Der Tod ist eine ernste Sache. Und die Räume des Bestattungshauses Rolf liegen in der eher trostlosen und tristen Tränke. Trotzdem - oder gerade deshalb - sieht die Inhaberin Barbara Rolf ihre Aufgabe auch darin, im Umgang mit dem Tod mitten im Leben zu stehen. Deshalb organisiert die Diplom-Theologin dort auch immer wieder Lesungen, Ausstellungen, Konzerte. Am Sonntagabend war die Jazzpianistin und Kirchenmusikerin Elisabeth Berner mit ihrer Band Berner In Fusion zu Gast.
Die in der Schweiz lebende Pianistin und die Bestatterin sind seit sieben Jahren Freundinnen. So wurde es möglich, dass Elisabeth Berner mit drei erstklassigen Jazz-Musikern an diesen sehr ungewöhnlichen Konzertort kam. Der akustisch etwas heikle Saal war recht gut mit Zuhörern besetzt. An der Seite der Frau am Klavier spielte der Trompeter Carl Machado, der zuweilen auch zum geschmeidigen Flügelhorn griff. Den Bass zupfte der Tübinger Landes-Jazzpreisträger Axel Kühn, und das Schlagzeug bediente Jonathan Günak, der als Stipendiat in Boston studiert hat.
Das Wort Fusion schillert mehrdeutig zwischen einer Brücken zu Funk und Rock schlagenden Stilrichtung des Jazz und der lebensrettenden Spende von Blut oder Medizin. Elisabeth Berner versteht ihre Musik eher als Kraftquell, aber sie verbindet gleichzeitig sogar scheinbar Unvereinbares. Die Kraft der erhabenen und oft trostreichen Choräle, Kern und Herz der evangelischen Kirchenmusik, lässt sich gut mit der Energie und dem Drive des Jazz bündeln.
Schwieriger ist das mit dem sogenannten Neuen Geistlichen Lied, das den einen als anbiedernder Sakro-Pop fast schon verhasst ist, anderen aber ein Inbegriff junger spiritueller Frömmigkeit nicht nur auf Kirchentagen. Auf solchen Veranstaltungen hat die Band schon vielfach großen Zuspruch gefunden und sich deshalb auch als feste regelmäßige Formation begründet.
"Ich kenne keinen Kirchenmusiker, der dieses Lied leiden kann", sagt Elisabeth Berner über den frömmelnden Schlager "Danke, für diesen guten Morgen", der 1963 seinen Siegeszug durch die christliche Welt antrat. Aber gerade deshalb wollte sie das populäre Lied "so arrangieren, dass ich es mögen darf". Und das gelingt ihr und vor allem der gedämpften Trompete von Carl Machado, indem das melodische und rhythmische Motiv nur noch als thematischer Rohstoff für eine weit gespannte freie und prickelnd rhythmisierte Swing-Nummer dient.
Auch das Thema von "Du hast uns Herr gerufen" ist nach einem Klavier-Intro zwar immer wieder hörbar wie ein Cantus firmus-Motto, darunter aber vibriert das Leben einer fast nach Free Jazz klingenden Abfolge von Übergaben, Duetten und Soli aller vier Instrumentalisten. Ganz eins freilich wird die Sprache des Jazz mit dem Ernst der originalen Choralmelodien, sei es bei dem mit Rock"n"Roll-Piano eingeleiteten Fünfton-Motiv von "In Dir ist Freude" oder der feierlichen Bedächtigkeit von Paul Gerhardts "Du meine Seele singe". Besonders schön klang dabei das Flügelhorn. Der Satz war in mehrere Durchführungen gegliedert und mit komplexen Gegenrhythmen angeschärft, die auch eine flotten Version von "Der Mond ist aufgegangen" nach Johann Abraham Peter Schulz (1790) auflockerten.
Noch eine andere Fusion im Jazz gelang dem Quartett, die eigentlich naheliegt. Denn die Verwandtschaft des Choralthemas "Nun danket alle Gott" von Johann Crüger aus dem Jahr 1647 mit der Befreiungs- und Friedenshymne "We shall overcome" ist ja geradezu verblüffend. Es gab viel begeisterten Beifall für die originelle Musik der hochklassigen Band im Bestattungshaus.

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