Die Zukunft Stuttgarts
Im Stuttgarter Kessel lärmt es
Vincent Klink,
03.11.2010 15:03 Uhr
|
|
Bild 1 von 2 |
|
Foto: dapd
Stuttgart - Das ist die Lage: Eine alte Freundin schrieb mir, sie habe Angst wegen Stuttgart 21. Ich beruhigte die Dame, die ansonsten herrschende lähmende Politikverdrossenheit könne für eine Demokratie viel gefährlicher werden als Rabatz zwischen Bürgern und Exekutive. Ich glaube fest daran, dass alles ohne viel blaue Flecken abgehen wird. Zwar hört man immerfort die Begriffe Eskalation und Deeskalation, aber es gab bisher nur einen einzigen Angriff, und der kam von einer Polizei, die sich angeblich bedroht sah. Die regierenden Politiker wiederum, die womöglich Kampforder von ihrem Feldherrenhügel gaben, können offenbar Pflastersteine nicht von Kastanien unterscheiden.
Mancher fährt nie mit dem Zug, und es interessiert ihn deshalb nicht, was im Kessel am Bahnhof geschieht. Es gibt auch viele Leute, die glauben, das Ganze gehe sie nichts an, weil sich gewählte Leute "vor Ort" kümmern, und diese Politiker würden alles schon richten. Dazu seien sie ja da. Diesen Gutgläubigen sei gesagt: Längst geht es nicht mehr ausschließlich um den Bahnhof und um die abgesägten Bäume, sondern um offensichtliche und nachweisbare Überheblichkeit, Ignoranz und Planungsfehler der Politiker und der Bahnchefs und ganz besonders um Immobiliengeschäfte. Also, wenn für einen Bahnhof schon so viel getrickst wird, wie wird dann anderswo erst geschoben und am Filz gewoben? Die etablierten Parteien haben es sich in den Ohrensesseln der Macht windgeschützt eingerichtet. Der bequeme Bundesbürger auch, und so grüßt man sich von Lehnstuhl zu Lehnstuhl. Aber diese Ruhe war einmal, und nun ist alles anders. Das verdanken wir auch dem konservativen Stuttgarter Bürgertum.
Während ich diese Zeilen schreibe, lärmt es aus dem Kessel und viele wackere Bürger sind am Start. Dort unten geht es um Demokratie. Es ist im Grunde Widerstand gegen Gewohnheitslügen, und das sollte jeden Bürger schon interessieren. Des Deutschen Tugend ist seine Zuverlässigkeit und Gefolgstreue. Gleichzeitig hat dieser auf den ersten Blick gute Charakterzug - schaut man sich in der Historie um - gewaltiges Unglück über uns gebracht. Warum wird Starrsinn mit Solidität und Zuverlässigkeit gleichgesetzt? Warum sind wir nicht in der Lage zur Umkehr, wenn am Ende der geplanten Tunnel kein Licht in Sicht kommt? Warum dürfen Politiker keine Irrtümer zugeben oder Fehler oder Schwächen eingestehen?
Ganz klar, wer gegen Stuttgart 21 votiert, darf nicht als Steinzeitmensch hingestellt werden. Klar auch, dass der Stuttgarter Bahnhof eine zeitgemäße Wiedergeburt benötigt. Muss sich das aber so monströs auswachsen? Ja, ja, es ist alles seit fünfzehn Jahren so geplant, schallt der Ruf. Tatsächlich begann die Planung ja schon vor dreißig Jahren. Eben das sieht man den Entwürfen ja an, dass sie aus einer Zeit stammen, als etwas en vogue war, was ich als Kloschüsselarchitektur bezeichnen möchte. Da weht der Geist der schlechtesten Architekturperiode seit Menschengedenken herüber, nämlich die der siebziger und achtziger Jahre. S 21 mit seinen umgekehrten Trompeten als Abstützung und mit den Bullaugen auf der Wiese, das ist der Gestaltungswille wild gewordenen Kleinbürgertums.
Als durchaus bodenständiger Mensch behaupte ich und kann es auch beweisen: Der Schwabe ist nicht geizig. Die Milliarden, egal, wie viele es werden, die kriegt der schwäbische Fleiß gestemmt. Aber Achtung, jetzt kommt's: Der Schwabe will für ausgegebenes Geld den entsprechenden Gegenwert. Und letzterer ist im konkreten Fall ganz und gar nicht in Aussicht. Wenn schon Murks, dann bitte nicht so teuer.
Übrigens: Die Fahrtzeit von Stuttgart nach Paris beträgt 4 Stunden, 24 Minuten. Das teilt sich auf in: Stuttgart nach Straßburg (158 km) in 2 Stunden, 6 Minuten und in Straßburg nach Paris (487 km) in 2 Stunden 18 Minuten. Die französische Bahn ist also mehr als doppelt so schnell wie die marode DB. Straßburg besitzt übrigens einen stinknormalen Bahnhof. Wie man sieht: Deutschland hat kein Bahnhofsproblem, sondern veraltete Gleise. Kein Wunder, wenn die ICE-Räder dauernd kaputtgehen und das durchgeschüttelte Zugpersonal blaue Uniformen trägt, damit man die Hämatome nicht so deutlich sieht.
Mancher fährt nie mit dem Zug, und es interessiert ihn deshalb nicht, was im Kessel am Bahnhof geschieht. Es gibt auch viele Leute, die glauben, das Ganze gehe sie nichts an, weil sich gewählte Leute "vor Ort" kümmern, und diese Politiker würden alles schon richten. Dazu seien sie ja da. Diesen Gutgläubigen sei gesagt: Längst geht es nicht mehr ausschließlich um den Bahnhof und um die abgesägten Bäume, sondern um offensichtliche und nachweisbare Überheblichkeit, Ignoranz und Planungsfehler der Politiker und der Bahnchefs und ganz besonders um Immobiliengeschäfte. Also, wenn für einen Bahnhof schon so viel getrickst wird, wie wird dann anderswo erst geschoben und am Filz gewoben? Die etablierten Parteien haben es sich in den Ohrensesseln der Macht windgeschützt eingerichtet. Der bequeme Bundesbürger auch, und so grüßt man sich von Lehnstuhl zu Lehnstuhl. Aber diese Ruhe war einmal, und nun ist alles anders. Das verdanken wir auch dem konservativen Stuttgarter Bürgertum.
Während ich diese Zeilen schreibe, lärmt es aus dem Kessel und viele wackere Bürger sind am Start. Dort unten geht es um Demokratie. Es ist im Grunde Widerstand gegen Gewohnheitslügen, und das sollte jeden Bürger schon interessieren. Des Deutschen Tugend ist seine Zuverlässigkeit und Gefolgstreue. Gleichzeitig hat dieser auf den ersten Blick gute Charakterzug - schaut man sich in der Historie um - gewaltiges Unglück über uns gebracht. Warum wird Starrsinn mit Solidität und Zuverlässigkeit gleichgesetzt? Warum sind wir nicht in der Lage zur Umkehr, wenn am Ende der geplanten Tunnel kein Licht in Sicht kommt? Warum dürfen Politiker keine Irrtümer zugeben oder Fehler oder Schwächen eingestehen?
Der Schwabe ist nicht geizig
Ganz klar, wer gegen Stuttgart 21 votiert, darf nicht als Steinzeitmensch hingestellt werden. Klar auch, dass der Stuttgarter Bahnhof eine zeitgemäße Wiedergeburt benötigt. Muss sich das aber so monströs auswachsen? Ja, ja, es ist alles seit fünfzehn Jahren so geplant, schallt der Ruf. Tatsächlich begann die Planung ja schon vor dreißig Jahren. Eben das sieht man den Entwürfen ja an, dass sie aus einer Zeit stammen, als etwas en vogue war, was ich als Kloschüsselarchitektur bezeichnen möchte. Da weht der Geist der schlechtesten Architekturperiode seit Menschengedenken herüber, nämlich die der siebziger und achtziger Jahre. S 21 mit seinen umgekehrten Trompeten als Abstützung und mit den Bullaugen auf der Wiese, das ist der Gestaltungswille wild gewordenen Kleinbürgertums.
Als durchaus bodenständiger Mensch behaupte ich und kann es auch beweisen: Der Schwabe ist nicht geizig. Die Milliarden, egal, wie viele es werden, die kriegt der schwäbische Fleiß gestemmt. Aber Achtung, jetzt kommt's: Der Schwabe will für ausgegebenes Geld den entsprechenden Gegenwert. Und letzterer ist im konkreten Fall ganz und gar nicht in Aussicht. Wenn schon Murks, dann bitte nicht so teuer.
Übrigens: Die Fahrtzeit von Stuttgart nach Paris beträgt 4 Stunden, 24 Minuten. Das teilt sich auf in: Stuttgart nach Straßburg (158 km) in 2 Stunden, 6 Minuten und in Straßburg nach Paris (487 km) in 2 Stunden 18 Minuten. Die französische Bahn ist also mehr als doppelt so schnell wie die marode DB. Straßburg besitzt übrigens einen stinknormalen Bahnhof. Wie man sieht: Deutschland hat kein Bahnhofsproblem, sondern veraltete Gleise. Kein Wunder, wenn die ICE-Räder dauernd kaputtgehen und das durchgeschüttelte Zugpersonal blaue Uniformen trägt, damit man die Hämatome nicht so deutlich sieht.
Seite
1
2
3
Weitere Artikel


23 Mal Stuttgart – wir stellen Ihnen alle 23 Stadtbezirke vor >>


volker s.
Der Tiefbahnhof ist laut Aussagen der Bahn NICHT erweiterbar.
erweiterbarer Tiefbahnhof
Hallo volker s., da sind Sie wohl nicht auf dem aktuellen Stand. Die Erweiterbarkeit wurde mehrfach dementiert.
@carlo
Na dann suchen Sie mal ein Lokal, wo Sie sicher sind, dass es Ihnen nicht passieren kann, dass das Essen für die gebotene Qualität zu teuer ist. Auch bei sog. Spitzenköchen soll es da ja mal zu Widersprüchen kommen. Und wenn ich Sie jetzt richtig interpretiere, dann verhungern Sie also lieber, als etwas zu essen, das eventuell den Preis nicht ganz rechtfertigen könnte. Aber dann haben Sie es dem Koch mal so richtig gezeigt, gell?