Digitales Dasein als Doku Das zweite Leben im Netz
Katrin Hillgruber, 17.10.2011 13:28 Uhr
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In der virtuellen Welt gibt es auch eine Baden-Württemberg-Vertretung. Foto: dpa
In der virtuellen Welt gibt es auch eine Baden-Württemberg-Vertretung. Foto: dpa
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Stuttgart - Alice B. Krueger verlässt ihr Haus in Denver, Colorado, nur noch selten. Es bereitet ihr schon Mühe, sich auf eine Stufe der Veranda zu setzen und ihrem Hund einen Ball in den verwilderten Garten zu werfen. Die frühere Erziehungswissenschaftlerin und Mutter dreier erwachsener Kinder leidet an Multipler Sklerose, was ihren Aktionsradius immer weiter einschränkt. Ihren Computer kann sie nur im Liegen bedienen, aber das stört sie nicht, denn: Als „Gentle Heron“ (auf Deutsch etwa „sanftmütiger Reiher“) erschafft sich Alice mindestens einmal am Tag neu.

Auf der Internet-Plattform „Second Life“ (SL) ist sie eine junge, schlanke blonde Frau, die in einer furchtbar kitschigen Landschaft stereotyp lächelnd umhertanzt. Auf weltweit 20 Millionen Nutzer wird die „Second Life“-Community geschätzt, deren Erfinder ganz reales Geld verdienen. Alice B. Krueger gründete die gemeinnützige Organisation „Virtual Ability Incorporation“. Diese ist bestrebt, die Interessen Behinderter in Netzwerken wie „Second Life“ zu unterstützen. Im Internet könnten sie sich endlich als „normal“ empfinden, so das Credo. Fünf Jahre lang hat sich Daniel Moshel, 1976 in Offenbach geboren, in virtuellen Welten umgetan. Das Ergebnis ist sein Dokumentarfilm-Debüt „Login 2 Life“, der auch an 70 Tagen „synthetisch“ gedreht wurde.

Sechs weitere Protagonisten

Moshel wählte sich neben Alice sechs weitere Protagonisten, die sich entweder auf der dreidimensionalen Kommunikationsplattform „Second Life“ zuhause fühlen oder in dem martialischen Online-Spiel „World of Warcraft“ (WOW), wie der querschnittgelähmte Corley. Auf „Second Life“ wurde die Berliner Liedermacherin Juliane Gabriel alias Jaynine Scarborough bekannt, oder der sogenannte SL-Sexgott Stroker Serpentine, bürgerlich Kevin Alderman. Die Frage, inwieweit Computer-Rollenspiele süchtig machen, hat sich da längst beantwortet. Mit diesem denkwürdigen Einblick in ein künstliches „zweites Leben“ eröffnet die auf Innovation und Zusammenarbeit mit Nachwuchsregisseuren abonnierte ZDF-Redaktion „Kleines Fernsehspiel“heute eine fünfteilige Reihe, in der es im weitesten Sinne um neuartige oder um die Veränderung bestehender Beziehungen geht.

In dem vielfach ausgezeichneten Film „Forgetting Dad – Vater ohne Vergangenheit“ (24. Oktober) beispielsweise nähert sich der Regisseur Rick Minnich seinem Vater neu an, der nach einem leichten Autounfall vor 18 Jahren das Gedächtnis verlor. Der Vater nennt sich seitdem „New Richard“ und lebt mit einer anderen Frau zusammen. Mit dem Sohn von „Old Richard“ will er nichts mehr zu tun haben, was diesen erst recht zur kriminalistischen Spurensuche anspornt.

Bilder vom zeitgenössischen Mann-Seins

In „Reine Männersache“ (14. November) begibt sich Suanne Binninger an Orte, an denen Bilder vom zeitgenössischen Mann-Seins geprägt werden, wie bei einem Putzmittelhersteller oder einem Haushaltszehnkampf für Paare. Die oft haarsträubenden Schwierigkeiten ausländischer Gastschüler beleuchtet „12 Monate Deutschland“ von Eva Wolf (31. Oktober), während Niko Apel noch jüngere Akteure wählte: In seinem Film „Von Kindern“ (7. November) stellte er drei Kinder zwischen neun und zwölf Jahren hinter die Kamera, die aus ihrer Perspektive unter anderem den Alltag in einem Seniorenheim filmten.

Aber sind die neuen virtuellen Beziehungen wirklich so heilsbringend, wie das „Login 2 Life“ suggeriert? Für Alice B. Krueger handelt es sich nicht um Eskapismus, sondern um eine andere Form der sozialen Kommunikation, wie sie sagt. Doch sobald sie den Computer ausschaltet, ist sie wieder allein in ihrem Haus. Hat sie ihr „erstes“ Leben nicht längst aufgegeben? „Login 2 Life“: ein Film, der erschaudern lässt und für Diskussionen sorgen dürfte.

 „Login 2 Life“, 17. Oktober, 0 Uhr

Kommentare (2)
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OKT
18
Jens, 11:25 Uhr

Second Life

Nicht nur die "Erfinder", sondern auch ein signifikanter Teil der User verdient mit Second Life Geld, laut aktueller Statistik mehrere tausend Teilnehmer sogar ihren kompletten Lebensunterhalt, wie eben besagter Stroker. Und für erschauderndswert halte ich auch nichts. Second Life ist keine alternative Realität, sondern eine erweiterte Realität, die nicht nur Behinderten, sondern gerade auch Leuten die auf dem Land fernab der Action wohnen tolle neue Wege der Kommunikation und Interaktion eröffnen. Die angekündigte Diskussion dürfe wohl eher bescheiden ausfallen, da das ZDF den Film so spät gesendet hat. Leider ist die Sendezeit tagsüber ja schon mit Seifenopern und Talkshows zugepflastert.

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OKT
17
Maddy, 17:45 Uhr

Lieber anschauen als spekulieren

"Doch sobald sie den Computer ausschaltet, ist sie wieder allein in ihrem Haus. Hat sie ihr „erstes“ Leben nicht längst aufgegeben? „Login 2 Life“: ein Film, der erschaudern lässt und für Diskussionen sorgen dürfte." Diese Aussage kann doch nur jemand machen, der sich die Doku nicht angesehen hat? Für ihre Behinderung ist Alice Krueger eine sehr aktive Frau im "ersten" Leben. Dass sie dann auch noch Möglichkeiten nutzt, durch online Aktivitäten die Grenzen ihres Handicaps hinter sich zu lassen, finde ich eher erfreulich, als dass es mich erschaudern lässt. Aber das werden die "nur Web 2D Nutzer" auch irgendwann einmal verstehen ;-)

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