Dolmetscher in der Flüchtlingshilfe Hilfe auf Persisch

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Anfang der 90er Jahre ist Nataga Wassie Kohestani aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Heute arbeitet sie vor allem ehrenamtlich als Dolmetscherin. In der Flüchtlingshilfe ist sie unersetzbar geworden, denn der Bedarf an Sprachmittlern ist groß.

Vor ein paar Monaten ist Familie Ashori aus Afghanistan nach Deutschland gekommen.  Nataga Kohestani (rechts) hilft ihnen,  Anträge und Bescheide zu verstehen – und  die fremde Kultur. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Vor ein paar Monaten ist Familie Ashori aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Nataga Kohestani (rechts) hilft ihnen, Anträge und Bescheide zu verstehen – und die fremde Kultur. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Wenn Nataga Wassie Kohestani Afghanen besucht, die nach Deutschland geflohen sind, gibt es Tee und Root, ein süßes, afghanisches Brot. „Das gibt einem das Gefühl von Heimat“, sagt sie. Kohestani weiß, wie es ist, neu in einem fremden Land zu sein und sich dort zurechtfinden zu müssen. Sie ist selbst Anfang der 90er als Flüchtling nach Deutschland gekommen, als junge Frau, die sich in der Fremde ein besseres Leben erhoffte.

Nataga Kohestani wurde 1967 im Norden von Afghanistan geboren, zumindest steht das so in ihrem Pass. Das genaue Datum hat sie sich irgendwann selbst ausgesucht, weil es keine Behörde dokumentiert hatte. Nach dem Abitur in Kabul wollte sie studieren, so wie viele junge Frauen in Afghanistan, damals sei alles noch liberaler gewesen, sagt sie. Doch dann kamen die radikalen Islamisten, und es begann der Krieg, vieles wurde verboten, Bildung für Frauen zum Beispiel. Also ging sie nach Deutschland, studierte in Freiburg Ingenieurwesen, wurde als Asylsuchende anerkannt und durfte schließlich ihre Familie nachholen.

Damals, vor mehr als 20 Jahren, habe es kaum Unterstützung für Flüchtlinge gegeben, sagt sie, kaum Ehrenamtliche, die ihr erklären konnten, wie das Einleben in dem neuen Land funktioniert. Damals sei man als Flüchtling auf sich allein gestellt gewesen. Heute sei das anders.

All die Amtsgänge und Anträge, die ohne Deutschkenntnisse kaum zu bewältigen sind

Nataga Wassie Kohestani – schwarz gerahmte Brille, gelbes Tuch, die dunklen Haare zusammengebunden – sitzt am Esstisch ihrer Wohnung in Untertürkheim und gießt Tee in Porzellantassen. Seit 2002 ist sie mit ihrem Mann in Stuttgart, er schafft bei einem Autobauer, sie arbeitete zunächst in einem Feinkostladen – und inzwischen als Dolmetscherin. Vor ihr steht afghanisches Gebäck, an der Wand hängt ein Nachdruck der Sonnenblumen von van Gogh, durch ein Fenster sieht man die Grabkapelle auf dem Württemberg.

Als im Herbst 2015 Hunderte Flüchtlinge nach Stuttgart gekommen waren, ist Nataga Kohestani mit ihrem Mann in die Notunterkunft nach Untertürkheim gefahren, um die Menschen zu empfangen und um zu helfen. Sie ist dann immer wieder dorthin, hat Kontakt gesucht zum Freundeskreis für Flüchtlinge, weil sie gesehen hat, wie viele Probleme es gab und wie viele Verständigungsschwierigkeiten: all die Amtsgänge, Anträge, Arztbesuche, die ohne Deutschkenntnisse oder Internetaffinität kaum zu bewältigen sind.

Nataga Wassie Kohestani begann zu übersetzen, die Regeln und Abläufe auf Farsi zu erklären, beim Ausfüllen der Dokumente zu helfen. Und sie fing an, zwischen den Kulturen, zwischen den Neuankömmlingen und Alteingesessenen zu vermitteln. Viele Leute im Ort waren besorgt, als im Sommer 2016 mehr als 200 Geflüchtete in neue Systembauten an der Württembergstraße zogen. „Ein paar der Wengerter hatten Angst um ihre Ernte“, sagt Kohestani. Die neuen Nachbarn könnten ja die Reben abernten und auch sonst Unruhe im Ort stiften, hieß es. „Wir haben damals Aushänge auf Farsi und Arabisch geschrieben, auf denen stand, dass die Weinberge und die Erträge privat sind“, sagt Kohestani, auch wenn es ihrer Meinung nach keinen Anlass zur Sorge gegeben habe. Inzwischen sei die Nachbarschaft eine gute, das sagen auch die Ehrenamtlichen, die in der Unterkunft helfen. Die Wengerter hätten angeboten, die Flüchtlinge in die Weinlese einzuführen.

In der Flüchtlingshilfe sind ehrenamtliche Sprachmittler unersetzlich geworden

Um die Mittagszeit ist es ruhig auf dem Hof der Unterkunft, die Sonne knallt auf das Pflaster, und von irgendwo hinter den Fenstern schallt arabische Musik. Viel Zeit hat Nataga Wassie Kohestani heute nicht, sie muss zur Mittagsbetreuung der Schulkinder, aber sie lässt sich trotzdem von Familie Ashori zum Tee überreden. Sein Sohn würde so gerne in die Musikschule, sagt der Vater, aber er wisse nicht so recht, wie er sich dort anmelden könne.

Auf dem Tisch der Zweizimmerwohnung stehen Schüsseln mit bunten Bonbons, Pistazien und Kuchen. Hier leben die Ashoris mit vier Kindern, die älteren gehen in die Schule und in den Kindergarten, das fünfte Kind wird bald zur Welt kommen. Es sei eine große Überraschung für ihn gewesen, dass hier jemand war, der Farsi spreche, sagt Ashori – und Kohestani übersetzt. Mit dem Deutsch müht er sich noch immer ab, seine Kinder hätten schnell gelernt, nur er tue sich etwas schwer, und ohne Hilfe könne er all die Dokumente nicht ausfüllen. Nataga Kohestani sucht in ihrem Handy nach einem Kontakt und verspricht, sich um die Sache mit der Musikschule zu kümmern.

„Für die Flüchtlingshilfe sind die Ehrenamtlichen, die selbst aus Afghanistan oder einem arabischsprachigen Land stammen, unersetzlich geworden“, sagt Ulrike Küstler vom Freundeskreis Flüchtlinge in Untertürkheim. Als sie mit Nataga Kohestani über den Hof der Flüchtlingsunterkunft geht, kommen zwei junge Männer mit großen Briefumschlägen in der Hand auf die beiden Frauen zu: Post vom Sozialamt und von der Krankenversicherung, aber sie können die Dokumente ohne Hilfe weder verstehen, geschweige denn sie ausfüllen, und das Büro der Arbeiterwohlfahrt (Awo), dem Träger der Unterkunft, ist gerade nicht besetzt. Außer Nataga Wassie Kohestani engagiert sich noch eine andere Afghanin im Freundeskreis, daneben ein paar Leute, die Arabisch sprechen. Trotzdem fehlt es oft an Übersetzern.

Freie Träger sehen einen großen Bedarf an Dolmetschern in Stuttgart

Die Awo und andere freie Träger, die in der Stuttgarter Flüchtlingshilfe aktiv sind, sehen einen großen Bedarf an Dolmetschern. Es sei heikel, dass man bei Verständigungsproblemen im Wesentlichen auf Ehrenamtliche angewiesen sei, heißt es vom baden-württembergischen Flüchtlingsrat. Auch bei Pro Familia sieht man ein „riesiges Dolmetscher-Problem“.

Die Organisation hat deshalb im Frühjahr 15 sogenannte Sprach- und Kulturdolmetscher ausgebildet, die sie selbst bezahlt. Bei dieser Ausbildung werden kulturelle Besonderheiten beleuchtet – etwa bei Themen wie Frauengesundheit, Sexualität und Familie, sagt Marion Janke von Pro Familia Stuttgart: „Wir halten es für wichtig, dass nicht nur der kulturelle Hintergrund der Ratsuchenden, sondern auch der Dolmetscher berücksichtigt wird. Es reicht nicht aus, nur die Worte zu übersetzen.“ Die Mittler sind in der Region sehr gefragt, für das kommende Jahr finanziert die Stadt die Ausbildung weiterer Kulturdolmetscher, aber der Bedarf an guten Übersetzern wird wohl dennoch kaum gedeckt werden.

Nataga Wassie Kohestani übersetzt nicht nur ehrenamtlich – einmal in der Woche etwa fährt sie nach Reutlingen, um in Anhörungen zu Asylverfahren zu dolmetschen. Eine Aus- oder Weiterbildung hat sie dafür nicht gemacht: Laiendolmetscher werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nach „sprachlicher Eignung und persönlicher Zuverlässigkeit“ eingesetzt, für ein Stundenhonorar zwischen 25 und 32 Euro. Geprüft wird anhand einer Selbstauskunft, wie es von der Behörde heißt, außerdem würden „im laufenden Betrieb Maßnahmen der Qualitätssicherung“ getroffen.

Künftig soll es außerdem ein verpflichtendes Online-Seminar für alle Dolmetscher geben, bei dem es um Übersetzungstechniken, Integrität, Neutralität und Unparteilichkeit gehen wird, sagt eine Bamf-Sprecherin. Das grundlegende Problem sei eben, dass es viel zu wenige professionell ausgebildete Dolmetscher für die stark nachgefragten Sprachen der Geflüchteten gibt.

Solange es nicht mehr finanzielle Unterstützung gibt, ist man auf Ehrenamtliche angewiesen

Dass das zu Problemen für alle Beteiligten führen kann, ist auch Kohestani bewusst: Sie ist die Einzige, die in den Anhörungen erkennen kann, ob jemand tatsächlich aus Afghanistan stammt – oder doch eher aus dem Iran. Wird bei Behördengängen oder im Asylverfahren aus Versehen etwas falsch verstanden oder vergessen, kann das dazu führen, dass Asylsuchende ungerechterweise abgelehnt werden – oder andersrum. Solange es nicht mehr finanzielle Unterstützung für Aus- und Weiterbildung vonseiten der Länder und Städte gebe, sei man in der Flüchtlingshilfe also weiter auf das Engagement von Ehrenamtlichen angewiesen, das wissen sie bei den freien Wohlfahrtsträgern und den Freundeskreisen.

Als Nataga Wassie Kohestani um kurz nach zwölf im Obergeschoss des Kulturtreffs in Untertürkheim ankommt, ist dort gerade eine Kissenschlacht im Gange. Etwa 18 Kinder kommen jeden Mittag hierher, bevor sie nachmittags zur Hausaufgabenbetreuung zurück in die Schule gehen. „Die Flüchtlingskinder sind nicht im Ganztagesbetrieb der Schulen“, sagt Kohestani, deswegen hat der Freundeskreis die Betreuung organisiert. Hier muss Kohestani kaum übersetzen, die meisten der Kinder können fließend Deutsch, auch wenn sie erst seit wenigen Monaten im Land sind. Zu Hause helfe er seinem Vater mit der Sprache, sagt Faraj Ashori, ein dunkelhaariger Junge mit blitzenden Augen.

Später geht Nataga Wassie Kohestani noch in die Klinik. Ein kleiner Junge aus Afghanistan wurde dort für ein paar Monate behandelt, weil er starke Verbrennungen hatte, aber seine Familie ist in Afghanistan geblieben. Manchmal bringt Kohestani dem Siebenjährigen Essen mit, Root zum Beispiel, damit er sich ein bisschen so fühlt wie zu Hause.