Die große Geschichte vor der Haustüre

Von "Strohgäu Extra" 

Heimatforscher Die neue Ausgabe der Vaihinger Schriften gibt den kleinen Bürgern vergangener Zeiten ein Gesicht. Von Karen Schnebeck

Heimatforscher Die neue Ausgabe der Vaihinger Schriften gibt den kleinen Bürgern vergangener Zeiten ein Gesicht. Von Karen Schnebeck

Ob es sich um das Vaihinger Totenbuch handelt, die Aufzeichnungen des Ensinger Pfarrers Philipp Ernst Heil über den Dreißigjährigen Krieg oder die Briefe des Kommunisten Wilhelm Eichel aus dem Konzentrationslager - die Herausgeber der 13. Ausgabe der Vaihinger Schriften haben sich für ihr neuestes Werk vor allem auf Quellentexte gestürzt, die zeigen, wie sich die große Geschichte in die Leben einzelner Menschen drängt. Die Auseinandersetzung mit Texten aus vergangenen Zeiten spiegelt sich auch im Titel des 300-Seiten-Werks wider: "Schicksale zwischen den Zeilen".

Da ist zum Beispiel die tragische Lebensgeschichte des Vaihinger Kommunisten Wilhelm Eichel, der nach langer Haft im Konzentrationslager Dachau ausgerechnet in russischer Kriegsgefangenschaft stirbt. Im Jahr 1935 wird Eichel von einem Spitzel der Gestapo in eine Falle gelockt und an die Nazis verraten. Der KPD-Genosse wird am 25. Juni verhaftet und wegen Hochverrats zu fast drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Am Ende der Haft kommt er aber nicht frei, sondern wird am 3. Mai 1938 nach Dachau verschleppt. Dort überlebt er sechs lange Jahre, bis ihn die SS im Oktober 1944 zusammen mit 200 anderen Häftlingen für den Krieg zwangsrekrutiert.

Er wird mit anderen ehemaligen politischen Häftlingen gezwungen, an der ungarischen Grenze gegen Partisanen zu kämpfen. Zusammen mit 150 Leidensgenossen flieht Eichel nach einigen Wochen in die Arme der Roten Armee. Die Männer hoffen, dort als Gesinnungsgenossen anerkannt zu werden. Doch die ehemaligen KZ-Häftlinge werden wie jeder andere SS-Mann behandelt: Sie müssen unter extremen Bedingungen in Kohlegruben Zwangsarbeit leisten. Eichels Spur verliert sich in den russischen Kriegsgefangenenlagern.

Ein Mithäftling, der das Dritte Reich und den Krieg überlebt hat, berichtete später, er habe ihn noch am 25. Oktober 1945 in einem der Lager gesehen. Das ist das letzte Lebenszeichen Eichels. In seinem letzten Brief, den er noch als Soldat an seine Mutter geschrieben hat, bittet er um die Adressen seiner Brüder und verspricht, viel zu schreiben. Und er träumt von der Liebe: "Hätte ich ein Mädel, so wäre da bald eine rege Korrespondenz."

Ebenfalls vom Krieg erzählt das Kapitel über die Aufzeichnungen des Ensinger Pfarrers Philipp Ernst Heil im Kirchenbuch. Darin beschreibt er, wie das tägliche Leben wegen des Krieges aus den Fugen gerät. Die Menschen hungern und sind plündernden Soldaten ausgeliefert, manche Gemeindemitglieder beginnen, den christlichen Glauben infrage zu stellen. Seine Einträge im Kirchenbuch, in denen sich die Leiden der Menschen spiegeln, ergänzt Heil durch Beobachtungen des Kriegsgeschehens sowie durch Reflexionen und spontane Klagerufe.

Dass Kirchenbücher für Forscher eine ganz besonders fruchtbare Quelle sind, zeigt ein Beitrag über das Vaihinger Totenbuch von 1609 bis 1788, eine der wertvollsten Raritäten im Archiv der evangelischen Kirchengemeinde. Über mehr als 150 Jahre hinweg beschreibt der voluminöse Band nicht nur, woran die Menschen in der Stadt starben, sondern auch wer sie waren und wie sie vor ihrem Ende gelebt hatten.

Verkauf Die 13. Ausgabe der Vaihinger Schriften mit dem Titel "Schicksale zwischen den Zeilen" ist in den Buchhandlungen der Stadt sowie im Stadtarchiv, Spitalstraße 8, und im Bürgeramt, Marktplatz 1, für 22,90 Euro zu haben.