Deutsches Reinheitsgebot Ein Stück Volksseele wird 500 Jahre alt

Von Thomas Magenheim 

Es ist das wohl älteste Verbraucherschutzgesetz der Welt: das deutsche Reinheitsgebot von 1516. Doch immer mehr Brauer stören sich an seinen strikten Auflagen und wollen vielfältigere Biere brauen.

Das bayerische Reinheitsgebot wurde 1516 in Ingolstadt erlassen. Foto: imago
Das bayerische Reinheitsgebot wurde 1516 in Ingolstadt erlassen.Foto: imago

München - Es gilt als ältestes, noch gültiges Verbraucherschutzgesetz der Welt. Am 23. April wird das bayerische Reinheitsgebot für Bier, das 1906 per Reichsgesetz zum gesamtdeutschen wurde, 500 Jahre alt. Die Branche feiert sich deshalb ausgiebig. Zu verdanken haben Deutschlands Bierbrauer das dem bayerischen Herzog Wilhelm IV. und seinem Bruder Ludwig X., die vor einem halben Jahrtausend in Ingolstadt per Verordnung bestimmt haben, dass Brauer fortan nur noch Wasser, Hopfen und Gerstenmalz verwenden dürfen. Ein Stück Verbraucherschutz war das schon deshalb, weil im Mittelalter immer wieder Stechapfel, Bilsenkraut oder Tollkirsche ins Gebräu gewandert sind, um die Wirkung zu steigern – oft mit fatalen Folgen.

Dennoch sind heute nicht alle Brauer immer glücklich mit dem Reinheitsgebot. „Das ist nur ein perfekter Marketingspruch mit Schlupflöchern und es behindert einige Bierinnovationen“, sagt der Brauer Oliver Wesseloh von der Hamburger Kreativbrauerei Wiederkehr.

Viele Bundesländer erlauben Ausnahmen – Bayern nicht

Rechtlich verbindlich sei hier nicht das Reinheitsgebot sondern das vorläufige Biergesetz von 1993, erklärt der Brauer. Das erlaube zum Beispiel bei obergärigem Bier wie Kölsch und Weizen die Verwendung bestimmter Zuckersorten und auch Hilfsmittel wie Kieselgur. In den meisten Bundesländern würden die Behörden zudem auf Basis des vorläufigen Biergesetzes das Brauen sogenannter besonderer Biere genehmigen. Im Fall der Köstritzer Brauerei in Thüringen war es das Witbier nach belgischer Brauart unter Verwendung von Koriander und Orangenschalen.

Weniger Glück hatten Kollegen des bayerischen Craft-Brauers Camba Bavaria, die Milch-Stout nach britischer Rezeptur in ihren Kesseln angerührt hatten. Craft-Brauer sind wie Camba junge Kleinbrauereien, die alte Bierrezepte wiederentdecken, ausländische Spezialitäten auch in Deutschland brauen oder einfach experimentieren wollen.

Der Trend zum Craft-Bier schwappt nach Deutschland

Craft-Biere, die vor allem in den USA für Furore sorgen, schwappen auch nach Deutschland und seien sehr gefragt, sagt Camba-Geschäftsführer Götz Steinl. Für das Stout habe man nach Originalrezept Röstgerste und Milchzucker verwendet. Kein Bier, zumindest nach bayerischer Interpretation des vorläufigen Biergesetzes, fanden die Behörden des Freistaats. Am Ende musste Camba eine Palette entsorgen und das Brauen der Sorte einstellen. „Verstehen Sie mich nicht falsch, wir sind Fans des Reinheitsgebots“, sagt Steinl. Aber 40 Kilometer weiter in Österreich dürfte man Stout brauen und das Bier auch in Deutschland verkaufen.

Die Bayern sind nicht allein. „In der Branche rumort es“, sagt ein Insider. Die meisten Bundesländer würden besondere Biere manchmal erlauben. Bayern und Baden dagegen interpretierten das Reinheitsgebot streng. Dass es eine bundesweit eindeutigen Regelung fehlt, zeige schon das Adjektiv „vorläufig“ im Biergesetz.

Eine Million verschiedene Biere möglich

Beim deutschen Brauerbund verweist man darauf, dass es 170 natürliche Sorten von Aromahopfen mit Geschmacksrichtungen wie Grapefruit oder Litschi gebe, 40 Malzsorten, die Bier nach Schokolade oder Karamell schmecken lassen, und 200 Hefestämme. Daraus könne man auf Basis des Reinheitsgebots mathematisch gesehen rund eine Million Biere brauen .

Der Trend zu und die Suche nach Bierspezialitäten sei unverkennbar, freut man sich beim bayerischen Brauerbund. Davon profitiere die traditionelle Vielfalt bayerischer Biere besonders. Speziell Craft-Biere würden das Biergesetz aber strapazieren und hätten einen bundesweiten Flickenteppich regional unterschiedlicher Genehmigungspraxis geschaffen, räumt Brauerbund-Präsident Friedrich Düll ein. Es müsse eine Lösung her, um anderen natürlichen Rohstoffen die Tür zu öffnen. Aber vor allem sei es am Gesetzgeber, aus dem vorläufigen endlich ein bundesweit einheitliches Biergesetz zu machen. Auch Bier brauche Rechtssicherheit.

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