Deutschland Rheinland-Pfalz: Auszeit hinter Mauern

Von Annette Mohl aus Arenberg 

Wer der Hektik des Alltags entfliehen will, ist in Maria Laach oder Arenberg gut aufgehoben. Das Klosterleben ist eine Wohltat für Leib und Seele.

Urlaub im Kloster: In Maria Laach ist das möglich. Foto: Fotolia
Urlaub im Kloster: In Maria Laach ist das möglich.Foto: Fotolia

Arenberg - „Was machst du gerade?“ - „Nichts.“ Diese Antwort bekommt man nur noch selten zu hören. Müßiggang ist verpönt, und kaum jemand hat im Alltag die Zeit, einfach mal dazusitzen und nichts zu tun. Dabei wären Pausen als Stresspuffer wichtig. Im Kloster Arenberg bei Koblenz wird deshalb das „zweckfreie Verweilen“ gepflegt, wie Geschäftsführer Bernhard Grunau das süße Nichtstun nennt. Wer sich bei den Dominikanerinnen auf dem Arenberg eine Auszeit nehmen will, sollte mindestens drei Übernachtungen planen. Sonst sind die Gedanken schon wieder bei der Abreise, bevor die Seele angekommen ist. „Die meisten Gäste bleiben vier bis fünf Nächte“, sagt Grunau. Das habe sich bewährt. Wer jetzt schon abwinkt, weil er einen strengen Tagesablauf fürchtet mit unchristlichen Weckzeiten, trostloser Zelle und spartanischem Essen, ist definitiv auf dem falschen Dampfer.

"Wir bieten nicht alles, was die Menschen wollen, sondern was sie brauchen."

Es wird zwar gerne gesehen, wenn die Gäste an den (früh!-)morgendlichen Laudes der Nonnen in der Mutterkirche teilnehmen. Pflicht ist das aber nicht. Wer diesen Gottesdienst einmal miterleben will, wird um 6.30 Uhr an der Rezeption von einer Schwester abgeholt. Wer um diese Zeit noch Morpheus’ Arme vorzieht, schlummert einfach weiter. Die Betten sind bequem und die Zimmer im Gästehaus zwar ohne jeden Luxus, aber freundlich und praktisch eingerichtet. Faulpelze zieht es direkt zum üppigen Frühstücksbüfett. Doch spätestens am zweiten Tag will man’s dann doch wissen: Tut das Tautreten im nassen Gras frühmorgens tatsächlich so gut? Und warum wirken jene Tischnachbarn beim Frühstück so ausgesprochen munter, die vorher schon KneippGüsse bekommen haben? Wer mitmacht, saugt unmerklich den Geist des Hauses ein: Bewusstseinsstärkung für das eigene Wohlbefinden an Körper, Geist und Seele ohne Ablenkungen wie Fernsehen und Computer. Kneipp’sche Anwendungen sind im Kloster Arenberg ein zentraler Baustein des Wellness-Angebots und nehmen die Geschichte des Hauses auf. Schließlich war das Mutterhaus seit 1954 fast 50 Jahre lang Kneipp-Sanatorium. Jetzt sind es ausgebildete Therapeuten, die das Wellness-Zentrum betreiben. Man fühlt sich dem Paradies gleich etwas näher, wenn sanft die Fußreflexzonen massiert werden oder eine Lymphdrainage das Gesicht belebt. Die Farblichttherapie im Kristallbad wirkt wie ein Jungbrunnen. Noch mehr Seelenfrieden als körperliche Anwendungen bringt vielen Klosterbesuchern aber die innere Einkehr. Der Meditationsraum steht immer offen, die Mutterhauskirche auch. Wer Zuwendung braucht, findet sie bei vier Seelsorgern im Haus. Doch manchmal genügt schon ein Spaziergang im Klosterpark. Der Apotheker- und der Kräutergarten sind nach alter Tradition angelegt, auf Schiefertafeln sind die Heilpflanzen benannt, die von den Ordensschwestern getrocknet und für Tee gemischt werden.

Man sitzt - ganz freiwillig - stumm vor seinem Teller

Rund 20 Kilometer nördlich beginnt in Rengsdorf der 17 Kilometer lange Klosterweg nach Waldbreitbach, ein für seine vielfältigen Eindrücke zertifizierter Premiumweg. Auf der Strecke bietet sich etwa in Ehlscheid auf fast 400 Meter Höhe ein fantastischer Rundblick über Westerwald und Rheintal. Wer trotz all der Sinneseindrücke im Zimmer doch den Fernseher vermisst, wird enttäuscht: „Wir bieten nicht alles, was die Gäste wollen, sondern was sie brauchen“, sagt Bernhard Grunau. Wie gut Verzicht tun kann, wird auch bei den Mahlzeiten spürbar. In einem der beiden Speisesäle herrscht Redeverbot. Auch Flüstern ist nicht erlaubt. So sitzt man - ganz freiwillig - stumm vor seinem Teller. Unwillkürlich schweift der Blick zu den Tischnachbarn. Doch weil alle mit sich selbst beschäftigt sind, konzentriert sich die Wahrnehmung mit der Zeit tatsächlich aufs Essen. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf Optik, Konsistenz, Duft und Geschmack der Speisen - Achtsamkeit statt Hektik. Weniger ist mehr - auch im Benediktinerkloster Maria Laach ist das spürbar. „Mönche werden alt“, erzählt ein Pater und verweist auf einen Bruder, der mit 104 Jahren auf dem Klosterfriedhof begraben wurde. Das liege wohl am streng geregelten Tagesablauf, aber auch an der Sicherheit, zeitlebens in den (Arbeits-)Alltag integriert und im Alter versorgt zu sein. Bevor ein Bruder in die Gemeinschaft aufgenommen wird, durchläuft er eine fünfjährige Probezeit. Dann entscheidet der Konvent, ob er bleiben darf. Ein Teil der 50 Mönche der Abtei Maria Laach arbeitet in einem der Klosterbetriebe - Keramikwerkstatt, Kunstschmiede, Glockengießerei, Schreiberei oder Verlag. Oder im Bootsverleih am Laacher See, einem 10 000 Jahre alten Vulkankrater im Naturschutzgebiet. Der Gast genießt viele Freiheiten. Er kann sich ganz auf die Spiritualität der gregorianischen Gesänge der Mönche in der romanischen Abteikirche einlassen. Er kann an fünf Gottesdiensten täglich zwischen 5.30 und 19.45 Uhr teilnehmen. Oder auch nicht - und erst einmal in das Klosterleben hineinschnuppern. Beim gemeinsamen Abendessen muss man noch nicht einmal auf ein Glas Wein verzichten. Den trinken schließlich auch die Mönche - zumindest an Feiertagen.

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