Die Seele schwebt als Gliederpuppe zum Himmel

Von "Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg" 

Ludwigsburg Der Kunstverein entführt in die Pappmaché-Welt desMichael Kalmbach-und in verseuchte Gärten. Von Ludwig Laibacher

Ludwigsburg Der Kunstverein entführt in die Pappmaché-Welt desMichael Kalmbach-und in verseuchte Gärten. Von Ludwig Laibacher

So viel Stille war selten im großen Raum des Kunstvereins. Und das obwohl die einstige Motorradwerkstatt bevölkert ist von allerlei grauen Gestalten. Sie schweben in scheinbar luftiger Höhe, hängen kopfüber von einer Querstrebe oder stehen dem Betrachter auf Augenhöhe gegenüber. Doch sie sind alle nur mit sich beschäftigt, schauen versonnen in eine nur ihnen offene Ferne oder halten wie Atlas mit bloßen Händen die Erde auf ihrer Umlaufbahn. Diese Wesen wirken zugleich kraftvoll und fragil, sie leben in einer Welt, die frei ist von Aggression.

Auch wenn diese sehr ernsten Traumjäger wie vollendete Skulpturen wirken, der Künstler hat sie nur aus Zeitungspapier und Leim geschaffen. Der in Berlin lebende Michael Kalmbach nennt seine Ludwigsburger Ausstellung "Der gute Onkel". Verständlich wird der seltsame Titel erst im Kontext einer Arbeit gleichen Namens, in der eine Unfallszenerie aufgebaut wird: ein Motorradfahrer ist offenbar von seinem Fahrzeug gestürzt. Er liegt auf dem Boden und über ihm steigt eine Art Gliederpuppe mit marionettenhaft schaukelnden Armen und Beinen auf. Nach Aussage des Künstlers handelt es sich dabei um die Seele, die im Begriff ist, den schwer Verletzten zu verlassen - ähnlich den Darstellungen in der christlichen Malerei des Mittelalters. Der Ursprung dieses Memento mori liegt im Autobiografischen: ein von ihm verehrter, "guter" Onkel habe ein Nahtoderlebnis gehabt, erzählt Kalmbach. Außerdem wollte er damit auf die ursprüngliche Funktion des Galerieraums als Werkstatt anspielen. Die Drastik des Unfalls aber hat er in die Leichtigkeit eines Witzes gekleidet.

Ähnlich dem, den sich der im pfälzischen Landau geborene Künstler mit einem Menschen macht, der in einem Geigenkasten liegt und nach einer über ihm schwebenden Kugel - oder ist es ein Planet? - greift. Der Deckel des Instrumentenkoffers könnte jederzeit über ihm geschlossen werden wie der Deckel eines Sarges.

Soll man diese Figuren nun gewichtslos nennen oder wurde ihnen nur das jeweils angemessene Gewicht zugeteilt? Auch die Entscheidung darüber bleibt in der Schwebe. Das an Alberto Giacomettis überschlankes Figurenkabinett erinnernde Personal aus dem sehr persönlichen Märchenreich des Herrn Kalmbach ist auf Verunsicherung angelegt. Die durchgängige Wirkung von Leichtigkeit besticht.

Die Ausstellung vom Guten Onkel beschließt eine Serie von sechs Ausstellungen, die Kurator Marko Schacher unter den Überbegriff "Grenzbereiche der Skulptur" gestellt hat. Der Kontrast zu den zuletzt eher grellbunten Installationen sei beabsichtigt. Anstatt zum Abschluss noch einmal ein Best-of aufzubieten, habe er sich für die meditative Kunst von Kalmbach entschieden, sagt Schacher. Für den ruhigen Ausklang und nicht für das Spektakel.

Im Salon des Kunstvereins sind seit Sonntag verschiedene Text-, Foto- und Metall-Installationen von Angelika Flaig zu sehen. Unter anderem hat die Kornwestheimer Künstlerin gemeinsam mit dem Musiker Otto Kränzler einen "Klanggarten" angelegt. Während aus den Lautsprechern eine Collage aus von Kratzgeräuschen überlagerten Wasser- und Tierlauten schallt, blühen in diesem vergessenen und verwunschenen Ort seltsam strahlende Blumen. Die bildhafte Darstellung von Radioaktivität erzeugen Spots mit UV-Licht.

Klänge und Figuren Die Ausstellungen "Der gute Onkel" und "Klanggarten" werden bis zum 12. Juni im Kunstverein gezeigt. Die Galerie an der Wilhelmstraße 45/1 ist jeweils dienstags bis samstags von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.