Diskussion in Stuttgart-Nord An der Kante des Möglichen

Von Christoph Kutzer 

Wie kann es gelingen, in Stuttgart attraktiven und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen? Bei einer Diskussion im Gemeindesaal St. Georg in Stuttgart-Nord gingen die Meinungen weit auseinander.

Kontroverse Ansichten: Philipp  Hill, Rolf Gaßmann, Hans-Jürgen  Simacher und  Ulrich Wecker (von links) Foto: Christoph Kutzer
Kontroverse Ansichten: Philipp Hill, Rolf Gaßmann, Hans-Jürgen Simacher und Ulrich Wecker (von links) Foto: Christoph Kutzer

S-Nord -

Seit 2010 sind mehr als 40 000 Menschen nach Stuttgart gezogen. Die Stadt ist attraktiv, die Wirtschaft in der Region brummt. Das ist per se erfreulich. Doch die Stadt platzt aus allen Nähten: Es mangelt am nötigen Wohnraum.

Dabei wird überall eifrig gebaut. Allein im Stuttgarter Norden wurden seit 2014 685 Wohnungen fertiggestellt. Etliche Projekte stehen bereits in den Startlöchern. Andere, etwa die 150 neuen Wohneinheiten an der Nordbahnhof- /Eckartstraße sollen noch dieses Jahr zu Ende geführt werden. Und dennoch steht die Frage im Raum, ob die Stadt wirklich alles in ihrer Macht Stehende tut, um die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt und damit auch die Preise für Miet-, Eigentumswohnungen und Eigentumshäuser in den Griff zu bekommen.

Komplexe Thematik

Wie komplex die Thematik ist, das zeigte sich am Dienstagabend im Zuge einer Podiumsdiskussion im Gemeindesaal St. Georg zum Thema „Wohnen in Stuttgart-Nord“. Auf Einladung der dortigen CDU-Gruppe diskutierten Rolf Gaßmann vom Mieterbund, Ulrich Wecker vom Haus- und Grundbesitzerverein und der wohnungspolitische Sprecher der CDU, Philipp Hill, teilweise kontrovers über den richtigen Weg, genügend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und die Stadt gleichzeitig attraktiv zu halten.

Wecker und Gaßmann ließen dabei wiederholt durchklingen, die in der Zeitstufenliste erfassten Gebiete seien angesichts des zu erwartenden großen Zuzugs weiterer Bürger unzureichend. Ersterer kritisierte die „öko-linke“ Politik, die zwar den Zuwachs an Stuttgartern begrüße, aber „jede Eidechse und jeden Grashalm schützen“ wolle. Reine Nachverdichtung, so Gaßmann können nicht die Zukunft sein. Auf Dauer müsse man sich auch an die grüne Wiese heranwagen.

Philipp Hill wurde angesichts der unterschwelligen Kritik am Willen der Stadt, zu handeln, zunehmend vehementer. Die Zeitstufenliste umfasse alle für eine Bebauung zur Verfügung stehenden 190 Flächen und diese ließen sich aufgrund der teilweise hoch komplizierten Genehmigungsverfahren nur in gewissen Abständen abarbeiten, betonte er und fügte hinzu: „Wenn Sie eine neue Fläche kennen, dann teilen Sie sie einer Fraktion Ihres Vertrauens mit.“ Auch betonte er, die anvisierten 1800 neuen Wohnungen pro Jahr seien kein Dogma, sondern das Maximum des Machbaren.

Kritik an „Landvögten“ im Umland

Ein weiterer zentraler Diskussionspunkt in der vom Stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Nord, Hans-Jürgen Simacher moderierten Runde war die Rolle der Region bei der Sache. Man versuche, sie mit ins Boot zu holen, stellte Hill fest. Man predige – aber draußen vor Stuttgart säßen einige „Landvögte“, die lieber weiter auf ­Einfamilienhäuschen setzten und nicht recht mitzögen. Dabei sei gerade die ­Zuwanderung aufgrund der wirtschaftlichen Stärke ja durchaus ein regionales Phänomen.

Rolf Gaßmann vertrat die Ansicht, die Stadt könne es sich nicht so einfach machen und ihre Probleme auf andere abwälzen. Er äußerte sich zudem unzufrieden über das mangelnde Bekenntnis zu einer wachsenden Metropole. Hamburg beispielsweise gehe mit diesem Thema ganz anders um. Der Einwand, Stuttgart sei schon aufgrund der Kessellage in einer gänzlich anderen Situation, schien ihn nicht zu überzeugen.

Lösungen gab es an diesem Abend naturgemäß nicht. Er beleuchtete aber eine Menge Details innerhalb der des Gesamtproblematik. Die Positionen aber blieben verhärtet. Während Philipp Hill resümierte, man arbeite an der Kante dessen, was möglich sei, stellte Ulrich Wecker bissig fest, seinethalben könne man auch bei den 1800 neuen Wohnungen jährlich bleiben. „Für die nächsten acht bis zehn Jahre haben wir dann die Zeitstufenliste“, schloss er. „Gut. Das könne wir machen. Dann will ich aber auch nie wieder etwas von Wohnungsknappheit hören.“

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