Die Jenischen in Hohenlohe Fahrende Leut

Von Tanja Kurz 

Jakob Kronenwetter aus Hohenlohe ist Heimatforscher in eigener Sache. Seine Vorfahren sind Jenische, die mit ihren Pferdewagen übers Land zogen und sich als Scherenschleifer, Kesselflicker oder Bürstenhändler verdingten.

Der Markthändler Jakob Kronenwetter auf dem Stuttgarter Frühlingsfest Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Der Markthändler Jakob Kronenwetter auf dem Stuttgarter Frühlingsfest Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Crailsheim - Jenische – nie gehört? Die Jenischen, nicht zu verwechseln mit Sinti und Roma, sind den meisten unbekannt – und wenn doch, dann nicht ganz geheuer. „Typische Matzenbacher“, sagen ältere Hohenloher hinter vorgehaltener Hand über die Bewohner der Dörfer Unterdeufstetten, Matzenbach oder Wildenstein in der Gemeinde Fichtenau nahe der Grenze zum Bayrischen. „Matzenbacher“, der Begriff steht für Scherenschleifer, Schrotthändler und Kesselflicker, kurz: für nicht richtig Dazugehörige. Eine systematische Geschichtsschreibung über die Jenischen existiert nicht. Wer etwas erfahren will, spricht am besten mit ihnen selbst – zum Beispiel mit Jakob Kronenwetter.

Seit bald 30 Jahren betätigt sich der Mann aus Unterdeufstetten als Heimatforscher in eigener Sache, sammelt Fotos, Dokumente und hat bereits drei Bücher über die Jenischen veröffentlicht. Sein Archiv ist das Herzstück der Ausstellung „Auf der Reis“ im Hohenloher Freilandmuseum – die erste über die Jenischen in einem deutschen Museum überhaupt.

Jakob Kronenwetter ist ein stattlicher Mann. Unter den kurz geschnittenen weißen Haaren blitzen blaue Augen, sein Händedruck ist fest, sein Lächeln knitz. Er empfängt uns in seinem schmucken Heim in der Neubausiedlung in Unterdeufstetten. Der rollende Marktstand vor der gutbürgerlichen Behausung verweist auf seinen Beruf: Kronenwetter ist Markthändler.

Sein Lebenslauf: geboren 1948 als Kind jenischer Eltern, vaterlos aufgewachsen, Schlosserlehre abgebrochen, Maloche im Straßenbau, als Lkw-Fahrer. Nichts deutet zunächst darauf hin, dass er für sein Engagement später anerkennende Schreiben von hochrangigen Politikern, sogar von Kanzlerin Angela Merkel bekommen wird.

1973 wendet sich sein Leben. Kronenwetter heiratet Karin Rakel, selbst Jenische. Das Paar beschließt, die Händlertradition ihrer Familien wiederaufzunehmen: „Wir haben halt das Reisen im Blut.“ 140 bis 150 Tage im Jahr sind er und seine Frau heute als Marktkaufleute für Kinderoberbekleidung auf württembergischen Krämermärkten unterwegs.

Das Reisen im Blut

Das Leben des fahrenden Volkes fesselt den 69-Jährigen, zahlreiche Bilder und Geschichten hat er in mehr als 30 Jahren gesammelt. Am Esstisch sitzend blättert er in seinem Bildband „Das Reisen im Blut – über 100 Jahre Fichtenauer fahrende Leut’“. Er zeigt auf eine Aufnahme seiner Großmutter, der Hausierhändlerin Emilie. „Sie war eine robuste, selbstbewusste und fleißige Frau“, erzählt ihr Enkel, „sie hat das Geld verdient.“ Davon zeugt das aus dem Jahr 1935 stammende Foto der groß gewachsenen Frau, die sich von Tochter Elisabeth das Essen servieren lässt. Eine Aufnahme von 1907 zeigt Großvater Josef und Großmutter Emilie stolz vor ihrem zweispännigen Wagen, neben ihnen ein großer Hund. „Alle Jenischen hatten einen Tschuggel (Hund)“, erklärt Jakob Kronenwetter, „klar, sie hatten Geld dabei.“

Kronenwetters historische Fotografien erzählen von der Reis’, die traditionell an Lichtmess begann. Mit ihren Wagen, die erst von Pferden, später von Autos gezogen wurden, fuhren die Jenischen übers Land und verkauften ihre meist eigengefertigten Produkte: Bürsten, Textilien, Geschirr. Zu Allerheiligen kehrten sie in ihre Häuser ­zurück. Großmutter Emilie belieferte Bauern, Bürger, Gastwirtschaften und Hotels. „Bis ins Schneefernerhaus an der Zugspitze ist sie gekommen“, hat der Enkel recherchiert, „da ist sie mit der Zahnradbahn hochgefahren.“ Gute Ware war Ehrensache und Notwendigkeit zugleich: „Niemand wurde übers Ohr gehauen, man wollte ja im nächsten Jahr wiederkommen.“

Kronenwetter erzählt, dass die Jenischen meist untereinander heirateten und als Gemeinschaft zusammenhielten. Er berichtet von Hochzeitsladern, vom Tellerwalzer und von der Leichmahnerin, die sich mit der Erinnerung, für den Toten den Rosenkranz zu beten, ein kleines Nebeneinkommen verdiente. „Das Jenische“, sagt er, „ist eine jahrhundertealte, eigenständige Kultur, deren Erinnern man nicht nur den Gatsche (Leuten) überlassen sollte.“ Untrennbar mit ihr verbunden ist die jenische Sprache, die Kronenwetter noch zu diebern (sprechen) versteht – eine Geheim- und Berufssprache, die man noch heute auf Krämermärkten hören kann. Ihre Sprache ist, mehr als jede Ortszugehörigkeit, was die Jenischen verbindet.