Die Kleine Tierschau Sympathisch aus der Zeit gefallen

Von Michael Werner 

Die Kleine Tierschau ist auf den Stuttgarter Marienplatz zurückgekehrt: In einem Zirkuszelt zeigen Schulig und Gaedt „Menschen, Tierschau, Sensationen“ – und dressierte Kloschüsseln.

Michael Schulig an der Gitarre und Michael Gaedt  im Riesenradschlagzeug: Foto: Steinert 133 Bilder
Michael Schulig an der Gitarre und Michael Gaedt im Riesenradschlagzeug:Foto: Steinert

Stuttgart - Nach ein paar Takten vergeigt Die Kleine Tierschau den ersten Song. Das Lied, dessen Text man nicht verstehen kann, ist noch nicht ganz fertig, da scheppert aus den Boxen schon das nächste. Nach dessen ersten Takten stinkt es zum ersten Mal ein bisschen, weil der erste Motor knattert, weil Michael Gaedt und Michael Schulig auf winzigen Motorrädern durch die Manege fahren, eskortiert von wuschelig perückten Tänzerinnen in Boxautos. Ein paar Minuten später fällt Michael Gaedt sein Irokesenkamm, der in Wirklichkeit ein Handbesen ist, unbeabsichtigt vom Kopf, während sein Mikrofon den Geist aufgibt. „Mittlerweile ist klar, das ist für uns eine Premiere!“, ruft der Vorkrakeeler des Comedy-Ensembles. Man hätte es aber auch so gemerkt.

Dass manches schiefgeht im Zirkuszelt, macht aber nichts. Denn „Menschen, Tierschau, Sensationen“, das Sommerprogramm von Stuttgart dienstältester und nach wie vor überzeugendster Musikcomedy-Truppe, lebt ja gerade vom Charme des Unfertigen, vom Reiz des Chaotischen, von der kindlichen Freude über das Selbstzusammengeschweißte und Zu-eng-Übergestreifte, von der lustvoll zelebrierten Alternative zur effizienten Perfektion.

Wobei die Die Kleine Tierschau ja durchaus auch die Perfektion beherrscht: Irgendwann spielen Michael Gaedt am Bass und Michael Schulig an der zwölfsaitigen Gitarre „Take a Look around“ von den Temptations. Die Darbietung ist sehr empathisch, ein bisschen psychedelisch, überhaupt nicht lustig, aber dafür richtig gut. Die Tierschau lebt ja auch davon, dass diese Multiinstrumentalisten, Maschinenbastler und Mäander-Akrobaten mit ihren Talenten haushalten, als ergösse sich ein Füllhorn an Geistesblitzen allabendlich von der Zirkuskuppel auf die beiden schillernden Mittfünfziger aus Heubach im Ostalbkreis. Folgerichtig trübt auch keine allzu strenge Dramaturgie den Gang der Dinge: Die Tierschau ist nämlich vor allem eines – sympathisch aus der Zeit gefallen.

Zirkusshow des Absurden

Da stört es nicht weiter, wenn fünf lustig eingepackte Tänzerinnen versuchen, sich in zwei Gruppen zu teilen und symmetrisch zu agieren. Da macht es nichts, dass – musikalisch betrachtet – noch einmal ordentlich das letzte reguläre Tierschau-Programm „Onkel Rock ’n’ Roll“ aus dem Jahr 2009 gemolken wird. All das passt wunderbar in eine Zirkusshow des Absurden, das sich mal ganz fein gebärdet und dann wieder grobschlächtig und laut, zum Beispiel, wenn Gaedt im „Kleinsten Riesenrad der Welt“ über Kopf die Snaredrum malträtiert, während Schulig an der Gitarre den Jazz im Hardrock sucht.

Ganz filigran versponnen hingegen kommt die Nummer rüber, in der Gaedt und Schulig gemeinsam an der Tafel ausrechnen, dass 28 Groupies an 7 Tagen letztlich 13 Gespielinnen pro Tag bedeuten – zwei mathematisch einleuchtende Proben belegen das verblüffende Ergebnis. Oder die selbstfahrende Betonmischmaschine, aus der sich Schulig als kalauernde Putin-Karikatur schält: Magenprobleme hätte er, sagt er. Zu viel Moos im Magen, behauptet er: „Weil, ich bin Moos Kauer.“

Drei Kloschüsseln

Eine andere Paradenummer, deren Witz ebenfalls aus der virtuosen Unterschreitung jedweder tradierter Geschmacksgrenzen besteht, funktioniert so, dass Michael Gaedt tatsächlich drei Kloschüsseln – äh – dressiert und hinterher pitschnasse Haare hat. Andere Spaßmacher machen sich über andere Leute lustig. Die Kleine Tierschau aber – und das macht sie so liebenswert – ist sich nie zu schade, sich mit aller Entschiedenheit selbst zum Affen zu machen. Und so kann man Gaedts als Kamm zweckentfremdete Klobürste und Schuligs groteskes Seehundkostüm auch als radikale Statements wider das Primat der Alternativlosigkeiten verstehen.

Gut, dass ihre Ideen weiter sprühen wie die Funken aus dem Saxofon. „Nackt im Pelz“, der Song, der einst ein Hit hätte werden können, wenn Stuttgart Köln wäre, kommt noch abgedrehter als sonst daher und verblüfft mit einer mörderischen, kostümtollen Pointe, bei der tierschautypisch kein Aufwand gescheut wird, um eine abstruse Idee zumindest im Zirkus wahr werden zu lassen. Und dafür, genau dafür brauchen wir diese fanatischen Unsinnsverwirklicher. Heute vielleicht mehr denn je.

Vorstellungen täglich außer montags bis 8. September auf dem Marienplatz.