Gnadenhof Animal Hope in Illingen Gibt es Rettung für die Retterin?

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Felicia Ruhland sagt, dass sie unter dem Helfersyndrom leide. Ruhland bietet auf ihrem Gnadenhof Animal Hope in Illingen ausgestoßenen Tieren ein Zuhause. Nun droht ihr Lebenswerk zu scheitern: Der Pachtvertrag läuft aus.

Felicia Ruhland mit zwei von mehr als 60 Geschöpfen, die sie durchfüttert.  Foto: Heinz Heiss
Felicia Ruhland mit zwei von mehr als 60 Geschöpfen, die sie durchfüttert. Foto: Heinz Heiss

Illingen - Wieder einmal hat sie kaum geschlafen, Kummer hält wach. Was soll nur aus den Tieren werden? Ende des Jahres läuft der Pachtvertrag für ihren Gnadenhof in Illingen aus, der Vermieter will das Anwesen teuer verkaufen. Die Schwermut überfällt Felicia Ruhland, am liebsten würde sie liegen bleiben und den ganzen Tag an die Decke starren. Doch 60 Geschöpfe warten auf sie. Also raus aus dem Bett, rein in die matschverschmierte Kunstlederhose, die ausgelatschten Winterstiefel, den verfilzten Wollpulli und den knallroten Anorak.

Sie holt Balu aus seiner Box und nimmt ihn an die Leine. Vor vier Jahren fand Felicia Ruhland den Rottweiler an einem Zaunpfahl angebunden, neben ihm lag ein Zettel mit der Botschaft: „Ich hab mein Frauchen gebissen.“ Jetzt ist Balu zwölf, leidet unter einem Mastzellentumor und müsste operiert werden. Felicia Ruhland führt den kranken Hund über die Feldwege, beim Vorbeigehen grüßt sie ihren Nachbarn, einen Schweinebauern. Balu kackt an den Wegrand, dann kommt der Rottweiler zurück in seine Zelle, und der Dogo Argentino Butch ist an der Reihe. Vier ihrer 15 Hunde kann Felicia Ruhland morgens und abends nur einzeln ausführen, weil sie unterschiedlich geartete Probleme mit der eigenen Spezies haben. Macht acht Runden am Tag, 56 Runden pro Woche. Ihr Leben dreht sich oft im Kreis.

Um halb zehn gibt’s Frühstück, durch die Wohnküche wabert eine Geruchsmischung aus feuchtem Hundefell und frischem Filterkaffee. Die Wände hat die Hausherrin mit Fotos von ihren zig Tieren und ihren beiden Töchtern tapeziert. Felicia Ruhland ist zweimal geschieden. Der erste Ehemann, erzählt sie, habe sie geschlagen, der zweite sei eifersüchtig auf ihre geliebten Hunde, Katzen, Pferde, Esel, Schweine, Ziegen und Kinder gewesen. Nun, mit 43, hat sie wieder einen Freund, der sie gerne heiraten würde. Aber sie will sich nicht binden, jedenfalls nicht jetzt. „Ich muss meine Existenz erst mal in den Griff bekommen“, sagt Felicia Ruhland.

Stallbursche mit einer tragischen Vita

Ihre beiden Helfer kommen herein, setzen sich auf die Eckbank und greifen schweigend in den Brotkorb. Tamara, Anfang 20, macht auf dem Gnadenhof ein sogenanntes Einstiegsqualifizierungsjahr. Ihr Gehalt, 216 Euro monatlich, zahlt die Agentur für Arbeit. Benci, Ende 50, empfängt Hartz IV, wohnt nebenan alleine in einem Gartenhaus und ist seit acht Jahren Felicia Ruhlands ehrenamtlicher Stallbursche. Offenbar besitzt er nichts außer einer tragischen Vita. „Willst du etwas über dich verraten?“, fragt Felicia Ruhland. „Nein“, antwortet Benci.

Weil zumindest Felicia Ruhland ihr Herz auf der Zunge trägt, droht am Tisch keine peinliche Stille. Als sie sechs war, erzählt sie, ließen sich ihre Eltern scheiden, Felicia blieb bei ihrem Vater. Er, Tankwart an der Autobahnraststätte Pforzheim, fand wenig Zeit für die Tochter und schenkte ihr zum Trost ein Pony. Weil das Geld nicht reichte, musste Felicia ihren behuften Gefährten nach sieben Jahren abgeben. Charlie landete im Stuttgarter Killesbergpark, wurde von Ausflüglern begafft und ging ein – an gebrochenem Herzen, wie Felicia meinte. Ein Kindheitstrauma.

Nach der Schulzeit lernte Felicia Ruhland den Beruf der Landschaftgärtnerin, anschließend machte sie sich in Pforzheim mit einer Tierpension selbstständig. Wenn ein Kunde seinen Vierbeiner nach dem Urlaub nicht mehr abholte, behielt sie ihn. Schnell sprach sich herum, dass die gnädige Frau Ruhland nicht Nein sagen kann. Sie nahm alte, kranke und verhaltensgestörte Kreaturen auf, die außer ihr niemand mehr wollte. 1999 zog sie mit ihren Habseligkeiten, ihren Tieren und ihren Töchtern auf den Bauernhof bei Illingen um und gründete den Verein Animal Hope.