Die ortsnahe Apotheke Das Rezept als Standortfaktor

Von StN/StZ 

Auf der Suche nach einem neuen Apothekenstandort spielt die Kaufkraft keine Rolle.

Die Apotheke um die Ecke Foto: dpa
Die Apotheke um die EckeFoto: dpa

Wenn Einzelhändler einen geeigneten Standort für ihr Unternehmen suchen, spielen Kaufkraft und Zentralität des Standorts eine entscheidende Rolle. Planen Apotheker eine neue Immobilie, steht das Verschreibungspotenzial im Mittelpunkt. Darunter versteht man, wie viele Ärzte im Einzugsgebiet der Apotheke angesiedelt sind und welchen Fachrichtungen sie angehören. "Fünf Internisten sind interessanter als zwei Orthopäden", sagt Björn Oellrich, dessen Inten GmbH für Doc Morris Apothekenstandorte in ganz Deutschland plant. Er spielt dabei auf die unterschiedlichen Verschreibungsgewohnheiten an. Ein Internist würde deutlich mehr Medikamente verschreiben als etwa ein Orthopäde.

Das richtige ärztliche Umfeld ist bei der Standortwahl für den Apotheker existenzentscheidend. "Ohne Standortanalyse geht heute gar nichts mehr", sagt Stefanie Foster, die gemeinsam mit ihrer Schwester zwischen Reutlingen und Tübingen mehrere Apotheken unterhält. Immer wieder werden den beiden Schwestern auch Apotheken zum Kauf angeboten. Manches lukrative Angebot entpuppt sich dann aber bei näherem Hinsehen als Umsatzfalle.
 

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Am Standort muss es auch Ärzte geben

"Wichtig ist viel Publikumsverkehr", sagt Stefanie Foster. Und am Standort muss es auch Ärzte geben, sonst lohnt es sich nicht", weiß Foster, die unter anderem im Reutlinger Stadtteil Betzingen eine Apotheke betreibt. "Pro 3000 Einwohner rechnet sich eine Apotheke", sagt sie. Betzingen hat 10.000 Einwohner und drei Apotheken. "Das allein ist aber nicht ausschlaggebend", weiß die Reutlingerin und korrigiert gleich die landläufige Meinung, Apotheken würden an hochpreisigen Medikamenten mehr verdienen. "Durch das neue Entgeltsystem gehen die Erträge in den Keller, wenn am Ort ein paar Ärzte sind, die nur hochpreisige Medikamente verschreiben. Wir bekommen nur acht Euro pro Packung. Egal, ob das Medikament 25 Euro oder 250 Euro kostet." Als Apotheker müsse man bei der Standortwahl aber auch darauf schauen, wie alt die Ärzte sind, da viele Praxen heute aus wirtschaftlichen Gründen oft keine Nachfolger fänden. "Ist die Mehrzahl der Ärzte mal über 60, ist der Standort schon leicht kritisch einzuordnen", so die Apothekerin.



Apothekenimmobilien seien schon etwas sehr Spezielles, meint auch Björn Oellrich. Keine Branche investiere so viel pro Quadratmeter wie eine Apotheke. Je nach Objekt und Ausstattung können die Kosten nach Aussage des Inten-Geschäftsführers zwischen 600 und 1500 Euro liegen.



Das liege auch an den besonderen Anforderungen, die die Apothekenbetriebsordnung vorgebe. So müssten Apotheken eine Mindestgröße von 120 Quadratmetern haben und unter anderem über ein Labor mit säureresistenten Fliesen sowie diverse Nebenräume verfügen. "Eine Apotheke hat das höchste Investitionsvolumen im Vergleich zum übrigen Einzelhandel. Diese Überlegungen müssen auch mit einfließen, wenn man heute in Mietverhandlungen eintritt", sagt Oellrich.



Der Inten-Geschäftsführer kann hier auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Schließlich sucht und plant Oellrich bundesweit Apothekenstandorte, hauptsächlich für Doc Morris, einem Franchise-System für Apotheken. "Unsere Standorte sollten mindestens 30.000 Einwohner haben." Für den Manager gibt es drei Standorttypen für eine Apotheke: 1-a-Innenstadtlagen, sogenannte Verbundstandorte mit einem großen Ankermieter wie zum Beispiel einem SB-Warenhaus, einem großen Verbraucher- oder Fachmarkt und Ärztehäuser mit verschreibungsrelevantem Besatz. "Nur an diesen Standorten", so Oellrich, "können Apotheken langfristig wirtschaftlich betrieben werden." Dem Trend Richtung reine Drogerie-Apotheke gibt der Inten-Geschäftsführer wenig Chancen. "Wir wollen 200 Quadratmeter und die Nähe zur Vorkassenzone des Ankermieters, damit der Kunde mit dem Einkaufswagen direkt bei Doc Morris reinfahren kann", beschreibt Oellrich das Grundprinzip.



Trend zu Ärztehäusern und Versorgungszentren

Auch Stefanie Foster hat seit dem letzten Umbau den sogenannten Freiwahl-Anteil verkleinert und dafür die Sichtwahl vergrößert. Außer einem kleinen Sortiment an Apothekenkosmetik und Arzneitees bekomme man all die anderen Dinge bei einem der Drogerie-Filialisten um die Ecke meist viel billiger, so dass an diesem Sortimentsteil schon lange nicht mehr viel verdient wurde.



Oellrich sieht langfristig einen weiteren Trend zu Ärztehäusern und sogenannten medizinischen Versorgungszentren mit Apothekenfläche. Dort könnten auch Kapitalgesellschaften Kassensätze aufkaufen und Ärzte anstellen. "Wir versuchen möglichst bald in die Planung derartiger Objekte involviert zu werden." So könnten Ärzte und künftiger Apothekenbetreiber frühzeitig zusammengebracht werden. "Schließlich muss die Chemie stimmen", sagt Oellrich.



Dies gelte auch zwischen den Apothekern und dem konzeptgebenden Unternehmen, beschreibt er die Situation. Viele Apotheker sähen nach wie vor keine Notwendigkeit darin, sich zu Kooperationen zusammenzuschließen. Der steigende Wettbewerbsdruck führe jedoch dazu, dass sich immer mehr Apotheker einer Kooperation anschließen.



Discount-Apotheken wie Easy-Apotheke setzen "auf eine gute Infrastruktur mit zahlreichen Parkplätzen - idealtypisch in Fachmarktzentren, an Einfallstraßen oder in City-Randlagen". Die Standortkriterien von Easy-Apotheke würden sich stark von denen klassischer Apotheken unterscheiden. Sie funktionierten durch ihre hohe Kundenfrequenz auch abseits von bisherigen Standards im Apothekenmarkt und seien deshalb in ihrem Betrieb unabhängig von Ärzte- und Gesundheitszentren, schreibt die Easy-Apotheke Immobilienentwicklung und Verwaltung GmbH auf ihrer Internetseite. Das Unternehmen setzt bei seinem Konzept neben einer "hohen Sichtbarkeit der Läden" vor allem auch auf günstige Mieten. In Baden-Württemberg gibt es bislang eine Easy-Apotheke in Backnang.



Laut einer repräsentativen Umfrage des Ifak-Instituts im Auftrag der Apotheken-Umschau ist die ortsnahe Apotheke für die meisten Deutschen auch im Internetzeitalter unverzichtbar. 70 Prozent der Befragten haben sich in der Umfrage dafür ausgesprochen, auf ihre Apotheke vor Ort nicht verzichten zu wollen. Derzeit gibt es rund 2800 Apotheken in Baden-Württemberg, die jede Woche mehr als 25.000 arzneimittelbezogene Probleme lösten, so die Landesapothekenkammer. Im letzten Jahr wurden im Land 29 Apotheken neu eröffnet, 37 haben geschlossen. Die Apothekenkammer rät ihren Mitgliedern ferner, einen Steuerberater hinzuzuziehen, wenn es um eine Übernahme oder Neugründung geht.