Deutschland Usedomer Originale

Von Elke Sturmhoebel aus Bansin 

Auch im Winter ist die Ostseeinsel Usedom reizvoll. Zu dieser Jahreszeit kann man auch mit den Einheimischen ins Gespräch kommen.

Uwe Krüger, Strandfischer in sechster Generation, widmet sich auf Usedom mit Leib und Seele dem Thema Fisch. Foto: Sturmhoebel
Uwe Krüger, Strandfischer in sechster Generation, widmet sich auf Usedom mit Leib und Seele dem Thema Fisch.Foto: Sturmhoebel

Kraniche gibt es nur wenige auf Usedom. Dafür jede Menge von den verhassten Kormoranen. Auf gefühlte 100 000 schätzt Fischer Uwe Krüger die hemmungslosen Vögel, die alles wegfangen. Peter Noack kommt auf realistischere 20 000. „Doch wenn es eine halbe Ewigkeit dauert, bis die Kolonie über das Achterwasser gezogen ist, da kommt einem schon das Gruseln“, sagt er. Um die Früchte seiner Arbeit beraubten ihn allerdings Krähen. Regelrecht hergefallen seien sie über seinen Weinberg, empört sich Winzer Noack. „Wespen und Hagelstürme waren nichts dagegen.“ Dabei hatten es die ungebetenen Gäste vor allem auf die weißen Beeren abgesehen. Nicht eine Flasche Chardonnay konnte gekeltert werden. Glücklicherweise wurden die Cabernet-Sauvignon-Trauben nicht angerührt. „Der Rote schmeckt auch besser“, tröstet sich Noack und schaut über das stille Achterwasser, das die Insel vom Festland trennt. Der 62-Jährige ist vor allem Gastwirt. Gleich hinter seinem Fischrestaurant Waterblick in Loddin erhebt sich der Weinberg mit 99 Rebstöcken, die vor sechs Jahren sein Weinhändler aus Sponheim gepflanzt hat.

Edle Tropfen aus Usedom

Als der Nahe-Winzer beim fröhlichen Zusammensein den nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag machte, den Wein doch selbst anzubauen - schließlich hätte Noack doch einen schönen Südhang -, war der Insulaner Feuer und Flamme. Bei mehr als 1900 Sonnenstunden im Jahr sollten nicht nur Kartoffeln gedeihen, sagte sich der rührige Wirt. Auch Wein müsste wachsen. Bisher waren die Erträge ganz ordentlich. Das Spitzenjahr 2011 erbrachte 300 Kilo Trauben. Das Keltern übernimmt der gelernte Winzer vom Nahe-Weingut. Die Usedom-Weine muss der Wirt amtlicherseits leider selbst trinken. Doch sollte ein Gast gezielt danach fragen, bekommt er zum Probieren eine kleine Dosis „Loddiner Sonnenstrahl“ oder „Loddiner Abendrot“ ausgeschenkt. Der von Sonne und Seewind gereifte Rote erinnert an Portwein und mundet gar nicht mal schlecht.

Das Achterland ist das verträumte Hinterland der Insel Usedom. An der Außenküste, wie die Insulaner ihren 42 Kilometer langen Ostseestrand nennen, ist mehr los. In den Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin erfüllen schicke Hotels und Gourmet-Tempel, Wellness und Shopping vor schöner Bäderarchitektur höchste Ansprüche. Letztes Jahr hat Tom Wickboldt für sein Gourmet-Restaurant im Heringsdorfer Hotel Esplanade den ersten Michelin-Stern von Usedom erkocht. Das Potenzial hätte Brian Seifert vom Kulm-Eck vermutlich auch. „Ist nicht meine Welt“, wehrt Seifert sofort ab. „Dafür bin ich viel zu chaotisch.“ 1998 kam der Koch aus Berlin- Köpenick auf die Insel, die zu der Zeit noch gastronomisches Katastrophengebiet war. Brian Seifert kocht nach Lust und Laune. Manchmal bietet er lediglich ein fünfgängiges Menü für etwa 60 Euro, aus dem der Gast auch einzelne Gerichte wählen kann. Die Speisen sind frisch gekocht und erlebnisreich. Eine im Sud eingekochte Kirschtomate kann schon mal eine große Rolle spielen, der Zander als Bratwurst daherkommen. Das Fleisch liefert der Bio-Bauer. Den frischen Fisch holt sich Seifert gleich um die Ecke am Strand. Nachmittags sitzen dort die Fischer vor ihren Hütten und flicken Netze.

Die Fischerei auf Usedom

Im Winterhalbjahr, wenn die Strandkörbe eingelagert sind, ist viel Platz für Spaziergänger. Entlang des Spülsaums trippeln Strandläufer. Möwen schaukeln auf den Wellen. Das weiße türmchengekrönte Brückenhaus der Ahlbecker Seebrücke blitzt in der Sonne. Ganz in der Nähe hat Uwe Krüger seinen Arbeitsplatz. Er ist Strandfischer in sechster Generation. Im Moment liegt sein Holzkutter auf dem Trockenen. Nach getaner Arbeit zieht der Traktor das Boot wieder auf den Strand. Wenn das Wetter es zulässt, nimmt Krüger morgens um 6 Uhr auch mal Touristen an Bord und fährt zu den Stellnetzen. „Die sollen mal sehen, wie das so geht“, sagt Krüger, der Sorge hat, dass sich Kinder in der Zukunft die Fischerei nur noch im Museum anschauen können. Seine Nachfolge zumindest ist gesichert. Der Schwiegersohn hat das Fischerhandwerk gelernt.

Beschwerden hat er dennoch: Die Quote drückt. Zum Beispiel der Hering, neben dem Dorsch der wichtigste Ostseefisch. Man bräuchte wenigstens 20 Tonnen Hering, um eine Familie ernähren zu können, erklärt Uwe Krüger. „Erlaubt sind aber nur 7,6 Tonnen im Jahr.“ Und die seien manchmal an einem Tag gefangen. Danach könnte man glatt Däumchen drehen. Ende der 1920er Jahre verdienten sich arbeitslose Fischer aus der Region ein Zubrot, indem sie Wandteppiche aus mongolischer Schafwolle in Heimarbeit knüpften und Motive aus ihrer Alltagswelt darin einfließen ließen. In der Schauwerkstatt der alten Gutsanlange in Mölschow sind diese Freester Fischerteppiche ausgestellt. Krüger bleibt lieber beim Netzeknüpfen und widmet sich den Fischen. Zudem hängt er den täglichen Fang in den umgebauten Stahlschrank aus DDR-Bestand, heizt ein paar Stunden ordentlich ein und serviert die Räucherware seinen Gästen in Uwes Fischerhütte am Strand. So haben alle etwas davon.