Diskussion um Günter Grass Ein Autor sät Lyrik und erntet Sturm

Mit seinem umstrittenen Israel-Gedicht irritiert Literaturnobelpreisträger Günter Grass selbst seine Freunde. Kritiker werfen ihm Verlogenheit vor.

Günter Grass sorgt für Aufsehen. Foto: dpa
Günter Grass sorgt für Aufsehen.Foto: dpa

Stuttgart - Dass Günter Grass’ jüngster Versuch mit einem Gedicht die Weltläufte zu verändern, die vorösterliche Ruhe nicht nur in der deutschen Hauptstadt stören würde, wird der Lyriker schon beim Verfertigen seiner Gedanken in Versform geahnt haben. Reaktionen gab es viele. Sie fielen kritisch aus.

Dabei hat die Bundesregierung, die neben der israelischen Regierung als Hauptadressatin der Grass’schen Polit­lyrik gelten muss, noch die größte Gelassenheit an den Tag gelegt. „Es gilt in Deutschland die Freiheit der Kunst“, erklärte der Regierungssprecher Steffen Seibert formvollendet diplomatisch. „Und es gilt glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen.“ Ein Sprecher des Außenamtes sekundierte, dass ihm von israelischer Seite noch keine offiziellen Reaktionen bekannt seien. Das hat sich im Lauf des Tages allerdings geändert.

Trotz Osterpause ist die Stellungnahme-Maschinerie in der Hauptstadt gestern mächtig in Schwung gekommen. Beinahe beredte Schweigsamkeit legten die Sozialdemokraten an den Tag, denen Grass nahe steht. Lange blieb Reinhold Robbe, ehemaliger SPD-Abgeordneter, Ex-Wehrbeauftragter und amtierender Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, die einzige Stimme aus der SPD, die sich zu Grass’ jüngstem Werk äußern wollte. Als Künstler und Intellektueller habe sich der Autor selbst diskreditiert, befand Robbe. Sein Gedicht offenbare ein erschreckendes Unwissen über die komplexen Verhältnisse im Nahen Osten. Die Einlassungen seien „so pauschal und dürftig, dass es sich geradezu verbietet, im Detail darauf einzugehen. „Ich schätze Günter Grass sehr, aber das Gedicht empfinde ich vor dem Hintergrund der politischen Lage im Nahen Osten als irritierend und unangemessen“, legte die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles nach.

Die Kritik sprudelt

Im konservativen Lager sprudelte die Kritik am Literaturnobelpreisträger. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe zeigte sich über „die Tonlage und die Ausrichtung des Gedichtes entsetzt“. Es verkenne völlig die Situation, dass ein nach Atomwaffen greifender Iran das Existenzrecht Israels bestreite, den Holocaust leugne und sich internationaler Kontrolle seiner Kernenergiekonzepte verweigere. Es bestehe kein Zweifel an der grundsätzlichen Einstellung Deutschlands, an der Seite Israels zu stehen – auch im Hinblick auf die deutsche Geschichte, sagte Gröhe. „Wenn eine Person wie Günter Grass dadurch auffällt, hier offensichtlich nichts gelernt zu haben, dann ist das sehr bedauerlich.“ Als „großen Schriftsteller“, der politisch aber meist daneben liege, stufte Ruprecht Polenz, der Vorsitzende des Außenausschusses im Bundestag, Grass ein. „Diesmal liegt er gründlich daneben“, fügte er hinzu. „Mir gefällt das Gedicht nicht.“

Empört ist der Zentralrat der Juden. Deren Präsident Dieter Graumann sieht Grass’ Beitrag nicht als Literatur, sondern als „Hasspamphlet“. Wenn es wirklich als Vermächtnis gemeint sei, sei es ein „Vermächtnis von Verdrehungen und Verirrungen“. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sprach von einem „durchschaubaren Schmierentheater“. Der frühere israelische Botschafter Shimon Stein in Berlin warf Günter Grass Verlogenheit in seinem Umgang mit Israel vor.

Das Gedicht zeuge von einer „gestörten Beziehung zur eigenen Vergangenheit, gestört auch zu den Juden und zu Israel“. Selbst die Verse, in denen Grass sich schuldbewusst gebe und von seinem Makel spreche – der lange verschwiegenen Mitgliedschaft in der Waffen-SS –, machten seine „verlogene Verbundenheit zu Israel“ deutlich. Bei seiner Ursachendeutung des Iran-Konflikts bediene sich Grass „bekannter Schablonen“, ohne sich auszukennen. Schließlich gingen Teherans nukleare Ambitionen viel weiter zurück und seien nicht erst wegen Israel ausgelöst worden. Derart mit diesem Thema umzugehen, so Stein in einem Telefoninterview mit der StZ, „ist alles andere als seriös“. Bei Grass „wundert mich allerdings nichts mehr“, sagte Stein. Er selbst sei im Zwiespalt, ob man nicht besser die Äußerungen unkommentiert lasse, „um diesem alten Mann, der mit seiner Vergangenheit nicht zurecht kommt“, nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken.