Didaktische Irrtümer
Experimente am lebenden Objekt
Stefan Kister,
22.02.2011 14:07 Uhr
Sprachlabore hatten einst Konjunktur – doch als die Lernergebnisse zu wünschen übrig ließen, wurden die Zweifel an der Effizienz dieses Mediums immer lauter. Foto: gms
Stuttgart - Um Kindern das Schreiben beizubringen, hatte der englische Pädagoge Joseph Castairs Anfang des 19. Jahrhunderts eine gute Idee. In seiner Art of Writing entwickelt er eine narrensichere Methode, durch gezielte Anwendung äußerer Zwangsmittel Schreibnovizen ihr Handwerk zu erleichtern. Dazu gehörte etwa eine Fesselung der ersten drei Schreibfinger, das macht die Hand schön geschmeidig. Am besten sei es ohnehin, gleich den ganzen Oberkörper an die Stuhllehne festzubinden, denn eine gerade Körperhaltung ist alles. Weil bei dem Ganzen aber die Lockerheit nicht auf der Strecke bleiben soll, erfand der umtriebige Methodiker einen sogenannten Talentografen, eine von der Zimmerdecke herabhängende Schlinge, in der der rechte Arm des Schreibenden in vollkommener Schwebe gehalten werden konnte. Castairs Innovation scheint sich nicht durchgesetzt zu haben, auch wenn rund 100 Jahre später Hanno Buddenbrook in Thomas Manns Roman die Schule noch wie ein Folterkabinett erscheinen wollte, nur dazu da, "einen zu chikanieren".
Wer später mit den grundlegenden Fertigkeiten vertraut gemacht werden sollte, deren es beispielsweise bedarf, einen Roman von Thomas Mann zu lesen, konnte auf den mäßigenden Innovationsschub der Reformpädagogik hoffen. So richtete der preußische Volksschullehrer Otto Kohnert 1910 ein Gesuch an die zuständige Provinzregierung in Potsdam, den eigentlichen Lese- und Schreibunterricht für Schulneulinge hinausschieben zu dürfen. Die Kleinen sollten erst einmal mit Zeichnen, Tonkneten und Stäbchenlegen beschäftigt werden. Durch Spaziergänge werde die Anschauung erweitert, das Auge im Sehen geübt und die Hand im Nachbilden geschickt, "so dass das Schreiben und Lesen hernach leichter fällt". Doch so heilsam die sinnlichen Ambitionen des reformpädagogischen Eros einmal in die düsteren Paukanstalten alten Schlages hereingestrahlt haben, so sehr sind ihre Konsequenzen für ein partnerschaftliches Lehrer-Schüler-Verhältnis durch diverse Vorfälle an verschiedenen fortschrittlichen Leuchtturmschulen in jüngster Zeit in ein schiefes Licht geraten - mit fataleren Folgen für die körperliche Unversehrtheit der Zöglinge als sie ein Talentograf gezeitigt haben würde.
Die erzieherische Weltordnung offenbart sich als eine Folge gesellschaftlicher Trends, Moden und Chimären. Wovon die Protagonisten der Aufklärung geträumt haben, Bildung als ein prinzipiell unabschließbarer Prozess zur Vervollkommnung des Menschen, hat sein Pendant in der rastlosen Überbietungsdynamik pädagogischer und didaktischer Innovationen. Aber vielleicht lässt sich gerade vom Stande des Ausrangierten und Überlebten aus ein Ruhepunkt der Betrachtung gewinnen, von dem aus sich das Verhältnis von Wissen und zeitgemäßen Formen seiner Vermittlung bestimmen lässt.
Wer in den siebziger Jahren eingeschult wurde, hatte es in Rechnen vor allem mit vielen bunten Plättchen zu tun, mit sich überschneidenden Kreisen, Mengenbäumchen, Teil-, Schnitt- und Restmengen. Die Mengenlehre sollte das Wesen des mathematischen Denkens plausibel machen, bevor man in die Geheimnisse des Zahlenrechnens eingeführt wurde. In bunten Lehrbüchern wurde einem in der Schule an Männchen und Figuren der Erfahrungstatbestand erläutert, dass die Mädchen eine Teilmenge der ganzen Klasse bilden. Das Wissen, wie viel Geld man sich mit zweimal Einkaufen und dreimal Putzen verdienen konnte, musste man sich quasi autodidaktisch zu Hause erwerben. Konservative Politiker sahen darin "intellektuelle Notzucht" und eine "Pervertierung" der Mathematik, die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde warnte vor dem "geistigen Experiment am lebenden Objekt". Am Ende schlug sich auch die Generation Mengenlehre rechnerisch ganz passabel durch das Leben - anders als das methodische Modell, das 1974 nach massiven Elternprotesten wieder abgeschafft wurde.
Wer später mit den grundlegenden Fertigkeiten vertraut gemacht werden sollte, deren es beispielsweise bedarf, einen Roman von Thomas Mann zu lesen, konnte auf den mäßigenden Innovationsschub der Reformpädagogik hoffen. So richtete der preußische Volksschullehrer Otto Kohnert 1910 ein Gesuch an die zuständige Provinzregierung in Potsdam, den eigentlichen Lese- und Schreibunterricht für Schulneulinge hinausschieben zu dürfen. Die Kleinen sollten erst einmal mit Zeichnen, Tonkneten und Stäbchenlegen beschäftigt werden. Durch Spaziergänge werde die Anschauung erweitert, das Auge im Sehen geübt und die Hand im Nachbilden geschickt, "so dass das Schreiben und Lesen hernach leichter fällt". Doch so heilsam die sinnlichen Ambitionen des reformpädagogischen Eros einmal in die düsteren Paukanstalten alten Schlages hereingestrahlt haben, so sehr sind ihre Konsequenzen für ein partnerschaftliches Lehrer-Schüler-Verhältnis durch diverse Vorfälle an verschiedenen fortschrittlichen Leuchtturmschulen in jüngster Zeit in ein schiefes Licht geraten - mit fataleren Folgen für die körperliche Unversehrtheit der Zöglinge als sie ein Talentograf gezeitigt haben würde.
In den siebziger Jahren hatte man es mit Mengenlehre zu tun
Die erzieherische Weltordnung offenbart sich als eine Folge gesellschaftlicher Trends, Moden und Chimären. Wovon die Protagonisten der Aufklärung geträumt haben, Bildung als ein prinzipiell unabschließbarer Prozess zur Vervollkommnung des Menschen, hat sein Pendant in der rastlosen Überbietungsdynamik pädagogischer und didaktischer Innovationen. Aber vielleicht lässt sich gerade vom Stande des Ausrangierten und Überlebten aus ein Ruhepunkt der Betrachtung gewinnen, von dem aus sich das Verhältnis von Wissen und zeitgemäßen Formen seiner Vermittlung bestimmen lässt.
Wer in den siebziger Jahren eingeschult wurde, hatte es in Rechnen vor allem mit vielen bunten Plättchen zu tun, mit sich überschneidenden Kreisen, Mengenbäumchen, Teil-, Schnitt- und Restmengen. Die Mengenlehre sollte das Wesen des mathematischen Denkens plausibel machen, bevor man in die Geheimnisse des Zahlenrechnens eingeführt wurde. In bunten Lehrbüchern wurde einem in der Schule an Männchen und Figuren der Erfahrungstatbestand erläutert, dass die Mädchen eine Teilmenge der ganzen Klasse bilden. Das Wissen, wie viel Geld man sich mit zweimal Einkaufen und dreimal Putzen verdienen konnte, musste man sich quasi autodidaktisch zu Hause erwerben. Konservative Politiker sahen darin "intellektuelle Notzucht" und eine "Pervertierung" der Mathematik, die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde warnte vor dem "geistigen Experiment am lebenden Objekt". Am Ende schlug sich auch die Generation Mengenlehre rechnerisch ganz passabel durch das Leben - anders als das methodische Modell, das 1974 nach massiven Elternprotesten wieder abgeschafft wurde.
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Zustimmung
Sehr schön, vielen Dank. Die beste Evaluierung unseres Bildungssystems und der vorherrschenden Pädagogik sind das Bildungsniveau und die Realitiätsnähe der Schüler. Mit anderen Worten - die zeitgenössische Pädagogik ist gescheitert. Statt sich in Selbstreflexion zu ergehen, das eigene Scheitern zu akzeptieren und zu versuchen, Didaktik und Methoden zu verbessern, wird die Schuld bei den Eltern gesucht - mit fatalen Folgen für die Bildungslandschaft. Was nützt es, zu kontruieren und dekonstruieren, was das Zeug hält, wenn dabei die Schüler nichts dabei lernen. Und - ehrlich - ein Pädagoge, der meint, seine Aufgabe wäre vornehmlich, "Chancengleichheit" herzustellen, hat in dem Job nichts zu suchen.
..
Selten passte eine Überschrift so gut zu einem Artikel. Man erkennt doch vieles wieder, ob das jetzt lustig ist sei dahin gestellt. Schmunzeln musste ich trotzdem.
"ganz passabel durch das Leben"
Also ich habe die Mengenlehre in der 1. Klasse anno 1972 geliebt, auch wenn meine Eltern es nicht verstanden haben. Bin ich jetzt krank?