Didacta-Auftakt Wie vertrauenswürdig ist mein Lehrer?
Alexander Mäder, 22.02.2011 12:31 Uhr
vorherige Bild 1 von 2 nächste
Hirnforscher Gerhard Roth ist der Meinung, dass Lernen ohne einen gewissen Anteil an Frontalunterricht nicht funktioniert. Foto: dpa
Hirnforscher Gerhard Roth ist der Meinung, dass Lernen ohne einen gewissen Anteil an Frontalunterricht nicht funktioniert. Foto: dpa
Stuttgart - In seinem Buch "Bildung braucht Persönlichkeit" (Klett-Cotta) fordert der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth, die Erkenntnisse der Didaktik, Psychologie und Hirnforschung im Schulalltag ernst zu nehmen. Auch die Ausbildung der Lehrer müsste seiner Ansicht nach grundlegend reformiert werden. Am Eröffnungstag am Dienstag wird er um 16 Uhr auf der Bildungsmesse Didacta seine Thesen vorstellen.

Herr Roth, was können Lehrer von der Hirnforschung lernen?


Eigentlich nichts, was gute Lehrer nicht schon seit tausend Jahren wissen. Die Hirnforschung kann aber in manchen strittigen Fällen weiterhelfen.

Nehmen wir die Mengenlehre oder die Textaufgaben im Matheunterricht. Raten Sie zu oder eher ab?


Das Gehirn verarbeitet Mengen und Zahlen unterschiedlich. Daher können Schüler in Mathematik ganz verschiedene Schwächen haben, und ein Konzept wird nicht für alle Schüler geeignet sein. Aber im Grunde sind solche Fragen zu speziell für die Hirnforschung. Ganz anders sieht es bei der Frage aus, ob Frontalunterricht, Gruppenarbeit oder selbst organisiertes Lernen am besten funktionieren. Hier ist viel Ideologie im Spiel, aber es gibt kaum wissenschaftliche Belege für die eine oder andere These.

Was soll man tun, wenn es keine Anhaltspunkte für eine Entscheidung gibt?


Solange man nicht auf sicherem Boden steht, ist ein Mix der Ansätze das Beste. Es ist ein großer Fehler, die Rolle des Lehrers zu unterschätzen. Gruppenarbeit und eigenständiges Arbeiten sind zwar wichtig, aber es ist ein Wunschtraum, dass es ohne einen gewissen Anteil an Frontalunterricht gehen würde. Auch ältere Schüler können nicht alles Wissen selbst erwerben. Als Präsident der Studienstiftung habe ich mit vielen hochbegabten jungen Menschen zu tun, doch auch sie laufen mal in eine Sackgasse und brauchen Unterstützung. Sie nicht zu kontrollieren und anzuleiten wäre riskant.

Jetzt steht Ihre Erfahrung gegen die der Lehrer, die es vielleicht anders sehen.


Ich will nicht bezweifeln, dass es im Unterricht viele gute Ansätze gibt. Aber um einen Ansatz zu verallgemeinern, muss man über die subjektive Einschätzung eines Lehrers hinausgehen. Die Hirnforschung zeigt zusammen mit der Psychologie zum Beispiel, wie Lernen und Gedächtnisbildung funktionieren und wie wichtig die Persönlichkeit des Lehrers dabei ist. Der Arbeitsspeicher des Gehirns ist zum Beispiel nach fünf Minuten voll, daher müssen Lehrer die Informationen in kleine Pakete packen und zwischendurch eine Minute Konzentrationspause lassen. Außerdem sollten sie viel Zeit in Wiederholungen stecken: am folgenden Tag, dann in der Woche darauf und noch einmal im folgenden Monat.

Das ließe sich aber auch als Still- oder Gruppenarbeit organisieren.


Ja, aber ich hatte noch die Rolle der Lehrer erwähnt. In der Forschung gilt es als gut belegt, dass sich Schüler schon in den ersten Minuten ein Urteil darüber bilden, ob sie einen Lehrer für vertrauenswürdig halten. Ein Lehrer, der hier nicht punktet, muss jahrelang dagegen ankämpfen. Dabei muss er doch die Schüler anleiten - nicht aufdringlich, aber als Autorität.
Kommentare (0)
Anzeigen