Die Pleite abgewendet Leben retten, ein Krankenhaus retten

Von  

Mitarbeiter und Bürger übernehmen das Krankenhaus von Einbeck – und bewahren es vor der Pleite. Ein in Deutschland doch recht ungewöhnlicher Weg in der Krankenhauslandschaft.

Patienten, Pflegekräfte und Ärzte sind zufrieden mit der Selbstverwaltung des Krankenhauses von Einbeck. Foto: dpa
Patienten, Pflegekräfte und Ärzte sind zufrieden mit der Selbstverwaltung des Krankenhauses von Einbeck. Foto: dpa

Einbeck - Eigentlich war der Termin mit dem Chefarzt mit ihm allein ausgemacht. Der Reporter hat mit dem Auto vom Wesertal über den Solling kommend den Kurvenreichtum von Südniedersachsen unterschätzt, ist ein paar Minuten zu spät und trifft den ebenfalls nicht ganz pünktlichen Dr. Olaf Städtler, 42, Chefarzt im Krankenhaus von Einbeck, mit wehendem Kittel durch den Flur eilend. Passt, denkt der Besucher, doch wenn er glaubt, er bekäme den „Retter“ der einst von der Pleite bedrohten 109-Betten-Klinik in einer Privataudienz, ist das ein Irrtum. Zwei Vertreter der Stadt und ein Gesandter der privaten Sponsoren sitzen schon wartend im Konferenzzimmer. Man lässt den Chefarzt nicht allein. „Ich dachte, Sie haben die bestellt“, sagt Olaf Städtler und schmunzelt. Wer über die wundersame Auferstehung von Einbecks Krankenhaus aus finanziellen Ruinen berichten will, der muss mit allen sprechen: Mitarbeitern, Bürgern, Rathaus. Sie lassen sich nicht auseinanderdividieren – gegen ihre Widersacher, gegen das Land Niedersachsen und den Landkreis Northeim, die das Hospital aufgeben wollten.

Alle drei haben Hand in Hand gearbeitet, als das nach mehreren Besitzerwechseln zuletzt von der Arbeiterwohlfahrt betriebene Krankenhaus im Sommer 2012 der Schicksalschlag ereilte: die Zahlungsunfähigkeit. Die Pleite eines Krankenhauses ist für dessen Mitarbeiter sehr konkret spürbar: „Wir haben ein paar Monate keine Gehälter bekommen“, sagt Olaf Städtler. Natürlich hätte er hinschmeißen können, sagt der Arzt, „aber ob ich eine Woche länger arbeite oder früher gehe, das war egal“. Das Echo in der 33 000-Einwohner-Stadt Einbeck für einen Erhalt der Klinik war gewaltig. Zehn betuchte Familien boten private Spenden an, die Stadt machte Geld locker. Städtler warf einen Blick in die Geschäftsbücher und gewann den Eindruck, dass die Zahlen gar nicht so schlecht seien. „Irgendwann kamen wir in so ein Fahrwasser: Wir machen nicht zu. Wir machen weiter.“

Fast ein Drittel der deutschen Kliniken sind bedroht

Mitarbeiter übernehmen eine Klinik – das ist ein in Deutschland ungewöhnlicher Weg in der Krankenhauslandschaft. Jährlich verschwinden zwei Dutzend Krankenhäuser aus der Statistik. Laut „Krankenhaus Rating Report 2013“ sind von den bundesweit 2017 Krankenhäusern 27 Prozent von einer Pleite gefährdet, jedes zweite stark. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen hat kürzlich eine weitere Schließung von Kliniken gefordert. Er sieht die Überkapazitäten allerdings mehr in den Ballungszentren als auf dem flachen Land. Dort hat das Krankenhaussterben längst stattgefunden. Auch rund um Einbeck kamen die Einschläge näher: das insolvente Krankenhaus Uslar hat dichtgemacht, das von Stadtoldendorf ebenso.

Die Einbecker aber fanden einen Sonderweg, und dabei half der pensionierte Manager und frühere Controller Jochen Beyes: Der 72-Jährige war einst Finanzvorstand beim Saatguthersteller KWS, noch vor der Brauerei der größte Arbeitgeber von Einbeck. Jetzt sitzt Beyes mit seinem Duzfreund Städtler am Tisch und erklärt die Motivation von zehn Privatleuten, „in der letzten Sekunde“ eine halbe Million Euro für das Hospital gespendet zu haben: „Wir haben eine moralische Verpflichtung“, sagt Beyes. Die Struktur der Klinik sei im Prinzip gut. Es sei Misswirtschaft gewesen, die das Haus zugrunde gerichtet habe. Für 2010 sei nicht mal ein Wirtschaftsplan vorgelegt worden, das habe keinen gekümmert. Der Chefarzt nickt: „Am Ende der Welt ist erlaubt, was gefällt.“ Das größte Hemmnis für die Rettung sei die Politik gewesen, sagen die beiden unisono. Das Land und der Landkreis Northeim hätten das Krankenhaus „abgeschrieben“. Gerade der Kreis habe eigene Interessen, sei an einem konkurrierenden Klinikneubau des Helios-Konzerns im 20 Kilometer entfernten Northeim beteiligt.


Im Fachwerkstädtchen formierte sich der Widerstand gegen die Schließung. „Das war eine Stimmung, wie man sie sich nicht hätte anders wünschen können“, erinnert sich Gerald Strohmeier, stellvertretender Bürgermeister von Einbeck. Noch heute kommen private Spenden – zum Teil fünfstellige Beträge – für die Klinik. Ein Förderverein sammelt Geld für Fliegengitter, Geländer im Treppenhaus, ein Aquarium. Einbeck sei „Mittelzentrum“ für 60 000 Menschen, sagt Strohmeier. Man habe Firmen „mit Schichtbetrieb“, die Bevölkerung drohe zu überaltern, und Hausärzte seien auf dem Rückzug. Da sei ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung wichtig.

Auf die privaten Mittel legte die Stadt noch eine halbe Million Euro für den laufenden Betrieb drauf und zahlte 2,5 Millionen Euro als stiller Gesellschafter in der neu gegründeten gemeinnützigen GmbH Einbecker Bürgerspital ein. Das Personal verzichtete auf 8,5 Prozent seines Gehalts, 40 der einst 300 Mitarbeiter mussten gehen. „Wir haben heute eine solide Basis“, sagt Chefarzt Städtler, man lebe „von der Treue der zuweisenden Ärzte“, die Lohnzahlungen seien überpünktlich, und wenn in zwei Jahren das Insolvenzplanverfahren abgeschlossen sei, könnten die Mitarbeiter auf Nachzahlungen hoffen. Die Belegung liege bei 80 Prozent, die Fallzahlen stiegen.

Alle loben das gute Betriebsklima

Wer mit dem Chefarzt durch das Krankenhaus läuft, gewinnt den Eindruck, dass ein totgesagtes Krankenhaus sehr lebendig ist. Mit ein paar Farbtupfern, Holzelementen und Strandkörben im Foyer hat man den Linoleum-Charme des 70er-Jahre-Hauses etwas kaschiert. Städtler trifft einen älteren Patienten: „Na, ist das Wasser aus der Lunge? Ja, gehen Sie nach Göttingen wegen des Herzkatheters, das ist gut.“ Am Empfang stoppt ihn die Rezeptionistin: „Herr Städtler, haben Sie mal ’ne Minute Zeit, ich habe da zwei Briefe . . .“ Vor der chirurgischen Abteilung trifft Städtler den leitenden Anästhesisten, bespricht die Lage auf der Intensivstation: „Voll ist voll, mehr geht nicht.“ Die sechs Betten sind belegt, ein bunter Querschnitt: großer Baucheingriff, Hüftgelenkswechsel, Vorhofflimmern und ein Unfallopfer, das nach einem schweren Verkehrsunfall in der Nacht mit einer Rippenserienfraktur eingeliefert wurde. Der Anästhesist sagt, die hohe positive Rückmeldung sei für ihn motivierend: „Bei jedem zweiten Patientenkontakt werden wir auf die Rettung angesprochen.“ Dass die Mitarbeiter bei der Stange geblieben sind, sei das eigentliche Wunder von Einbeck. Ein Chirurg, der vor der Pleite gekündigt hatte, sei zurückgekehrt: „Wir haben wieder ein volles OP-Programm.“

Das Betriebsklima sei halt gut, sagt eine Krankenschwester, die seit 30 Jahren dabei ist. „Das ist ein familiäres Unternehmen, wir haben eine tolle Gemeinschaft. Einer steht für den anderen ein.“ Auf dem Flur schreitet ein Ehepaar, um die 80, Hand in Hand. Sie ist im Morgenmantel, er besucht sie: „Wir haben kein Auto mehr“, sagt der Mann. Da sei die Klinik in Einbeck wichtig: „Wir sind sehr zufrieden mit der medizinischen Versorgung. Aber die müssten hier mehr Geld kriegen. Die Behörden wollen nichts geben, weil es zugemacht werden sollte.“ In der Tat fühlen sich die Einbecker alleingelassen von der Politik.

„Unser Landrat hat das Bürgerspital seit der Umstrukturierung nicht besucht“, klagt Christa Dammes, die Kämmerin von Einbeck. Eine Presseanfrage beantwortet der Landrat nicht, eine Anfrage an Niedersachsens Sozialministerin Corinna Rundt (SPD) wird im skeptischen Tonfall beantwortet. Das Engagement der Einbecker für ihr Krankenhaus sei „sehr lobenswert“, sagt Rundt: „Allerdings darf Ehrenamt nicht überfordert werden.“ Die Klinik müsse eine hohe medizinische Qualität bieten, und das Modell müsse sich „dauerhaft wirtschaftlich tragen“. Ihren Mut, scheint es, müssen sich die Einbecker alleine machen.