Bis 2010 hat der Rutesheimer Architekt Volker Kittelberger Christian Wagner für einen harmlosen Blumendichter gehalten. Das hat sich inzwischen geändert: Er hat eine ganze Anzahl von Wagner-Gedichten vertont und eigene Lieder über ihn geschrieben, in denen er in bestem Schwäbisch Wagners Situation als schlecht gelittenen "Tagdieb im Flecken" reflektiert. Nun hat er eine CD produziert, die in Kürze erscheint. Kittelberger ist nicht der erste, der Wagners Worte in Musik gießt. Als Folk-Songs hat es sie allerdings bislang noch nicht gegeben.
"Ich will Musik, die heute wirkt - ganz unmittelbar", begründet Kittelberger, warum er diesen Stil, der in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts besonders populär gewesen ist, gewählt hat. "So wirken die Verse auf Leute, die sonst nicht unbedingt Zugang dazu hätten." Für den 48-jährigen Architekten sind die Gedichte aktuell. "Sie sagen uns auch in der heutigen Situation etwas. Es geht darin um Probleme der Menschheit allgemein", findet er. "Sie können Menschen zwischen acht und achtzig ansprechen." Mit seiner CD möchte Kittelberger den Hörern Lust machen, den Spuren Wagners weiter zu folgen. Damit das möglich ist, hat er sich Harald Hepfer ins Boot geholt, der schon seit mehr als drei Jahrzehnten die herausgeberischen Aufgaben in der Christian-Wagner-Gesellschaft übernimmt. Er hat alle im Booklet abgedruckten Texte mit genauen Angaben versehen, wo sie erstmals erschienen sind und wo es mehr Informationen zu finden gibt.
Dass Volker Kittelberger zum Komponisten für Wagner-Lieder geworden ist, ist ein Zufall - und auch wieder nicht. Interesse für Literatur hatte er schon immer. Ursprünglich hatte er Journalist werden wollen und arbeitete als Schüler für die Sportredaktion der Leonberger Kreiszeitung. Als er später, um ein Volontariat zu bekommen, Germanistik zu studieren begann, fand er dann an der Universität das Fach Architektur spannender. Er sattelte um und machte ein Vorpraktikum im Leonberger Bauamt. Sein Hobby, Erstausgaben von Publikationen zu sammeln, gab er aber nicht auf: So kam auch eine Wagner-Ausgabe des Rheinischen Frauenbundes in seinen Besitz, die Hermann Hesse redigiert hat. Wagner war Kittelberger ein Begriff, weil er als Jugendlicher den Kampf um den Erhalt des Christian-Wagner-Hauses in nahen Warmbronn mitbekommen hatte.
Schon lange wollte Volker Kittelberger auf Deutsch singen. Nun hat er endlich die passenden Zeilen gefunden: "Mit Wagner habe ich singbare Texte, die Menschen aller Generationen verstehen", sagt er. Schon als Jugendlicher hatte er Gitarre gespielt und als 14-Jähriger mit der Schulband Musik im Folkstil gemacht. Auch eigene Songs hat er damals schon geschrieben. Durch die Arbeit als Architekt trat die Musik aber lange in den Hintergrund. Der erste Wagner-Text, den er vertont hat, hatte vom Poeten selbst gar keinen Titel bekommen. "Rosenschwestern" hat der Komponist ihn nun genannt. "Da ist der Funke übergesprungen", erzählt er und ergänzt. "Ich wollte mir danach genauere Kenntnisse zum Werk erschließen." Dabei hat er gemerkt, dass es von manchen Gedichten, je nach Edition, bis zu drei Varianten gab. "Ich wollte aber zum echten Wagner, zum Ursprung". Sein Weg führte direkt zu Harald Hepfer.
Rund 20 Gedichte hatte sich Volker Kittelberger vorgenommen, aber es hat nicht funktioniert, aus jedem ein Musikstück zu schaffen. Bei einigen ging es aber wie von selbst: "Ich saß um Mitternacht am Küchentisch und habe mit der Gitarre herumgeklimpert. Dann kam plötzlich die Idee", blickt er auf den Entstehungsprozess einiger seiner Lieder.
Ende 2010 waren alle Songs geschrieben. Mit Sven Geiger hat er schließlich auch den richtigen Mann für die Produktion kennen gelernt. Geiger hat schon mit den Scorpions und BAP zusammengearbeitet und betreibt ein Studio in Weil der Stadt-Merklingen. "Aufnehmen ist eine Wissenschaft für sich", hat der 48-jährige festgestellt. Das sich Geiger aber für das Projekt interessiert und die Produktion der CD nicht als reinen Job angesehen hat, wurde daraus mehr. Er hat Kittelberger schließlich auch davon überzeugt, bei einigen Stücken mehr Instrumente als nur die eigene Gitarre einzusetzen.
Inzwischen ist die CD fertig, und nach Einschätzung Kittelbergers auch gelungen. Sie ist auch Vermächtnis an seine Heimat. Diese wird Kittelberger schließlich bald verlassen, um sich, fernab vom heutigen Lebensmittelpunkt Rutesheim, in Brasilien eine neue Existenz aufzubauen.
