Wir haben ihn im Rathaus beim Schlafen gestört", verkündete Steffen Stüber lauthals, als er den Wimsheimer Bürgermeister Mario Weisbrich am frühen Samstagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein aus dem Rathaus ins Freie führte. Nun, immerhin trafen sie ihren jungen Schultes am Wochenende außerhalb jeglicher Dienstzeit im Rathaus an - da wird der sich wohl doch auch von Strapazen der Wahl im vergangenen Jahr und seiner Zeit als Amtsverweser erholen dürfen?
Während sich der Präsident des Wimsheimer Carnevalvereins Hurrassel (WCV) in schmuckem Hurrassel-Outfit mit blauschwarzem Jacket, gelber Weste und prunkvoller Kappe präsentierte, stand Weisbrich mit weißem Bademantel und grüner Schlafmütze vor den Wimsheimer Trollen und Zivilisten, die Zeugen des erfolgreichen Rathaussturms wurden.
Nach der geglückten Machtübernahme durch den WCV-Neunerrat, der beim Aufspüren des Bürgermeisters im Rathaus von einer großen Kinderschar unterstützt worden ist, werden die Karnevalisten nun bis Aschermittwoch in Wimsheim regieren. Mit klaren Zielen, wie der WCV-Vorsitzende und Präsident des Neunerrats Steffen Stüber nach der Machtübernahme erläuterte. So sei es das erklärte Ziel, schnell einen finanzkräftigen Investor für die Ortskernsanierung zu finden, da die Wimsheimer Ortsmitte dringend neu gestaltet werden müsse. Es sei jetzt an der Zeit "dem Elend ein Ende zu machen", sagte Stüber und hatte auch gleich eine Reihe von Vorschlägen parat, welchem Zweck die neue Ortsmitte dienen könnte. Dass der Hurrassel-Vorsitzende am liebsten einen eigenen Raum für den WCV hätte, in dem Kostüme und andere Dinge trocken und geschützt vor Ungeziefer wie nagenden Ratten gelagert werden können, daraus machte er keinen Hehl.
Aber auch einen Asia-Imbis oder ein anderes gastronomisches Highlight in Form eines "Ratskellers" zum Ersatz für das erst kürzlich geschlossene Gasthaus Hirsch, könnte sich Stüber neben der Kirche und dem Rathaus vorstellen. Auch ein Platz mit schönem Brunnen samt Fanshop für den örtlichen TSV hielt er für gut geeignet.
Aber auch ein Thermalbad wäre in Wimsheim als Freizeitoase willkommen. "Mit dem kalkhaltigen Wasser, das wir hier haben, hätten wir daran sicher ein halbes Jahr lang unsere Freude." Alternativ wäre die Nutzung des Geländes aber auch zum Bau von Wohneinheiten für das betreute Wohnen geeignet: "Auch für die Angestellten der Verwaltung in den nächsten Tagen." Vor allem aber die Idee, einen Copy-Shop einzurichten, fand großes Echo. Mit diesem könnten dann auch in Wimsheim künftig Doktoarbeiten gefertigt werden. Auf diese Weise schaffe es ja vielleicht auch mal ein Wimsheimer Bürger, Minister in Berlin zu werden, meinte Stüber. Der Bürgermeister Mario Weisbrich freilich nahm die Amtsübernahme durch Stüber und Kollegen gelassen - oder verschlafen? Ohne großes Gezeter übergab er den goldenen Schlüssel für die Rathauspforte an die Narren und reimte: "Wenn ich so drüber nachgedacht, sind andere nun an der Macht. Darum gebe ich den Schlüssel in eure Hände, lasst wackeln nun die Rathauswände." In seiner Rede ließ er aber auch keine Zweifel daran aufkommen, dass er sich nur temporär aus dem Rathaus vertreiben lässt. Ein anderer habe ja bereits erfolglos versucht, ihm den Chefposten streitig zu machen, "drum seht doch ein, ich bleibe hier."
Unterstützung bei der Machtübernahme hatte der Wimsheimer Carnevalvereins Hurrassel nicht nur durch zahlreiche Bürgern erfahren, die das Spektakel mit Neugier verfolgten. Auch die Mitglieder des Musikvereins Wurmberg-Neubärental standen ihren Wimsheimer Freunden mit Pauken und Trompeten zur Seite.


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