Deutschland Hamburg: Yesterday auf dem Kiez

Von Susanne Hamann aus Hamburg 

Die Beatles sind in Liverpool aufgewachsen. „Erwachsen“ aber wurden sie vor 50 Jahren in Hamburg.

Seit 2008 heißt die Ecke Reeperbahn/Große Freiheit offiziell „Beatles Platz“, fototaugliches Denkmal inklusive.  Foto: Martin Brinckmann 19 Bilder
Seit 2008 heißt die Ecke Reeperbahn/Große Freiheit offiziell „Beatles Platz“, fototaugliches Denkmal inklusive. Foto: Martin Brinckmann

Hamburg - Es gibt kein Entrinnen. Ein Junggesellen­abschied stört die Führung garantiert immer. Betrunkene Bräutigame mit bunten Perücken oder angeschickerte Bräute in fiesen Kostümen sind auf der Reeperbahn inzwischen so normal wie die Türsteher, die vor den Strip­lokalen lautstark um Gäste buhlen. Stefanie Hempel (35) lässt sich davon nicht beeindrucken und schart ihre Zuhörer näher um sich. Die Geschichten, die sie erzählt, passen ganz gut zu den vorbeiziehenden Schnapsdrosseln - die Beatles in Hamburg, das war nicht nur Rock’n’Roll, sondern auch Sex and Drugs. Damit die Sache authentischer ist, geht Stefanie Hempel am Abend auf musikalische Beatles-Tour, wenn Neonlichter dem Viertel ein farbiges Make-up verpassen. Sie wandert durch St. Pauli, über staubige Straßen, vorbei an schummrigen Ecken, durch partyfrohes Volk und Touristen, die mal Rotlichtviertel gucken wollen. Vor acht Jahren hat Stefanie Hempel die Touren erfunden.

Die Mecklenburgerin war zum Musikstudium nach Hamburg gekommen und wollte als „riesengroßer Beatles-Fan“ auf deren Spuren wandeln. Doch die gab’s nicht. Bis auf ein einziges Schild erinnerte nichts daran, dass „hier ein Stück Musikgeschichte geschrieben wurde“. „In Hamburg verbrachten die Beatles mehr Zeit auf der Bühne als in Liverpool“, sagt Stefanie Hempel. „John Lennon sagte: Wir sind in Liverpool aufgewachsen, erwachsen aber wurden wir in Hamburg.“ Und dann holt die Sängerin die Ukulele raus und singt „I Saw Her Standing There“ aus dem ersten Beatles-Album „Please, Please Me“ von 1963. Alle Fakten, Anekdoten und Geheimnisse hat Stefanie Hempel recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen. Inzwischen ist ihr Wissen so umfangreich, dass sie nicht mehr alles in einer zwei­einhalbstündigen Tour unterbringen kann.

„Die Beatles spielten als Begleitband einer Stripperin"

Wenn sie nicht gerade Pilzkopfgeschichten erzählt, macht die 35-Jährige mit ihrer Band Musik, Singer-Songwriter-Stil auf Deutsch. Eine Platte gibt es auch schon. Von einem Album konnten die Beatles noch träumen, als sie 1960 vom Clubbesitzer Bruno Koschmider engagiert wurden. „Sie waren vierte Wahl“, sagt Stefanie Hempel. Am 17. August 1960 hatten die Beatles in Koschmiders Indra ihren ersten Auftritt in Hamburg, damals in der Besetzung George Harrison, John Lennon, Paul McCartney, Stuart Sutcliffe und Pete Best. Den Kiez-Club mit der roten Fassade in der Großen Freiheit 64 gibt es noch heute. „Die Beatles spielten als Begleitband einer Stripperin. Die Jungs mussten jeden Abend vier bis sechs Stunden auf die Bühne. Ein Problem: Denn sie hatten nur für eine Stunde Programm“, sagt Stefanie Hempel. Dazu nur Coverversionen, keine eigenen Songs. In ihrer Not streckten sie jedes Lied auf bis zu 20 Minuten und standen dabei steif auf der Bühne herum.

„Macht Schau“, rief Koschmider. Und die Beatles machten Schau. „Ihren Stil, die Lederklamotten, die Pilzkopffrisuren, all das haben sie hier in Hamburg entwickelt“, sagt die Beatles-Expertin. Sie greift zur Ukulele und singt „Rock’n’Roll Music“ - eigentlich ein Song von Chuck Berry, den die Beatles 1964 ins Album „Beatles for Sale“ aufnahmen. Untergebracht waren die Musiker zunächst um die Ecke, in der Paul-Roosen-Straße 33. Dort hängt auch das erwähnte erste Schild. „Hier wohnten die Beatles 1960“ steht darauf. Darunter eine Fotografie, die die Band in fröhlicher Pose zeigt. Sie halten Pillen in die Kamera. „Preludin, Prello genannt“, sagt Stefanie Hempel. Das Schlankheitsmittel mit aufputschender Wirkung warfen sich die Musiker ein, um ihre Auftrittsmarathons zu überstehen. Denn auch in ihrer Unterkunft kamen sie nicht zur Ruhe. „Dort befand sich das Bambi-Kino, morgens flimmerten lautstark Kinderfilme über die Leinwand“, erzählt die musikalische Pfadfinderin.

1960 mussten die Beatles Deutschland verlassen

Ab Oktober 1960 wechselten die Beatles in Koschmiders zweiten Musikclub. Der Kaiserkeller, Große Freiheit 36, war damals ein wüster Ort: Seemänner, leichte Mädchen, Schlägereien. „Als Kellner waren fast nur Boxer engagiert“, sagt Stefanie Hempel. In ihren Pausen verkrümelten sich die Jungs drei Häuser weiter in die Jungmühle von Kiezkönig Willi Bartels und schauten barbusigen Damen beim Schlammcatchen zu. Im Kaiserkeller traten auch Rory Storm & the Hurricanes mit Schlagzeuger Ringo Starr auf. Zwei Jahre später wechselte eben jener Ringo Starr zu den Beatles, Pete Best wurde Drummer bei Lee Curtis & The All Stars. Stuart Sutcliffe, der Bassist und fünfte Beatle, war da bereits tot. Gestorben im April 1962 mit nur 21 Jahren. Gehirnblutung. Stefanie Hempel erzählt, dass die Beatles die Bundesrepublik im November 1960 verlassen mussten. Die Polizei hatte heraus­gefunden, dass George Harrison erst 17 und somit noch minderjährig war und vermutete in Paul McCartney und Pete Best die Ver­­ur­sacher einer Brandstiftung im Bambi-Kino. Doch die Band kam im Frühjahr 1961 wieder.

Neuer Club, neues Glück: Die Beatles spielten nun mit Sänger Tony Sheridan im Top Ten Club, Reeperbahn 136. Das ehemalige Hippodrom aus dem Hans-Albers-Film „Große Freiheit“ ist auch heute noch ein Club und heißt Moondoo. Stefanie Hempel muss sich mit ihrem Song beeilen, der Laden macht gleich auf. Sie spielt „My Bonnie Is over the Ocean“. Das Lied hatten die Beatles einst mit ihrem Entdecker Bert Kaempfert mit dem Label Polydor auf­genommen. Ihre erste Single jedoch war „Love Me Do“, sie kam am 5. Oktober 1962 auf den Markt. Zurück auf die Große Freiheit. Im Hinterhof von Hausnummer 39 erinnert ein schwarzer Stein an den legendären Star-Club und die Künstler, die dort auftraten. 1969 wurde der Laden geschlossen, das Gebäude brannte 1983 ab. Dreimal gastierten die Beatles hier, zuletzt an Silvester 1962. „Danach wurden sie weltberühmt“, sagt Stefanie Hempel. Und wenn die Sängerin so erzählt, von den wilden Sechzigern, könnte man sich fast wie damals fühlen. Wären da nicht die nervigen Junggesellenabschiede, die eindeutig aus dem Hier und Jetzt stammen. Darauf einen letzten Song: „Twist and Shout“.

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'Entdecker Bert Kaempfert': Informativer Artikel bis auf die Formulierung, Bert Kaempfert sei der (oder ein) Entdecker der Beatles gewesen. Das war er sicher nicht, im Gegenteil, ihm gebührt (zusammen mit der Plattenfirma Decca) der Ruhm, das Talent der Beatles nicht erkannt zu haben. Er lernte sie als Begleitband des von ihm geförderten Tony Sheridan kennen, aber sie beeindruckten ihn offenbar nicht besonders, denn er produzierte mit den Beatles nur zwei Titel und ließ den Vertrag mit ihnen danach auslaufen.

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