Die Hauptschaltleitung in Wendlingen Stellwerk für den Energieverkehr

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Vier Hauptschaltleitungen steuern den Energieverkehr in ganz Deutschland. Eine davon befindet sich in Wendlingen. Eine Betriebsbesichtigung.

Von diesem Platz aus wird die Stromverteilung Foto: Horst Rudel
Von diesem Platz aus wird die Stromverteilung Foto: Horst Rudel

Wendlingen - Cooler Job: man sitzt auf dem Sessel und guckt acht Stunden eine Wand an. Die Wand ist acht mal drei Meter groß und sieht aus, als wäre ein Strickmuster über den Plan der Londoner U-Bahn gelegt worden. Rote und grüne Linien verbinden Kreise miteinander, die Verteilstationen und Kraftwerke anzeigen. Die leuchtenden Linien sind draußen in der realen Welt Stromtrassen, die Energie für Heizungen, Computer und Ladenkassen liefern. Wenn sie ausfallen, wird es dunkel, kalt und ungemütlich. Die industrielle Produktion würde erliegen und deutschlandweit täglich sechs Milliarden Euro Verlust aufhäufen. In der einzigen Hauptschaltleitung in Baden-Württemberg will ich herausfinden, ob sich in Zeiten der Energiewende tatsächlich die Elektronen auf den Stromautobahnen stauen. Müssen wir im Südwesten bald bei trüben Funzeln sitzen, während im Norden die Watts der Windanlagen über die Ufer steigen?

Es gibt vier große Netzgesellschaften in Deutschland, die den Strom von den Kraftwerken über die Republik verteilen. Entsprechend gibt es vier Hauptschaltleitungen. Ich weiß nicht, ob alle an einer Ohmstraße liegen wie die von der Transnet BW in Wendlingen. Die Hommage an Georg Simon Ohm, der den Zusammenhang zwischen Spannung (U), Widerstand (R) und Stromstärke (I) entdeckte, war eine nette Geste der Planer in der ansonsten eher gesichtslosen Nachkriegsstadt Wendlingen. Wie war das im Physikunterricht? R gleich U durch I? Die Spannung steigt.

Eine Schranke geht hoch, und ich werde auf das Gelände gelassen. Aus dem Autofenster sieht man vor allem viel Nichts. Der Sicherheitsabstand zur Umspannstation, die ebenfalls auf dem Gelände untergebracht ist, verlangt große Grasflächen, von denen ein Teil als Parkplatz genutzt wird. Zur Linken: zinkgraue Stahlträger, Leitungen, Isolatoren, wie sich das für ein anständiges Umspannwerk gehört. Rechts duckt sich ein ebenfalls graues Gebäude, in dem die eigentliche Steuerungsarbeit für Baden-Württemberg getan wird.

Brummen im Kopf

Die Sonne scheint, und im Konferenzraum über der Hauptschaltleitung gehen die Jalousien runter. Wenn ich Anja Brötel, die Pressesprecherin der Stuttgarter Transnet BW, richtig verstanden habe, wird vor allem im Netz die Energiewende gemacht. Es ist ein Netz, in dem man sich heillos verfangen kann. Anja Brötel weiß mindestens so viel über die Technik wie ein Elektrotechniker, und weil der Elektroingenieur Guntram Zeitler mit am Tisch sitzt, habe ich bald ein Brummen im Kopf, das sich so ähnlich anhört wie der alte Trafo von meiner Fischer-Technik.

Zeitler weiß, dass eine große Überlandleitung hauptsächlich aus Aluminiumdraht besteht, damit das Gewicht gering bleibt. Er weiß, dass die meterhohen Keramikisolatoren deswegen geringelt sind, damit von einem Ring das Wasser auf den anderen tropft und ihn sauber wäscht. Er weiß, dass ein Kilometer Freilandleitung 1,3 Millionen Euro kostet und ein Kilometer Erdkabel zwischen sechs und 13 Millionen Euro. Beeindruckend, aber ich weiß immer noch nicht, wie das mit der Energiewende ist.

Anmutig lächelt Anja Brötel, während die Jalousie schwarze Schattenstreifen auf den Tisch wirft. Vier Netze liegen übereinander, zumindest in ihrem Schaubild. Das 380- und 220- Kilovolt-Netz führt den Strom durch das Land, das 110-Kilovolt-Netz verteilt ihn in die Regionen, das 20-Kilovolt-Netz bringt ihn in die Städte, und das 230-Volt- oder 400-Volt-Netz führt ihn zum Akku von Guntram Zeitlers Laptop, der jetzt streikt. Während die Präsentation wieder hochfährt, wird mir klar, dass hier offensichtlich Ebenen über Ebenen liegen.