Dieter Hildebrandt Vom Zuschauer zum Störseher

Senta Krasser, 07.02.2013 11:08 Uhr

Stuttgart - Wer behauptet, Alter stimme milde, den bestraft Dieter Hildebrandt Lügen. Seinen 86. Geburtstag wird der Kabarettist im Mai feiern, was man ihm überhaupt nicht anmerkt. Bei seinen noch immer regelmäßig ausverkauften Soli beweist er allabendlich, dass er meilenweit heller und zorniger ist als manch neunzehnjähriger Dschungelkämpfer. Und Dieter Hildebrandt wird immer wütender. So wütend, dass dieser „angry old man“, dem einst der Bayerische Rundfunk den Saft abdrehte und dessen Sendung Scheibenwischer seit zehn Jahren nicht mehr existiert, seine Wut künftig im Internet kanalisiert.

Stoersender.tv heißt der neue Kanal, und Dieter Hildebrandt ist sein Mitgründer und Star. Von März an will er alle zwei Wochen in einem Webmagazin rauslassen, was ihn am Politikbetrieb stört und was sich, wie er findet, sonst niemand zu sagen traut. „Wir wollen beweisen, dass man eine halbe Stunde Programm nicht mit dem immer gleichen Geschwätz füllen muss.“ Auf stoersender.tv, verspricht der Doyen des deutschen Kabaretts, „können Verrückte Dampf ablassen“. Und zwar ohne große Redaktionen, Produktionsteams und Vorgesetzte, wie das bei den großen Sendern so üblich ist.

Unterstützung wurde dem Störsender schon aus der ersten Liga der politischen Kabarettisten zugesichert: etwa von Georg Schramm, Gerhard Polt, Konstantin Wecker, Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig), Roger Willemsen, Urban Priol und Luise Kinseher. Fast könnte man meinen, Hildebrandts Störsender sei ein Ventil für Kabarettisten, die vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen frustriert sind.

Hildebrandts Wutattacken

Mag sein, sagt Stefan Hanitzsch, der Erfinder und Projektleiter von stoersender.tv. Es gebe ja zunehmend weniger Möglichkeiten, sich bei ARD und ZDF auszutoben: „Bei uns wird es keinerlei künstlerische oder redaktionelle Einschränkungen geben“, sagt der Filius des bekannten Zeichners Dieter Hanitzsch. Der Senior selbst, 79, wird auf stoersender.tv die Karikatur des Tages beisteuern und als Kulisse für Hildebrandts Wutattacken sein Arbeitszimmer in München-Pasing bereitstellen; in der Lokalpresse hat das Duo den Spitznamen „Hadi und Hidi“ weg.

Man werde mit einem „an Minimalismus grenzenden Aufwand“ Programm machen, erklärt „Hidi“, nicht so perfekt wie im echten Fernsehen, aber originell und unabhängig. Hanitzsch junior kümmert sich mit Hilfe eines Netzwerks aus ehrenamtlichen Profis um die Technik und auch um die eine oder andere Reportage. Lange Jahre arbeitete der gelernte Journalist als Pressesprecher, politischer Redakteur und Wahlkämpfer für die SPD, von der er sich enttäuscht abwandte. Seine Erfahrungen mit Andrea Nahles und Co. werde er im Störsender ganz sicher verarbeiten, sagt der 35-Jährige, aber auch die CDU werde „was auf den Deckel kriegen“.

Geplant sind Animationen und Parodien; zum Repertoire gehört ein rappender Horsti, ein Angela-Merkel-Klon und die Kommunalpolitikerin Hannelore Spieß-Rutenlauf. Im Superwahljahr, in dem auf Bundesebene und in Bayern neu gewählt wird, könnte der „Störsender“ so interessante Akzente setzen.

Wer zahlt, darf mitbestimmen

Den Etat für das erste Sendejahr sammelten Hanitzsch und Hildebrandt im Internet. In nicht einmal zwei Monaten hatten sie die nötigen 125 000 Euro beisammen. Die Aussicht, sich mit nur fünf Euro Spende den Status eines „Very Intelligent Pressefreiheitskämpfers“ mit speziellen Vorteilen zu erkaufen, motivierte mehr als vierhundert Unterstützer. Ein paar besonders Spendable gaben 9999 Euro für ein Dinner mit dem Star Hildebrandt. Für Stefan Hanitzsch ist Crowdfunding, wie diese Art der Finanzierung heißt, nichts weniger als „die Heiligsprechung von künstlerischer und redaktioneller Freiheit“.

Wer zahlt, darf Programm mitbestimmen, als stark erweiterter Rundfunkrat. Sich einmischen und stören ist sogar schwer erwünscht. Nicht umsonst wird der Zuschauer bei stoersender.tv zum Störseher umgetauft. Er soll, so stellen es sich Stefan Hanitzsch und der einstige Top-Störenfried der ARD vor, nicht nur passiv vor dem Schirm hocken, sondern auch zivilen Ungehorsam leisten. Gegen Demokratiefeinde demonstrieren oder per Flashmob stören. Er soll, und das ist ganz im Sinne des Kabarettisten Dieter Hildebrandt, seine Wut rauslassen. Aber friedlich.