Schimmelspürhunde Auf Schnüffelstunde in Stuttgart

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In fast jedem Haushalt gibt es Schimmel. Die Labrador Retriever Josephine und Emily finden die gefährlichen Sporen auch dort, wo sie Menschen und Messgeräte niemals entdecken würden. Eine Schnüffelstunde in Stuttgart.

Das blaue Halstuch  signalisiert, dass  sich der Schimmelsuchhund Emily gerade im Einsatz befindet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Das blaue Halstuch signalisiert, dass sich der Schimmelsuchhund Emily gerade im Einsatz befindet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Als das Ehepaar Heitmüller* aus dem Sommerurlaub zurückkehrte, wartete hinter der Eingangstüre eine böse Überraschung: Die Tapete in der Diele war verschimmelt. Der Schaden ließ sich zwar rasch durch einen Maler beseitigen, doch das ungute Gefühl, dass in dem Degerlocher Reihenhaus eine Gesundheitsgefahr schlummern könnte, ist geblieben. „Wir wollen sichergehen, dass wir nicht ständig Schimmelsporen einatmen“, sagt Peter Heitmüller. Deshalb hat der 51-jährige Verlagsangestellte Josephine und Emily aus Kirchentellinsfurt engagiert.

Josephine und Emily haben keine Ahnung von Wärmebrücken, Leitungswasserschäden oder Dampfsperren. Aber sie sind Expertinnen, die auf ihrem Gebiet mehr leisten als jeder Stuckateurmeister oder Bauingenieur: Dank ihrer Supernasen finden die beiden Labrador Retriever Schimmelsporen mit einer Zuverlässigkeit, die kein Mensch und keine Maschine bieten können. Selbst durch den Estrich erschnüffeln die geprüften Hunde, was sie erschnüffeln sollen. Zumindest versprechen das ihr Frauchen Katharina Mayer, 32, und ihr Herrchen Sebastian Mayer, 33.

In Stuttgart herrscht dicke Luft. Seit Jahren wird über Feinstaub und Stickstoffdioxid berichtet, weil die gesetzlichen Grenzwerte überschritten werden. Also schnell rein ins Haus und Fenster schließen. Doch so einfach ist es nicht: Die Luft ist drinnen meistens noch schlechter als draußen, was daran liegt, dass sich Schadstoffe innerhalb von vier Wänden kaum verflüchtigen können. In Räumen stauen sich Partikel an, legen sich auf Möbel, Teppiche und Bettdecken. Beim Schlafen, Kochen oder Duschen entstehen immer neue Schadstoffe, die wir täglich einatmen.

Sechs Millionen Betroffene

Zum Beispiel Schimmelpilzsporen. Die unerwünschten Mitbewohner gibt es in fast jedem Haushalt. Normalerweise kommt der menschliche Organismus mit ihnen zurecht. Doch wenn die Konzentration in der Luft hoch und das Immunsystem schwach ist, hat das Folgen: Laut einer Studie des Robert-Koch-Institutes leiden bundesweit etwa sechs Millionen Menschen unter einer Allergie, die von Schimmelpilzsporen in ihrer direkten Umgebung ausgelöst wird. Betroffen sind vor allem Babys, Kinder, ältere Menschen oder Patienten nach einer Chemotherapie oder Transplantation. Aber auch vermeintlich topfitte Erwachsene können bei einer entsprechenden Veranlagung von den Pilzsporen krank werden, bis hin zu einer lebensbedrohlichen Entzündung der Lungenbläschen. Hinzu kommen die psychischen Belastungen: Wer in einer muffigen Wohnung leben muss, fühlt sich auch ohne körperliche Auswirkungen unwohl. Gründe genug also, sich zügig von Aspergillus und anderen Schimmelkonsorten zu trennen.

Zunächst müssen sie aber gefunden werden, und dafür sind Josephine und Emily zuständig. Die beiden Labrador Retriever haben eine ähnliche Ausbildung wie Sprengstoff- oder Drogenspürhunde: Ein Jahr lang wurden sie darauf konditioniert, Schimmel zu lokalisieren. Pro abzuschnüffelndem Quadratmeter berechnen ihre Besitzer 2,29 Euro, hinzu kommt eine Pauschale für die fachliche Begutachtung und Beratung von 179 Euro sowie die Kosten für die Anfahrt und gegebenenfalls einer Laboruntersuchung von Proben. Somit stehen bei einem Einfamilienhaus unterm Strich etwa 500 Euro plus Mehrwertsteuer auf der Rechnung. Das ist ein schöner Nebenverdienst für den Bausachverständigen Sebastian Mayer und seine Frau, die Übersetzerin Katharina. Ein weiteres Standbein könne nicht schaden, dachte sich das junge Paar, zumal es ihren Hunden tierisch Spaß macht, in Wohnungen herumzustöbern. „Für die beiden ist das ein Spiel“, sagt Katharina Mayer.

Als Erste darf Josephine spielen. Bevor es richtig losgeht, bekommt die Hündin einen Wassernapf vor die Schnauze gestellt, mit befeuchteten Schleimhäuten riecht es sich besser. Dann darf Josephine ein paar Minuten auf eigene Pfote durch die Räume scharwenzeln, um – wie Sebastian Mayer erklärt – „die Umgebungsgerüche aufzunehmen, also quasi die Nase zu kalibrieren“. Wenn die Hündin ein blaues Tuch um den Hals gebunden bekommt, weiß sie, dass nun die eigentliche Arbeit beginnt. Wie eine aufgezogene Spielzeugmaus jagt die Schimmelsuchhündin durch das Untergeschoss, ängstlich beäugt vom Hausherrn Peter Heitmüller, der wohl im Stillen betet, dass Josephine nichts findet. Denn Schimmel in der eigenen Wohnung ist ungefähr so beschämend wie Läuse auf dem Kopf der eigenen Kinder: Darüber spricht man besser nicht, sonst gerät man womöglich unter Verdacht, es mit der Hygiene nicht allzu genau zu nehmen.