
Was man heute nur noch absurd finden kann, ist glücklicherweise durch Fotografien dokumentiert: Die Nationalsozialisten wünschten sich von der Autobahn den unverbauten Blick auf die Landschaft. Nichts sollte ihn trüben; Straßenschilder waren verboten. Hitler stilisierte sich zum Künstler, der seinen geschwungenen Betonstrich zwischen Wälder und Täler zog. Fritz Todt als ihm unter- und schwer ergebener Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen schimpfte die Eisenbahn im Vergleich zur "charaktervollen Kraftfahrbahn" einen "Fremdkörper in der Landschaft".
Im Auftrag von Todt malte Ernst Vollbehr in Regenbogenfarben ein idyllisches Panorama von der Baustelle der Neckarbrücke bei Mannheim-Seckenheim von einem Foto ab: Dies sind nur zwei von 100 Bildern, die das Ludwigsburger Staatsarchiv nun in seiner Ausstellung "Kulturlandschaft Autobahn" zeigt. Schließlich haben einst unzählige, anonyme Propagandisten die grauen Trassen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln der Suggestivkraft als schöngefärbten Teil eines deutschen Land-Kunstwerkes geknipst.
Dabei war zum einen die erste deutsche Schnellstraße schon vor der Machtergreifung, nämlich 1932, von Konrad Adenauer als dem damaligen Kölner Oberbürgermeister eingeweiht worden. Zum anderen hatten sich die Nazis für ihre voll an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeiproduzierten Wege stillschweigend von den Amerikanern und ihren sogenannten Park-Ways inspirieren lassen. Außerdem zeigt auch die Bildersammlung des ehemaligen Landesamtes für Straßenwesen Baden-Württemberg, die das Staatsarchiv seit gut zehn Jahren verwahrt, vor allem eins in aller Deutlichkeit: die Dissonanz von Straßenbau und Landschaftsgestaltung.
Noch bis zum Ende der 1960er Jahre waren die Autobahnen in der öffentlichen Meinung wohlgelitten. Der Plan des damaligen Bundesverkehrsministers Georg Leber sah sogar vor, dass kein Bürger mehr als 25 Kilometer bis zur nächsten Auffahrt haben solle. Der Ausbau der Anschlussstelle Degerloch zum Echterdinger Ei erfolgte in dieser Zeit und war angesichts der Motorisierungswelle schon rasch wieder überholt. In einer Luftaufnahme lichtete Albrecht Brugger 1963 den langen Echterdinger Stau ab.
Zehn Jahre später kommt der Bruch. Bewusst hat der Kurator Bernhard Stumpfhaus den Schwerpunkt der Schau bis 1973, dem Jahr der ersten Ölkrise, gesetzt. "Da setzt eine Umwertung ein, das euphorische Verhältnis bricht", sagt der Kunsthistoriker: "Die Autobahn wird zum Störenfried." Einige Bilder jüngeren Datums wie eine Aufnahme von Freiberg-Geisingen zeigen Planken, Lärmschutzwälle und Hangbefestigungen. Auch rücken die Industrie auf der Suche nach kurzen Wegen und mit ihr die Strommasten immer näher an die Betonbahnen heran.
Aus einem Bestand von 7500 gedruckten Bildern, die großteils von Ingenieuren gemacht wurden und vom Schnappschuss bis zu hoher technischer Fertigkeit reichen, hat Stumpfhaus ausgewählt und in bewusster Gleichförmigkeit jeweils 22 Zentimeter hohe Formate wie ein langes Band nebeneinander gehängt. Die kluge Auswahl zeigt die Fotografien nicht nur als Dokumente einer historischen Wirklichkeit, sondern entlarvt auch deren ästhetisierende Wirkung: wie der romantische Blick auf den Rhein - von der Perspektive einer noch nicht gebauten Autobahn aus.
