Die Kleine Tierschau in Stuttgart Sitzen und Schwitzen im Zelt

Von Michael Werner 

Die Kleine Tierschau feiert auf dem Stuttgarter Marienplatz ihr 30-jähriges Jubiläum. Dabei zeigt sie ihre neueste „Best-of-Show “.    

 Foto: Rothe 27 Bilder
Foto: Rothe

Stuttgart - Wenn man in Ländern unterwegs ist, in denen es heiß wird, also richtig heiß, dann ist man oft verblüfft, wie berühmt Stuttgart in der Ferne ist. "Mercedes!" sagen die Bewohner der heißen Länder meistens, um ihre Stuttgart-Kenntnis zu belegen. Manche sagen auch"Jurgen Klinsmann!"(Jurgen, ohne ü-Pünktchen!). Es kann auch vorkommen, dass ein Taxifahrer in einem heißen Land - vom Stichwort "Stuttgart" inspiriert - ausufernd vom Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel schwärmt. Aber Die Kleine Tierschau erwähnt niemand. 

Dabei ist die Kleine Tierschau - auch wenn ihr Bekanntheitsgrad außerhalb des Kessels überschauber geblieben ist - durchaus einer der personifizierten Gründe, die Stuttgart lebenswert machen, und das seit mittlerweile dreißig Jahren. Die Kleine Tierschau hat eine recht chaotische Form der Subversivität auf recht liebenswerte Weise salonfähig gemacht.

Die Kleine Tierschau hat alles darangesetzt, mit ihrer schrägen Rock-'n'-Roll-Haltung der sogenannten Kleinkunst den Mief auszutreiben. Die Kleine Tierschau hat einer Menge Leute eine Menge Freude geschenkt. Und die Kleine Tierschau hat ihr Publikum immer wieder überrascht.

Die Tierschau tritt in gewohnt großspuriger Manier auf

Auch jetzt, wenn man sich dem Stuttgarter Marienplatz nähert, sieht man gleich: Der Marienplatz ist mit Zirkuszelt einfach viel schöner als ohne Zirkuszelt. Eine kühne Inszenierung ist das und zugleich eine verwegene Besetzung des öffentlichen Raums. Und dann gibt die Kleine Tierschau drinnen in der Manege eines ihrer besten Lieder, "Kein Sex": Also schwenken fünf gleichperückte Tänzerinnen grotesk die Arme durch die Luft, während Michael Gaedt die Wanderklampfe bearbeitet und Michael Schulig die Sitar.

Beide stecken in absurden Indien-Kostümen, und das alles ist so herrlich schräg ineinanderchoreografiert, dass man geneigt ist, es als ein bisschen ungerecht zu empfinden, dass in wirklich heißen Ländern niemand die Kleine Tierschau erwähnt, wenn es um Stuttgart geht. In der Show heißt's passend: "Was hab i grad gsagt? I hab ned zughört."

"Kein Sex" ist der Höhepunkt des Tierschau-Jubiläumsprogramms, das sich in gewohnt großspuriger Manier "Menschen, Tierschau, Sensationen!" nennt und bei fröhlich gestimmter Betrachtung von alldem etwas bietet: Den "letzten frei laufenden Ostalbtiger" haben die Zirkusdirektoren Gaedt und Schulig ebenso aus dem Fundus gekramt wie das alte Lurchi-Kostüm.

Das Jubliäumsprogramm ist gelungen

Und wenn man entschlossen ist, Sensationen zu sehen, dann bietet sich die Messerwerfer-Nummer an oder die Stuntparodie mit Minimotorrädern. Und alles ist flink nummernrevuehaft hintereinandergereiht, so dass das Menschliche fortwährend aus den Poren der Akteure quillt: Die Kamele, die draußen stehen, schwitzen ja nicht.

Weil Die Kleine Tierschau außerdem weder ihre beachtliche Musikalität eingebüßt noch ihren verbalen Einfallsreichtum vergessen hat, kann man ihr Jubiläumsprogramm allemal gelungen finden und die ihm innewohnenden Wermutstropfen verschmerzen. Aber geben tut es sie schon.

Zum Beispiel fehlt die Band: Gerade weil sich Die Kleine Tierschau in ihrer neuesten Best-of-Show munter der Songs ihres letzen Programms "Onkel Rock 'n' Roll" bedient, fehlen Schlagzeug, Bass und E-Gitarre, die diesem Liedern zuletzt den skurrilen Größenwahnsinn verliehen haben. Songs wie "Beddo" und "Smoke on the Water" allein zu zweit vermitteln eher Probenraum-Feeling.

Die Tierschau schafft ihr eigenes heißes Land

Während das Probenraum-Feeling immerhin einen eigenen Charme hat, wird's mit dem Bierzeltgefühl schon schwieriger: So ganz erschließt sich trotz des Umstandes, dass man in einem Zelt spielt, vor dem lauter Brauereiflaggen hängen, nicht, weshalb Michael Gaedt fortwährend "Die Kleine..." grölt, woraufhin das Publikum "Tierschau!" zu rufen hat.

Und dann: "Best-of", schön und gut - aber ein, zwei neue Nummern zum Jubiläum wären schon nett gewesen. Ohne sie ist die runtergezoomte Wiederverwertungsshow zwar bestimmt ein Riesenvergnügen für Hardcore-Fans und ein verführerisches Kaleidoskop für Tierschau-Einsteiger, aber Otto Normalkonsument sitzt und schwitzt vor allem.

Und das ist dann doch wieder so ein anarchischer Tierschau-Geniestreich: Man schwitzt im kleinen Zirkuszelt - auch ohne Groteskkostüm - so sehr, dass man sein Hemd nach der Show auswringen kann. Die Kleine Tierschau hat nichts weniger als ihr eigenes heißes Land geschaffen. Und das macht Lust auf neue Tierschau-Shows.

Weitere Aufführungen bis 11. September täglich außer montags im Zelt am Marienplatz.

  Artikel teilen
0 KommentareKommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.