Die Zuffenhausener Keltersiedlung Kampf gegen den Abriss

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Die alten Häuser in der Zuffenhausener Keltersiedlung sollen abgerissen werden. Viele Bewohner sind bereits ausgezogen. Ein Besuch bei denen, die noch nicht weichen wollen

Klappe zu: 105 Wohnungen gibt es in der Siedlung, 36 stehen bereits leer. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 8 Bilder
Klappe zu: 105 Wohnungen gibt es in der Siedlung, 36 stehen bereits leer. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Stuttgart-Zuffenhausen, Keltersiedlung. Zwei Häuserblocks entfernt fahren die Straßenbahnlinien U 7 und U 15 zum Hauptbahnhof, in zwölf Minuten ist man mitten in der Großstadt. Hier jedoch ist es grün und ruhig. Gerda Merker, 65, stellt eine Tasse frisch gebrühten Kaffee auf den Tisch in ihrem Garten. Es ist Freitagnachmittag. Merker beantwortet die Frage, ob sie am nächsten Tag Zeit für ein Gespräch über die Geschehnisse des vergangenen Jahres habe, mit einer Einladung: „Wollen Sie einen Kaffee mit mir trinken?“

Zum Getränk stellt sie einen Zuckerstreuer der Marke Tupper. Mit den Produkten der Firma hat sie vor vielen Jahren gehandelt. „Das war einmal“, sagt die Rentnerin und winkt ab. Aber ein paar der Teile sind eben noch übrig geblieben. Sie lagern nun in ihrem Keller. Und der muss leer werden.

Deshalb ist der Samstag im Moment auch kein guter Tag, um sich mit ihr zu verabreden. Samstag ist Flohmarkttag. Das große Räumen hat begonnen. Nicht nur in Gerda Merkers Keller. Die einen tun es still, andere etwas lauter. Eine ganze Siedlung ist im Aufbruch – und seit März vergangenen Jahres auch in Aufruhr.

Damals wurde bekannt, dass die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) die Siedlung aus den 1930er Jahren abreißen will, um hier in verdichteter Form neue Wohnhäuser zu bauen. Dort, wo jetzt noch 105 Wohnungen luftig über meist zweistöckige Häuser verteilt stehen, umgeben von Gärten und hohen Bäumen, sollen neue Wohnblocks mit 180 Wohnungen gebaut werden. Immer wieder wird das Jahr 2019 als Baubeginn genannt. „Sobald die Wohnungen leer stehen, reißt die SWSG die Gebäude ab“, sagt Peter Schwab, der Pressesprecher der Baugesellschaft. „Je früher, je besser.“ Das sehen nicht alle so: Manche Bewohner leben hier seit Kindertagen – und harren bis heute aus.

Für manche ist es der Verlust der Heimat

Ende letzten Jahres ist Markus Reinhardt gestorben, fast 70 Jahre hat er in der Keltersiedlung gewohnt. 1946 ist der Spross einer Sinti-Familie mit seinen Eltern hier als Säugling eingezogen. Zuletzt war er so etwas wie das Bindeglied zu einer anderen Zeit. Geplant haben die Siedlung die Nationalsozialisten, gebaut wurde sie in zwei Abschnitten vor dem Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach. Für die Reinhardts war das Leben dort der Neubeginn in Frieden, nachdem sie das Arbeitslager der Nazis überlebt hatten. „Für meinen Vater war es ein schlimmer Gedanke, wegziehen zu müssen“, sagt seine Tochter Gitta Gentner. Sie ist hier mit ihrem Bruder aufgewachsen, wohnt mit ihrer Familie außerhalb der Siedlung, aber ganz in der Nähe, damit sie sich um die Eltern kümmern konnte. Sie war da, wenn es dem Vater schlecht ging.

Als Markus Reinhardt von dem bevorstehenden Auszug und Abriss gehört hat, habe das Familienoberhaupt gesagt, er werde hier nur tot ausziehen, erinnern sich seine Frau Elke und seine Tochter Gitta mit Tränen in den Augen. Es ist so gekommen. Nun sitzen sie in ihrem Garten und wissen nicht, wie lange sie hier noch zusammensitzen können. „Wir hängen völlig in der Luft“, sagt Elke Reinhardt. Den Gedanken an einen Abschied wollen sie nicht zu Ende denken. Elke Reinhardt wird demnächst 70 Jahre alt und wohnt seit fast einem halben Jahrhundert hier. Der Zusammenhalt der Familie ist ihr wichtig, der Sohn, die Schwiegertochter und die Enkel wohnen Wand an Wand mit ihr. Die Reinhardts wollen nicht in alle Winde zerstreut wohnen.