Die Geschichte des Rainer Höß Der Enkel eines Mörders

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Als Rainer Höß zur Welt kam, war sein Großvater längst hingerichtet. Und doch hat Rudolf Höß, Kommandant in Auschwitz, das Leben des 51-Jährigen geprägt.

Ein langer der Weg der Reifung: Rainer Höß Foto: Gottfried Stoppel
Ein langer der Weg der Reifung: Rainer Höß Foto: Gottfried Stoppel

Weil der Stadt - Ende 1940 wird SS-Obersturmführer Niethammer für eine Sonderaufgabe vom KZ-Wachdienst freigestellt. Ein Auftrag des Kommandanten Rudolf Höß persönlich: Er soll die Vogelwelt von Auschwitz und Birkenau erforschen.

Niethammer, promovierter Ornithologe, folgt dem klirrenden Gesang der Girlitze, lauscht Balzpfiffen von Kleibern, den „chrä"-Rufen der Pirole. Er beobachtet flügge Baumpieperjungen und das Brutverhalten von Haubenlerchen. Sumpfmeisen nisten in einem Apfelbaum. Im Winter sitzen viele Elstern auf den Dächern. Verblüffend, wie scheu die Auschwitz-Amseln sind. „Eine Sumpfohreule wird von Nebelkrähen gejagt“, notiert er, „sie steigt kreisend in die Höhe, viel schneller als die Krähen, bis sie nur noch als Punkt zu erkennen ist und im Gleitflug entschwindet.“

Auffallend: das Fehlen von Zilpzalp und Zaunkönig in Auschwitz. Als besonders häufig können Sumpfrohrsänger und Rotschenkel genannt werden, auch die Entenfauna ist reichhaltig. Während sich Kommandant Höß an Berichten über Eichelhäher und Steinkauze erfreut, hat er bereits „die größte Menschenvernichtungsanlage aller Zeiten“ gestartet, wie er sein Lager später nennt. Es laufen Vergasungsversuche mit Zyklon B. Erst in Block 11, später in der Gaskammer des Krematoriums, in die bis zu 800 Menschen gepfercht werden können – polnische Widerständler, sowjetische Kriegsgefangene, Juden aus Oberschlesien. Dagegen haben Nachtigall oder Wiedehopf nichts zu fürchten: Höß stellt das Abschießen von Vögeln auf dem KZ-Gelände unter strenge Strafe. Er ist ein Naturfreund und sehr tierlieb.

Er ist der Großvater von Rainer Höß. Als der Enkel 1965 zur Welt kommt, ist der KZ-Chef längst gehenkt. „Aber er hat meinem Leben einen Stempel aufgedrückt.“

„Du läufst genau wie er“

Weil der Stadt, ein schmuckloses Mehrfamilienhaus am Rande der Altstadt. Höß steht bereits am Balkongeländer und wartet auf den Besucher. Ein imposanter Flachbild-Fernseher mit Surround-Anlage beherrscht das kleine Wohnzimmer, drei Fernbedienungen liegen akkurat nebeneinander. Sein Sinn für Pünktlichkeit und Ordnung: auch so Dinge, die er vielleicht von ihm geerbt hat. Früher machte er Scherenschnitte von sich und vom Großvater, legte sie aufeinander und guckte, wie deckungsgleich die Silhouetten sind. Vor Jahren traf er den Auschwitz-Überlebenden Józef Paczynski: „Geh mal ein paar Schritte“, sagte er. Rainer Höß ging ein paar Schritte. „Du läufst genau wie er.“

Näher als bis zur Uniform des KZ-Kommandanten, die dessen früherer Fahrer Leo Heger wie eine Reliquie aufbewahrte, ist Rainer Höß nie an seinen Großvater herangekommen. Und doch muss er sich ein Bild machen. Einen Opa, den die ganze Welt als Ungeheuer kennt, kann man sich nicht einfach wegdenken. So schafft Rainer Höß in langer Kleinarbeit ein Mosaik aus Bruchstücken und changierenden Farben. Ein Großvater-Bild, das nie fertig wird. Es hat viele Leerstellen, in der Familie sind Fragen zum Großvater seit jeher tabu. Es hat viele schöne Steinchen von Leo, der nach dem Krieg als Gärtner in Schloss Taxis bei Heidenheim arbeitet und Rainers Ersatzopa wird. Ihm ist keine Frage zu viel, so lange sie das Dritte Reich nicht in Zweifel stellt. Wenn er mit dem Jungen durch die Wälder der Ostalb streift, schwärmt er vom „Alten“, dem König von Auschwitz. Wie sehr er seine Kinder liebte, die Tiere, die Natur. Welch verwegener Reiter er war. „Alles, was mir als Bub den Opa im Himmel liebenswert machte, hatte ich von ihm.“