Doku über Janis Joplin: „Janis: Little Girl Blue“ Die Einsamkeit des Hippies

Von Sabine Fischer 

Amy Bergs Dokumentarfilm zeigt Glanz und Elend der unvergessenen Bluesröhre Janis Joplin. Die gilt als Ikone der Hippie-Ära. Aber Berg erzählt nicht nur von Glück und Gigs.

So lustig und mit buntem Porsche hat man Janis Joplin in Erinnerung. Aber das Love-and-Peace-Lachen war Fassade. Foto: Arsenal
So lustig und mit buntem Porsche hat man Janis Joplin in Erinnerung. Aber das Love-and-Peace-Lachen war Fassade.Foto: Arsenal

Stuttgart - Da steht sie nun auf der Bühne des Monterey-Festivals, die Augen geschlossen, das Haar verschwitzt. Ihre Hand greift fast vorsichtig nach dem Mikrofon. Sie zögert, ein letztes Zusammenziehen der Augenbrauen – dann singt sie. So intensiv, wie Janis Joplin während des legendären Hippie-Festivals mit „Ball and Chain“ die Tücken der Liebe besingt, hört man das selten.

Doch die Regisseurin Amy Berg zeigt in ihrer Dokumentation „Janis: Little Girl Blue“ nicht nur die bahnbrechende Musikerin, als die Janis Joplin vielen bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Vor allem zeigt sie eine zerbrechliche Schönheit, eine gefühlsüberladene Selbstdarstellerin und eine selbstzerstörerische Dauerpubertierende.

Stimme des Schmerzes

Ja, Janis Joplin ist und bleibt eine Ausnahmeerscheinung. Als eine der ersten Frauen erkämpfte sie sich ihren Platz in der männlich dominierten US-Musikszene der sechziger und siebziger Jahre – vor allem dank ihrer außergewöhnlichen Blues­stimme. Auch „Janis: Little Girl Blue“ funktioniert über diese Stimme, die zum oft schmerzlich schreienden Soundtrack einer tragischen Biografie wird.

Berg zeigt mehr als das öffentliche Gesicht der stets lächelnden Musik-Ikone. Sie zeigt Janis Joplin als ein verwundetes, einsames Mädchen, das gerade in den Momenten am tiefsten fällt, in denen man eigentlich ihre größten Höhenflüge vermutet.

Nagende Selbstzweifel

Nach den Konzerten zum Beispiel, wenn ihre Bandkollegen mit täglich wechselnden Groupies auf die Hotelzimmer verschwinden und sie allein zurückbleibt. Wenn sie in den zahlreichen Briefen an ihre Eltern nagende Selbstzweifel offenbart. Oder wenn sie beim Jahrgangstreffen scheinbar triumphierend in die Mitte derjenigen zurückkehrt, die sie in der Highschool beschimpft und gedemütigt haben.

Immer dann lauert hinter der mit Federn und farbenfrohen Tüchern geschmückten Kunstfigur der Zusammenbruch – und der kam bekanntermaßen früh: Mit 27 Jahren starb Janis Joplin an einer Überdosis Heroin und ihren eigenen Dämonen.

Zusammenbruch eines Stars

Ein solch intimes und destruktives Künstlerporträt wie „Janis: Little Girl Blue“ erinnert fast zwangsläufig an Asif Kapadias Dokumentation „Amy“. Dieser Film verfolgt in entlarvenden, teils brutalen Bildern den Zusammenbruch der britischen Soulsängerin, die 2011 ebenfalls an den Folgen einer Überdosis starb.

Doch anders als bei Amy Winehouse treffen bei Janis Joplin die Blitzlichter und Rampenlicht-Jäger keine Schuld am tragischen Ende. „Janis: Little Girl Blue“ zeigt Janis als verbissene Karrierefrau, die den Erfolg erzwingt, statt sich von ihm jagen zu lassen. Ihr einziges Verhängnis, so der Film, ist letztlich sie selbst: die Frau, die zu viel fühlte.

Janis: Little Girl Blue. USA 2015. Regie: Amy Berg. Dokumentarfilm. 103 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.