscheinlich vielen Lesern aus der Seele, als er sich über die Verkehrspolitik in der Landeshauptstadt ärgerte und die StZ zur Berichterstattung aufforderte. Täglich muss der Steuerberater von Botnang zur Arbeit nach Fellbach, mittlerweile lässt er das Auto – „das ich liebe“ – in der Garage und fährt E-Bike. Der Grund: „Ich halte den Verkehr in dieser Stadt einfach nicht mehr aus.“ Seitdem erlebe er den Feinstaub neu, „man beißt auf Diesel“, sagt er mit einer gewissen Fassungslosigkeit über Radwege parallel zur Fahrbahn, die oft zu eng sind oder große Umwege bescheren.

Aber die Radfahrer haben nicht nur vom Feinstaub die Nase voll. Die Berg- und Talfahrten sind ja dank E-Bikes kein Hinderungsgrund zum Umsatteln mehr, aber wohin mit dem 3000-Euro-Rad? Es gebe keine abschließbaren Stellplätze, die Arbeitgeber machten zu wenig, sagte die Leserbeirätin Andrea Asche, die an der Hochschule der Medien arbeitet. „Viele Kollegen nehmen das Rad mit ins Büro, ich kann meins nicht in den dritten Stock schleppen.“

Prominenter Besuch vom VfB

„Die Zeitung in der Stadt“ lautete die Überschrift über dem Austausch zwischen Leserbeiräten und Redaktion. Diesmal gemäß dem Thema mitten in der City im neuen Büro. Dazu gehörten die Unzufriedenheit über die Verkehrspolitik, aber auch Lob für den öffentlichen Personennahverkehr. „Sie dürfen ruhig auch schreiben, dass Stuttgart einen guten Nahverkehr hat“, sagte die Beirätin Doris Helzle, die seit 30 Jahren kein Auto mehr besitzt. Es geht immer bunt zur Sache, wenn die Leserbeiräte loslegen. Mit dabei waren am Dienstag der Chefredakteur Joachim Dorfs, der Chef vom Dienst, Matthias Schmidt, sowie Jan Sellner, der mit Holger Gayer das Lokalressort führt, und der Teamleiter des Stadtbüros, Jürgen Brand.

Letzterer ist schon ganz im Thema angekommen: „Wir gehen zu Fuß zu unseren Terminen“, sagt er. Das sei nur ein Vorteil der Lage. „Tag der offenen Tür“, das gelte für das Büro in der Geißstraße immer, sagte Brand. Da könne es schon mal sein, dass der Ex-VfBler Kevin Kuranyi und der aktuelle Kicker Daniel Ginczek bei den Stadtschreibern reinschauen. „Schließlich hat mich Martin Haar ja quasi entdeckt“, schreibt Kuranyi auf Facebook über den Kurzbesuch beim gutbekannten Redakteur. „Wir freuen uns über jeden Besuch, kommen Sie“, meinte Brand.

Die Beiräte stellen immer auch Fragen, die wahrscheinlich auch andere Leser interessieren. Schließlich repräsentieren sie die StZ-Leser ganz gut: Männer, Frauen, älter, jünger, aus vielen Berufsfeldern, aus der Stadt und dem Umland – gut gebildet, schlagfertig und interessiert.

Ein Thema war auch der Sinn und Unsinn von zwei Seiten Börsenkursen im Wirtschaftsteil. Die Leserbeirätin Petra Bewer meinte: „Ich kenne niemanden, der das heute nicht im Internet anschaut.“ Joachim Dorfs dazu: „Andere Zeitungen haben schon versucht, diese Seiten wegzulassen.“ Die Versuche hätten nie lange gewährt. Dann wurden die Seiten wieder gedruckt, weil eine Flut von Beschwerden gekommen sei. „Ich rede übrigens nicht von der grauen Vorzeit – das ist zwei Jahre her“, sagte Dorfs. Und die Leserbeirätin Jutta Beate Schmidt redete ihm das Wort: „Also, ich habe auch Wertpapiere, ich kaufe mir keine Wirtschaftszeitung, aber ich will das jeden Tag wissen, und dafür habe ich ja auch die StZ.“

Meinungsmacher mit Sorgfaltspflicht

„Sie machen Meinung“, sagte Hans-Michael Obst, Leserbeirat und Mathematiker, als Botschaft zur Sorgfalt. Er meinte, dass in den Überschriften vieler Texte zu oft das Negative in den Fokus gerückt werde. Die Leser würden so auch nur das Negative sehen – das aber sei eben oft nur ein kleiner Teil der Geschichte. Er warb dafür, die Dinge umzudrehen, gute Entwicklungen herauszustellen. Joachim Dorfs führte aus, dass man natürlich versuche, gelungene Beispiele aus Wirtschaft und Politik zu beschreiben. „Aber es ist eben nicht überraschend, dass heute am Frankfurter Flughafen 500 Jumbos unfallfrei gelandet sind.“ Dass am großen Redaktionstisch in der Geißstraße Meinungsmacher saßen, ist auch keine Überraschung, dass sie von den Lesern an solchen Abenden daran erinnert werden, ist im Sinne der Sache.