Der unendliche Flughafen BER An manchen Tagen regt er sich noch auf

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Seit eineinhalb Jahren versucht ein Untersuchungsausschuss des Berliner Senats, Fehler und Schuldige des Flughafendesasters ausfindig zu machen. Was sich der Vorsitzende in dieser Zeit alles anhören musste, spottet jeder Beschreibung.

Martin Delius hat im Ausschuss viele unglaubliche Dinge gehört. Foto: dpa
Martin Delius hat im Ausschuss viele unglaubliche Dinge gehört.Foto: dpa

Der Zopf ist ab. Martin Delius trägt die Haare jetzt in einer halblangen Bohemefrisur, dazu einen dunklen Einreiher statt Kapuzenpulli. Delius sitzt in seinem Büro unter dem Dach des Berliner Parlaments auf einem Drehstuhl, Büroblässe im Gesicht, professionelles Lächeln. Die Heizung ist runtergedreht, es ist ungemütlich. Der Abgeordnete schweigt schon seit einer kleinen Ewigkeit. Er denkt darüber nach, was er sagen soll, ohne hämisch zu klingen und ohne zu lügen. Schließlich antwortet er: „Ich bin mir nicht sicher.“ Die Frage war: Wird der Berliner Flughafen jemals eröffnen?

Delius meint das ernst. Er grinst nicht. Er schreit auch nicht. Da ist kein bisschen von der Lust des krawalligen Jungpolitikers in seinem Blick, nicht einmal ein kleiner Genuss beim Kratzen am Lack der großen Koalition. Nur ziemlich viel Müdigkeit. Man kann sich schließlich nicht 24 Stunden am Tag aufregen.

Sein Leben besteht aus 2000 Aktenordnern

Martin Delius ist einer der jungen Wilden, die vor drei Jahren als erste Piratenpolitiker ins Parlament einzogen, ein freundlicher Politikenthusiast mit Debütantenfuror, mit dem man sich stundenlang darüber streiten kann, wie eine moderne Demokratie aussehen muss.

Noch will er im Ausschuss etwas bewegen. Foto: dpa

Seit eineinhalb Jahren allerdings ist er vor allem der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses BER. Seitdem besteht sein politisches Leben aus 2000 Aktenordnern a’ 500 Blatt, aus Gesetzestexten und aus Zeugenvernehmungen. Delius hat gelernt, was eine Brandschutzmatrix ist, er weiß, wie ein Vergabeverfahren für einen Generalplaner funktioniert, er kennt die Lärmschutzbestimmungen und die Strafprozessordnung.

Es gibt aber auch etwas, was er nicht versteht: Wie kann es sein, dass das wichtigste Infrastrukturprojekt der Republik einfach nicht zu bewältigen ist? Und vor allem: wieso kratzt das in dieser Stadt eigentlich niemanden?

Es ist Freitagmorgen, gleich wird der Untersuchungsausschuss tagen, erster Stock links, die Ei-Brötchen auf dem Büfettwagen sind schon wieder alle. Der Ausschuss tagt öffentlich. Im Zuschauerraum sitzt kein Mensch. Auf der Tagesordnung steht eine Zeugenvernehmung. Es tritt auf: ein Manager, Maßanzug, alerter Blick, raspelkurzes Haar. Freundlich antwortet der Mann, und was er erzählt, ist eine Kaskade von Ungeheuerlichkeiten.

Es gibt wenig, das den Untersuchungsausschuss überrascht

Von einem Projektsteuerer berichtet er, einer angesehenen Firma, die auf der Baustelle dafür verantwortlich war, dass nachher zusammen funktioniert, was von unterschiedlichen Unternehmen gebaut wird: „Er hätte jedes Teilpaket sichern müssen, Raumlufttechnik, Brandmeldeanlage, Lüftung“, sagt der Manager. „Das ist nicht passiert.“ Warum? „Weil das Angebot zu billig war, es gab zu wenig Personal.“ Was passierte dann? „Der Vertrag lief aus.“ Und dann? Verging Zeit. Und nichts wurde kontrolliert. Und keiner war verantwortlich. Und gleichzeitig wurde der Flughafen mitten im Bau laufend umgeplant, veränderte sich, wuchs, wurde teurer. Einiges sei, so sagt der Manager, „exorbitant schlecht gelaufen“. Eine Abgeordnete der Linkspartei fragt: „Hat das nicht irgendwann mal dazu geführt, dass Sie hätten sagen müssen, das klappt hier nicht?“ Der Manager sagt: „Es war ein fließender Prozess.“ Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses hören zu, mit unbewegten Mienen. Nach eineinhalb Jahren Fragen und Antworten gibt es wenig, was sie überraschen würde.

Von oben sieht der Flughafen schon fast fertig aus. Foto: dpa-Zentralbild

Sie wissen von der irren Idee, eine Brandschutzanlage von Hand zu betreiben, von Arbeiten, die ein halbes Jahr lang ohne Pläne ausgeführt wurden, von Bauteilen, die mittendrin einfach abgerissen wurden, weil sich das Konzept änderte, von Mängellisten mit mehr als 20 000 Positionen.

Während die Grünen den Manager noch ein bisschen befragen, twittert Delius ungeduldig: „Was glaubt Ihr noch herauszufinden/aufzudecken?“ Aber er meint gar nicht seine Kollegen, sondern den gerade neuesten Skandal seiner Piratenpartei.

Irgendwann gegen Mittag kommt ein Kamerateam des Regionalfernsehens in den Sitzungssaal. Die Journalisten wollen keine Details. Sie brauchen Delius vor der Kamera. Denn wieder mal hat Hartmut Mehdorn, Geschäftsführer der Flughafengesellschaft, an diesem Morgen irgendwas gesagt. So wie eigentlich immer, seit er vor einem Jahr den Job übernahm. Über Flugrouten. Oder die Idee, Tegel nicht zu schließen. Oder so wie an diesem Tag, über eine Eröffnung nicht vor 2016. „Der Mann geht mir auf die Nerven“, sagt Delius. „Er hält mich von der Arbeit ab.“ Was kann die Arbeit der Parlamentarier bringen?