Die Geschichte des FV Karlsruhe Die alten Meister

Von Andreas Steidel 

Der Karlsruher FV war einer der bedeutendsten Fußballclubs Deutschlands, Deutscher Meister 1910, Heimat der einzigen jüdischen Nationalspieler, die es je gab. Dann kam der Absturz. Zum 125-Jahr-Jubiläum versucht man, den Verein wiederzubeleben – mit Idealismus und einem Urgroßneffen von Sepp Herberger.

Das Telegrafenstadion, das mehr als 30 000 Zuschauer fasste, war einst die Heimspielstätte des Karlsruher FV. Foto: Benny Ulmer
Das Telegrafenstadion, das mehr als 30 000 Zuschauer fasste, war einst die Heimspielstätte des Karlsruher FV.Foto: Benny Ulmer

Karlsruhe - Auf einem regennassen Sportplatz spielt die zweite Mannschaft des Karlsruher FV gegen den ATSV Mutschelbach. Es steht kurz nach der Pause 5:0 oder 6:0 für den Gegner, so genau weiß das keiner, die meisten schauen nicht wirklich zu, schwätzen über irgendetwas anderes, während die Partie läuft. „Nicht so passiv“, brüllt der KFV-Kapitän. Er wirkt irgendwie verzweifelt und nicht so, als wenn er daran glaubt, dass heute hier noch irgendetwas zu holen ist.

Es war ohnehin ein ambitioniertes Projekt, eine zweite Mannschaft anzumelden. Im Augenblick kicken nur neun gegen neun, weil nicht genug Spieler da sind. In der untersten aller unteren Klassen ist das erlaubt, damit nicht so viele Spiele abgesagt werden müssen. „Es ist immer  das gleiche“, stöhnt Herbert Durand, der sportliche Leiter, „auf nichts kann man sich verlassen.“

Als der Karlsruher Fußballverein 2007 in der untersten Liga, der Kreisklasse C, ankam, da war das für ihn ein Aufstieg. 2004 war er nämlich bereits weg vom Fenster, ausgeschlossen vom Spielbetrieb, weil er seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkam. Der letzte Vorstand hatte ihn mit mehr als 300 000 Euro Schulden hinterlassen und einem maroden Vereinsheim, in dem der Putz bröckelte.

Es war das Ende einer langen grandiosen Geschichte, die ihresgleichen sucht. Am 17. November 1891, vor 125 Jahren, hat sie auf einem Bolzplatz neben dem Bismarck-Gymnasium begonnen. Zu den Gründervätern gehörte Walter Bensemann, ein Fußballpionier und der erste Herausgeber der Zeitschrift „Kicker“. Bensemann gründete einen Fußballclub nach dem anderen – und nebenbei den Deutschen Fußballbund. Zu dessen ersten Spitzenvereinen gehörte der KFV.

Das wichtigste Datum in der Vereinsgeschichte

1905 wird der Club Süddeutscher Meister und fünf Jahre später sogar Deutscher Fußballmeister. Der 15. Mai 1910 ist bis heute das wichtigste Datum in der Vereinsgeschichte: 1:0 gegen Holstein Kiel. Nun ist man die Nummer eins im Lande. Es war die Zeit, als der Karslruher FV unzählige Nationalspieler stellte. Viele der frühen Länderspiele fanden in seinem Stadion an der Karlsruher Telegrafenkaserne statt, darunter das erste siegreiche Spiel einer deutschen Nationalelf überhaupt.

Das Gebäude der Telegrafenkaserne steht noch immer. Die Tribüne und das Clubhaus jedoch wurden plattgemacht, ausgerechnet im Sommer 2006, als in Deutschland die Fußball-WM stattfand.

„Das muss man sich mal vorstellen, das erste Stadion der Nationalmannschaft, einfach abgerissen!“ Der Mann, der das sagt und feinsäuberlich recherchiert hat, heißt Steffen Herberger. Er ist der Urgroßneffe des berühmten Bundestrainers Sepp Herberger und einer der Idealisten, die fest daran glauben, dass der Karlsruher FV eine Zukunft hat. Gerade ist Herberger auf dem Fußballplatz angekommen. Die zweite Mannschaft hat inzwischen 0:11 verloren oder 0:12. Es kommt darauf an, wen man gerade fragt. Jetzt steht die erste Mannschaft auf dem Platz. Sie ist Tabellenvorletzter, ein gewisser Erfolg. Am ersten Spieltag holte sie sogar ein Unentschieden, das wie ein Sieg gefeiert wurde.

Es ist so schwer, einen Verein wieder in Gang zu bringen, der keine eigene Jugendarbeit mehr hat und kein eigenes Vereinsgelände. Derzeit ist man Gast der Spielvereinigung Olympia Hertha. Zwei Sportplätze mitten im Wald, der eine nicht mehr als ein holpriger Acker. Es ist bereits die vierte Spielstätte, auf der sich der KFV eingemietet hat. Ein elendes Herumvagabundieren, das Gift für das neue Vereinsleben ist.

Im Augenblick verfolgen etwa zehn Zuschauer das Spiel der ersten Mannschaft. Ein paar Hundert Meter weiter jubeln Tausende dem Zweitligisten Karlsruher SC zu. Es war irgendwann in den fünfziger Jahren, als der KSC den KFV zu überholen begann. Alle paar Jahre rutschte der KFV ein wenig weiter ab. Als man sich 1969 ein nagelneues Clubhaus auf das Gelände an der Telegrafenkaserne stellte, da konnte man es sich eigentlich schon nicht mehr leisten.