Dopingskandal Freiburg Freiburger Doping-Kommission am Ende

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Die Doping-Kommission an der Freiburger Universität hat sich selbst aufgelöst. Die Kommission protestiert damit gegen eine Einschränkung.

Gespritzt, getäuscht, gefälscht – aber ein Abschlussbericht liegt in weiter Ferne. Foto: dpa
Gespritzt, getäuscht, gefälscht – aber ein Abschlussbericht liegt in weiter Ferne.Foto: dpa

Freiburg - Die Doping-Kommission an der Freiburger Universität hat sich selbst aufgelöst. Die offiziell so genannte „Unabhängige Gutachterkommission zur Evaluierung der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin des Universitätsklinikums Freiburg“, bestehend aus sechs international bekannten Anti-Doping-Experten, protestiert damit gegen die aus ihrer Sicht unerträgliche Einschränkung ihrer Unabhängigkeit durch Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer. Ein letztes Ultimatum war am Montag um Mitternacht verstrichen. In den letzten drei Jahren gab es häufig Streit um den für Ende September 2012 angekündigten, aber immer wieder verschobenen Abschlussbericht.

Die Kommission um ihre Vorsitzende Letizia Paoli von der belgischen Universität Leuven hatte mehrfach auf Grund angeblicher Behinderungen Fristverlängerungen erwirkt, meist nach Vermittlung des Wissenschaftsministeriums. Mehrere Experten hatten im Laufe der Jahre die Kommission verlassen, darunter die Professoren Werner Franke und Andreas Singler. Zuletzt waren außer Paoli noch Hans Hoppeler (Schweiz), Perikles Simon (Mainz), Gerhard Treutlein (Heidelberg), Hellmut Mahler (Düsseldorf) und Sörgel (Nürnberg) im Gremium vertreten, das am 6. Juni 2007 vom damaligen Uni-Rektor Wolfgang Jäger einberufen worden war. Es sollte die Geschichte und Struktur der skandalumwitterten Freiburger Sportmedizin unter ihren ehemaligen Professoren Joseph Keul und Armin Klümper über die Einzelfälle hinaus wissenschaftlich untersuchen.

Geständige Mediziner wurden suspendiert

Eine ebenfalls 2007 eingesetzte „Kleine Kommission“ um den Reutlinger Sozialrichter Hans-Joachim Schäfer schloss bereits nach zwei Jahren die Aufklärung über die Verabreichung unerlaubter Mittel zur Leistungssteigerung an Radprofis des Teams Telekom ab. Die geständigen Mediziner wurden suspendiert, die Leitung der Abteilung entlastet. Nach dem krankheitsbedingten Rückzug von Richter Schäfer übernahm an seiner Stelle die italienische Strafrechtsprofessorin und Mafia-Spezialistin Letizia Paoli am 10. Dezember 2009 den Vorsitz der „Großen Kommission“. Später enthüllten die Forscher wissenschaftliches Fehlverhalten bei der Anfertigung von Dissertationen und der Habilitation des Leiters der Sportmedizin, Hans-Hermann Dickhuth, dem im Oktober 2013 die Habilitation aberkannt wurde. 2015 tauchten neue Plagiatsvorwürfe aus der Kommission auf, ebenso Dopingvorwürfe gegen Profifußballvereine wie dem SC Freiburg und dem VfB Stuttgart.

Das Rektorat der Universität Freiburg bezeichnet die Selbstauflösung der Großen Dopingkommission als „unbegründet und verantwortungslos“. Besonders bedauerlich sei es, „dass nun viele öffentliche Ankündigungen der Kommissionsvorsitzenden zu dopinghistorisch einmaligen Funden und wissenschaftlichem Fehlverhalten in der Sportmedizin ohne wissenschaftlich fundierte Nachweise im öffentlichen Raum stehen“, erklärte Rektor Hans-Jochen Schiewer. Zu keinem Zeitpunkt habe die Universität die Unabhängigkeit der Kommission in Frage gestellt, sondern vielmehr ein hohes Maß an Mühe aufgebracht, „um der Kommission alle gewünschten Unterlagen umgehend zugänglich zu machen“. Ihr wurde eine Geschäftsstelle zur Seite gestellt und Aufwandsentschädigung bezahlt. „Nach neun Jahren Arbeit und Ausgaben von weit über einer Million Euro an öffentlichen Geldern des Universitätsklinikums, hätten wir mit einem Abschlussbericht rechnen dürfen“, erklärte ein Sprecher der Uniklinik sichtlich enttäuscht.

Uni-Rektor Schiewer verlangt Herausgabe der Erkenntnisse

Auch das Wissenschaftsministerium bedauert die Auflösung der Kommission. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt fällt es uns schwer, diese Entscheidung nachzuvollziehen“, erklärte ein Sprecher von Ministerin Theresia Bauer (Grüne). „Nach unserer Kenntnis gab es in den vergangenen Monaten keine Vorkommnisse, die einen solchen Schritt plausibel erscheinen lassen“. Es gelte nun, „zumindest die Teilergebnisse zu sichern und für die weitere Forschung zugänglich zu machen“. Diese Aufgabe soll noch im März durch eine neue Forschungsstelle Doping und Sportmedizin angepackt werden. Finanziert wird diese von Uni, Uniklinik und Wissenschaftsministerium. Das Uni-Rektorat verlangt nun die Herausgabe der bisherigen Erkenntnisse. „Es wäre verantwortungslos gegenüber der Öffentlichkeit und gegenüber dem Auftraggeber, die bis jetzt erstellten Unterlagen der Kommission zurückzuhalten oder gar zu vernichten“, betont Rektor Schiewer. Die ehemalige Kommissionsvorsitzende war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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