Berlin - Die Post im Briefkasten ist adressiert an Männer, deren Namen Wiebke Kindler noch nie gehört hat. Die Hotelbesitzerin ist ratlos, sie greift sich den Stapel, geht zurück in die Rezeption. Sie setzt sich an den Schreibtisch, schaut nach, ob die Briefe für ihre Gäste bestimmt sind, prüft jeden einzelnen Namen. Fehlanzeige. Sie reißt die Briefe auf und hält Kreditkarten und EC-Karten in den Händen. Wiebke Kindler ist ratlos.
Am Nachmittag steht plötzlich eine Gruppe Männer im Hotel Britz. "Post", "Kreditkarte", "Postbank", fordern sie in gebrochenem Deutsch, in aggressivem Ton. Manche tragen Jeans, manche Camouflagehosen, alle sind um die 30. Wiebke Kindler ist allein im Hotel und eingeschüchtert. Sie zuckt mit den Schultern, sagt instinktiv, sie wisse von nichts. Die Briefe mit den Kreditkarten liegen hinten im Büro. Um die Männer zu beruhigen, geht sie mit ihnen zum Briefkasten und zeigt, dass er leer ist. Die Männer bleiben stehen, wollen offenbar auf den Postboten warten. Wiebke Kindler schleicht sich davon und ruft die Polizei. Eine Viertelstunde später kommen die Beamten, nehmen vier der Männer fest, der Rest türmt.
In Meldestellen muss man an das Gute im Menschen glauben
Von der Polizei erfährt die Hotelbesitzerin aus Berlin-Neukölln, dass die unbekannten Männer bei ihr wohnen. Offiziell. Und dass sich in der Woche zuvor eben diese 14 Litauer im Bürgeramt des Stadtbezirks angemeldet hätten, alle am gleichen Tag. Die Adresse: Bürgerstraße 42, das Hotel von Wiebke Kindler und ihrem Mann. Nichts haben die beiden davon mitbekommen, niemand hat sie gefragt. So einfach haben es die Betrüger.
Seit Januar 2004 müssen Bürger, die ihren Wohnsitz in einer Meldebehörde anmelden, keinen Mietvertrag oder Vermieterbescheid mehr vorlegen. Die rot-grüne Bundesregierung wollte seinerzeit das Melderecht vereinfachen, Bürokratie abbauen, der Bund sollte 600.000 Euro pro Jahr sparen. Sechs Jahre später ist die Quittung für die Gesetzesänderung verheerend. Jeder kann sich überall anmelden, egal ob man wohnt, wo man vorgibt zu wohnen. Die Mitarbeiter der Meldestellen müssen an das Gute im Menschen glauben. Wer sich anmeldet, versichert mit seiner Unterschrift die Richtigkeit der Angaben. Geprüft wird das nicht. Der Bund der Kriminalbeamten (BdK) schätzt, dass es als Folge dessen allein in Berlin 200.000 Scheinwohnsitze gibt. Obwohl das Meldeprozedere für ganz Deutschland gilt, kennt man das Problem vor allem in Großstädten.
Die tatsächlichen Bewohner sind ahnungslos
Die Motive sind unterschiedlich. Meist sind es harmlose Fälle. Da meldet sich ein Elternteil zum Schein in einem anderen Bezirk an, damit die Tochter dort in den besseren Kindergarten gehen kann. Doch immer wieder nutzen Kriminelle die Meldebescheinigung ihrer Scheinadresse, um damit zur Bank zu spazieren und ein Konto zu eröffnen. Wer in Deutschland einen festen Wohnsitz hat, bekommt in der Regel auch ein Konto oder eine Kreditkarte. Ist das Konto mit Lastschriften überzogen, setzen sich die Betrüger ins Ausland ab.
Am Ende steht die Polizei vor einer Wohnungstür, weil sie einer Anzeige einer Bank oder eines Händlers nachgeht und wundert sich, dass die gesuchten Betrüger nie dort gewohnt haben. Die tatsächlichen Bewohner sind ahnungslos. Pech, dass die Betrüger sich zufällig diese Anschrift aus dem Telefonbuch als Scheinadresse ausgesucht haben. Es kommt vor, dass Polizeitrupps morgens um vier bei völlig Unbeteiligten im Schlafzimmer stehen.
In Berlin waren mehr als 200.000 Steuerkarten nicht zustellbar
"Der finanzielle Schaden, der dadurch entsteht, ist um ein Vielfaches höher als die Einsparungen durch die Vereinfachung des Meldegesetzes", empört sich Michael Böhl vom BdK. "Das ist Unsinn und führt die Grundidee des Melderechts ad absurdum." Doch es komme noch schlimmer. "Wenn sich Bürger künftig auch über das Internet anmelden können, dann ist die letzte Hürde verschwunden. Und wir können die aufwendig gepflegten Melderegister in den Papierkorb werfen."
Im vergangenen Jahr seien in der Hauptstadt mehr als 200.000 Steuerkarten nicht zustellbar gewesen. Dasselbe sei mit Wahlbenachrichtigungen passiert. An den Briefkästen der Meldeadressen fehlten die Namen der dort gemeldeten Personen. Genau dies ist auch das einzige Hindernis, das den Betrügern in die Quere kommen kann. Die Briefe samt Bankkarte und PIN-Code sollen schließlich bei ihnen ankommen.