Didacta-Debatte über leistungsstarke Kinder Der schwierige Umgang mit Eliten

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Wird für leistungsstarke Kinder genug getan? Nein, da waren sich Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann und der Münchner Bildungsforscher Manfred Prenzel beim Bildungsforum der Didacta einig. Mit deren Plädoyer für Eliten hat sich so mancher im Publikum schwer getan.

Auf der Didacta finden Pädagogen jede Menge Futter  – auch für leistungsstarke Schüler. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Auf der Didacta finden Pädagogen jede Menge Futter – auch für leistungsstarke Schüler. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Wird für leistungsstarke Kinder genug getan? Diese Frage ist am Mittwoch auf dem Bildungsforum der Didacta-Messe kontrovers diskutiert worden. Fest steht, dass in Deutschland der Anteil der leistungsstarken Schüler mit zehn Prozent deutlich geringer ist als in vielen anderen Ländern – etwa Finnland, Kanada, der Schweiz, den Niederlanden und Großbritannien, wie der Münchner Bildungsforscher Manfred Prenzel aufzählte.

Susanne Eisenmann räumte als Baden-Württembergs Kultusministerin und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK) ein: „Das Thema Unterforderung ist in den vergangenen Jahren stark vernachlässigt worden.“ Sie nannte auch einen Grund: „Es fehlt an Mechanismen, Hochbegabung bereits in der Grundschule zu erkennen.“ Insofern sei die nun verabschiedete Förderstrategie der KMK überfällig gewesen. „Wir werden das stärker in den Blick nehmen und umsetzen“, kündigte die Ministerin an. Bei ihr selbst liege die Begabung vor allem in den Geisteswissenschaften – „bei den Naturwissenschaften musste ich immer ein bisschen kämpfen“, räumte sie ein. „Aber mit meinen Neigungen konnte ich mich gut durchsetzen.“

Wie aber kann es gelingen, schwache und starke Kinder gleichermaßen zu fördern? Dies scheint in einer saarländischen Gemeinschaftsschule besonders gut gelungen zu sein. Monika Greschuchna leitet die Schule, die Bundessieger im Wettbewerb „Starke Schule“ ist. Und sie nannte ein ganzes Bündel an Maßnahmen: „Wir legen Wert auf wertschätzende Lernbeziehungen.“ Ältere Schüler begleiteten als Lerncoaches die jüngeren, wichtig sei aber auch eine anregende Lernumgebung. „Und wir legen sehr viel Wert auf Musik und Kultur – alles, was ein Kind dazu bringt, kreativ zu sein und quer zu denken“ Als Keimzelle bezeichnete die Schulleiterin die individuelle Lernzeit, in der jedes Kind Inhalt und Tempo selbst bestimme, hinterher aber reflektiere, was gelungen sei und was nicht. Eine Besonderheit: Schüler, die in einem Fach besonders stark sind, dürfen den Unterricht eine Klasse höher besuchen. Zudem gebe es ein Juniorstudium an der Uni des Saarlandes. „Wir holen Dozenten zu uns zu Vorlesungen; wir versuchen, alle Begabungen abzudecken.“

Stefan Küpper, Geschäftsführer Bildung des Arbeitgeberverbands, äußerte Zweifel an der Relevanz von Schulnoten: „80 Prozent der funktionellen Analphabeten haben in Deutschland einen Schulabschluss gemacht.“ Küpper sagte, ein Betrieb suche sich seine Azubis vor allem nach Kompetenz und Persönlichkeit aus. „Wir wollen die Besten, die zu uns passen.“

Auch Prenzel bestätigte, es gebe nicht zwingend eine Korrelation zwischen Noten und Begabung. Man müsse genauer hingucken: „Wir haben in Deutschland viele leistungsstarke Schüler, die sich nicht für Mathe und Naturwissenschaften interessieren – andere Länder böten mehr motivierende Unterstützung. Oft würden hierzulande gute Schüler gebremst, auch gebe es für sie zu wenig Futter.

Leistungsstarke Mädchen sind unterrepräsentiert

Eisenmann sekundierte: Ja, man müsse alle Kinder bei ihren Begabungen abholen. Dies sei in den vergangenen Jahren vor allem bei schwächeren Schülern geschehen. Sie konstatierte: „Deutschland hat ein Elitenproblem.“ Besonders treffe dies leistungsstarke Mädchen, ergänzte Prenzel auf einen Zuruf aus dem Publikum – „die sind in Deutschland unterrepräsentiert – aber das ist kein Naturgesetz“. Man müsse ihnen mehr zutrauen und mehr zumuten. Eisenmann sieht hierbei vor allem Defizite in der Erziehung, also bei den Eltern.

Einem Schulleiter aus Nordrhein-Westfalen platzte der Kragen: „Ich finde den Begriff Elite zum Kotzen – wir brauchen keine Elite.“ Kinder dürften doch nicht nur nach den Verwertungsinteressen der Industrie gefördert werden, sondern ihr individuelles Glück sei doch wichtig. Auch Flüchtlingskinder dürfe man nicht hängen lassen. Leistung und Glück, so konterte ein anderer Zuhörer, müsse kein Widerspruch sein. Küpper sagte, in Baden-Württemberg werde viel für Jugendliche aus benachteiligten Familien getan. Eisenmann blieb dabei: „Wir brauchen Eliten. Wir haben auch leistungsstarke Flüchtlingskinder.“