Deutschland Berlin: Tristesse gesucht

André Tucic aus Berlin, 05.05.2013 05:00 Uhr

Berlin - Neugierig stehen 26 Leute auf einem Parkplatz am Bogensee in Brandenburg. Sie sind ausgestattet mit Fotokameras, Objektiven, Blitzgeräten und Lichtspiegeln. Ihr Ziel sind die verlassenen Gebäude der früheren FDJ-Jugendhochschule Wilhelm Pieck zwischen Wandlitz und Lanke. Eigentlich ist das Betreten illegal, nur an diesem Sonntagvormittag nicht. Denn Thilo Wiebers (37) und Andreas Böttger (37) bieten Fototouren zu Orten, die man sonst eigentlich nicht betreten darf. Die zuvor genehmigten Touren führen unter anderem zur Infanterieschule und zu der Heeresbäckerei in Wünsdorf, den Beelitzer Heilstätten oder dem Fleischwaren- und Feinkostwerk der Konsumgenossenschaft Lichtenberg. Go2know nennen die beiden ihre Geschäftsidee, die sie seit 2010 in die Tat umsetzen.

Wiebers und Böttger begrüßen die Teilnehmer, gehen mit ihnen auf das verlassene Gelände der FDJ-Jugendhochschule und teilen sie in zwei Gruppen ein. Das Alleinsein ist ein entscheidender Aspekt auf den Fototouren. „Die Teilnehmer sollen in Ruhe die Atmosphäre aufsaugen können“, sagt Andreas Böttger. Dagmar Adam (53) aus Berlin-Reinickendorf nimmt mit ihrer Freundin Monika Twardon (49) aus Berlin-Wedding schon zum vierten Mal an einer solchen Tour teil. Die Touren führen immer zu tollen Ruinen, die ich selbst als Berlinerin gar nicht kannte“, sagt sie, schultert ihre Fototasche und macht sich auf den Weg in das Gebäudeinnere. Dort herrscht absolute Stille. Nur das leise Klackern und Knipsen der Kameras ist zu hören.

Tipps für die Motivauswahl

Immer wieder streifen Böttgers und Wiebers durch die Räume, geben den Fotojägern Tipps für die Motivauswahl und erzählen Anekdoten über den Gebäudekomplex Bogensee - die gibt es zuhauf: Hier wurde etwa für Joseph Goebbels 1936 ein Landsitz errichtet, der jedoch nicht Teil der Tour ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in einem der Gebäudekomplexe erst ein sowjetisches Lazarett. Im Mai 1946 wurde dann die Zentralschule der FDJ eingeweiht, der größten Jugendorganisation der ehemaligen DDR. Das Gebäude war ein gewaltiges Prestigeobjekt im stalinistischen Baustil.

Jährlich wurden hier 500 junge Frauen und Männer aus der DDR und sozialistischen Bruderstaaten in Fächern wie Wissenschaftlicher Kommunismus oder Dialektischer Materialismus unterrichtet. Nach dem Mauerfall wurde die Jugendhochschule aufgelöst. 1991 übernahm der Internationale Bund für Sozialarbeit das Gelände und schuf ein Ausbildungszentrum für sozial Benachteiligte. Acht Jahre später wurde es geschlossen, steht seither unter Denkmalschutz und darbt vor sich hin. Doch ein Hingucker sind die sechs Gebäude und ihr Innenleben noch immer.

Der Charme des Morbiden reizt auch Hobbyfotografen

Die beiden Häuser an den Stirnseiten des Geländes sind die Hauptattraktion der Tour. Die einstöckigen Bauten verfügen über einen gepflasterten Vorhof, große Foyers, Speise-, Fest- und Tanzsäle, Bar-, Musik- und Spielzimmer und eine festliche Aula mit einer großen Bühne. All das schimmelt und rostet vor sich hin, verstaubt und verblasst. Hinter der grau-gelben Fassade riecht es modrig, der Putz bröckelt überall, Kronleuchter rosten vor sich hin, vergilbte Vorhänge hängen träge nach unten, aufgeplatzte Holzdielen machen das Umhergehen zu einem Hindernislauf. Dieser Charme des Morbiden reizt auch Hobbyfotografen wie Jens Kaließ (42) und Wolfgang Langer (61) aus Zepernick. Kaließ ist immer auf der Lauer nach dem goldenen Schuss, dem perfekten Motiv.

Als Außendienstmitarbeiter ist er viel in Deutschland unterwegs, hat stets Kamera und Stativ dabei und hält Ausschau nach verlassenen Orten. Bei Go2know nimmt er zum ersten Mal an einer Tour teil. Er schaut sich in allen Räumen um und schießt ein Foto nach dem anderen, fünf Stunden lang. Er legt nur eine kurze Pause an der Basisstation ein, an der es Tee und Kaffee gibt. „Weiter geht’s, ich bin noch längst nicht fertig“, sagt er - und geht zurück auf die Motivjagd.