Die Grammy-Verleihung Ein bisschen Frieden

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In Los Angeles sind die Grammys verliehen worden. Der Rapper Kendrick Lamar gehört zu den Gewinnern.

Kendrick Lamar grüßt freundlich – mit einem seiner fünf Grammys Foto: AFP 12 Bilder
Kendrick Lamar grüßt freundlich – mit einem seiner fünf GrammysFoto: AFP

Los Angeles/Stuttgart - Einen klaren Sieger, doch ja, den hat es dann schon gegeben. Fünf Grammys hat der 28-jährige US-Rapper Kendrick Lamar bei der diesjährigen Preisverleihung im Staples Centre zu Los Angeles gewonnen, seine Landsfrau Taylor Swift mit nur drei Trophäen sowie den britischen Songwriter Ed Sheeran mit zwei Auszeichnungen sowie die weiteren Künstler, die zwei Preise mitnehmen konnten, stellte er damit in den Schatten. Barack Obama gratulierte Kendrick Lamar, der selbst ein paar nachdrückliche Worte fand, daneben wurde von prominenten Rednern noch der toten Heroen des Genres aus der jüngsten Vergangenheit gedacht (David Bowie, Lemmy Kilmister, Maurice Green von Earth, Wind and Fire und Glenn Frey von den Eagles). Allseits herrschte bei diesem alles in allem sehr schwachen Jahrgang Zufriedenheit, auch weil keiner der Nominierten richtig abgestraft wurde.

Eine salomonische Entscheidung war diese Gala zum nach wie vor bedeutendsten Musikpreis der Welt, könnte man also sagen. Wäre da nicht der Beigeschmack. Swift, die weiße Tochter einer leitenden Marketingangestellten und eines Vermögensberaters, nominiert für sieben Grammys, gewinnt deren drei, darunter in der Hauptkategorie Album des Jahres – in der sie Lamar, den schwarzen Sohn eines Straßengangmitglieds aussticht, der als Nominierungskönig insgesamt elf Mal aufgestellt wurde, aber auch in den anderen beiden Hauptkategorien nicht siegen konnte (Aufnahme des Jahres wurde „Uptown Funk“ von Mark Ronson, Song des Jahres „Thinking out loud“ von Ed Sheeran und Amy Wadge), sondern vier seiner fünf Grammys „lediglich“ in den vier verschiedenen Rapkategorien eingefahren hat.

Der Wille, einen politischen Künstler auszuzeichnen, fehlt

Nun haben die Herkunft, das Elternhaus und die Sozialisation im Prinzip nicht zwingend mit musikalischem Erfolg zu tun, man schlage nach bei der ehemaligen Nachtclubtänzerin Lady Gaga, der Ex-Burgerverkäuferin Pink oder dem früheren Nacktmodell Madonna. Dennoch werden es nicht nur Verschwörungstheoretiker sein, die dieses Votum der Recording Academy in eine lange Reihe einsortieren werden, die in jüngerer Vergangenheit von Ferguson (in den USA werden fünf Mal so viele junge schwarze wie weiße Männer von der Polizei erschossen) über die Oscar-Nominierungen (bei denen im zweiten Jahr in Folge kein einziger Schwarzer in den Schauspielerkategorien benannt worden ist) bis hin zum Auftritt von Beyoncé vor wenigen Tagen beim Super Bowl (bei dem sie ein deutliches Statement für die Rechte ihrer schwarzen Landsleute setzte und dafür anschließend harsch kritisiert wurde) reicht.

Fürwahr: auch acht Jahre nach der ersten Wahl eines dunkelhäutigen Präsidenten in der Geschichte der USA kann dort von Rassengleichheit nicht die Rede sein. Wer wolle, möge als Beleg dafür auch die Grammys heranziehen, bei denen wie schon so häufig der Wille fehlte, einen politischen Künstler auszuzeichnen, zumal einen dunkelhäutigen. Im Vorjahr war der Brite Sam Smith der große Sieger, zuvor das Duo Daft Punk, Adele, die Countrydamen von Lady Antebellum, davor Alison Krauss und Robert Plant und so weiter und so fort, allesamt Weiße.

Eine große Chance auch zur Befriedung der amerikanischen Gesellschaft mag also vertan worden sein. Zyniker könnten sogar noch hinzufügen, dass Kendrick Lamar es sich mit der Wahl seiner Ausdrucksmittel selber verdorben hat; das, was im puritanischen Amerika als „strong Language“ verbrämt oder (übrigens auf Initiative von Hilary Clinton) als „explicit Lyrics“ auf den Albumcovern gebrandmarkt wird, findet sich auf Lamars bekröntem Album „To pimp a Butterfly“ überreichlich.

Aber auch wenn im 58. Jahr der Grammy-Zeremonien abermals kein Hip-Hop-Musiker den Preis für den besten Song des Jahres gewinnen wird: Lamars „Alright“ ist eine süffige Anklage der politischen Verhältnisse (sehr sehenswert, nur am Rande, ist auch das ikonografische dazugehörige Video), das ganze Album ein – selten gewordenes – Werk von politischer Eminenz, fernab von Bling Bling und Dicke-Hose-Versen. An dem, mit seinen nun wahrlich fetten Bässen, die ein feines Fundament für einen überzeugenden und sehr ausgefeilten Jazz-Soul-Hip-Hop-Stilmix legen, übrigens auch viele Menschen Freude haben dürften, deren Ding Rapmusik ansonsten nicht ist. Entstanden ist es mithilfe einer Reihe echter Könner, von Dr. Dre bis Kamasi Washington, eingespielt mit illustren Gästen wie George Clinton oder Snoop Dogg, auch das unterscheidet dieses Werk vom wachsweichen, kaum anrührenden Mainstream-Pop der nur leidlich talentierten Sängerin Taylor Swift.

Die meisten deutschen Nominierten gehen leer aus

Ansonsten noch erwähnenswert: zwei Grammys, die nicht unterschlagen werden sollen, für den ebenfalls siebenfach nominierten äthiopischstämmigen kanadischen Musiker Weeknd sowie jeweils einer für Tony Bennett (89), Buddy Guy (79) und den früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, der im zarten Alter von 91 Jahren die Trophäe für das beste Hörbuch des Jahres verliehen bekam.

Und „wir“? Ernten wie immer wenig in diesem sehr amerikanischen Wettbewerb. Die WDR Big Band geht im Unterhaltungsmusikbereich ebenso leer aus wie der Filmmusikkomponist Hans Zimmer. Der Produzent Manfred Eicher steht in fast jedem Jahr auf der Liste der Nominierten (und hat ja auch schon gewonnen), zieht allerdings 2016 auch den Kürzeren. Lediglich der Geiger Augustin Hadelich ist für seine Aufnahme von Dutilleux’ Violinkonzert mit dem Symphonieorchester Seattle ausgezeichnet worden, in der 78. von insgesamt 83 Kategorien als bestes klassisches Instrumentalsolo. In der vorletzten Kategorie schließlich, dem Grammofon für das beste Musikvideo, hat das Lied „Bad Blood“ gewonnen, gesungen im Duett von Taylor Swift und . . . Sie ahnen es: Kendrick Lamar. Ist das nicht versöhnlich?

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