Drittstimme – die Wahlkampf-Kolumne Dada und Gartenzwerge

Von  

Bald sind Erst- und Zweitstimme gefragt. Hier soll es um kuriose und ernste Beobachtungen und Begleiterscheinungen im Bundestagswahlkampf gehen – als Drittstimme sozusagen. Heute geht es um exotische Parteien

Eine Stimme für die Vielfalt: 48 verschiedene Parteien stehen zur Wahl. Foto: dpa-Zentralbild
Eine Stimme für die Vielfalt: 48 verschiedene Parteien stehen zur Wahl. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Wer über einen angeblich langweiligen Wahlkampf jammert, hat sich den Stimmzettel noch nicht genauer angeschaut. Da ist für jede Menge Abwechslung gesorgt. Der Wähler kann nämlich nicht nur die Namen der üblichen Verdächtigen ankreuzen. Insgesamt stehen 48 Parteien zur Auswahl. Neben den landläufig bekannten, deren Plakate an jedem dritten Laternenmast hängen, gibt es auch welche für Tierschützer und für Christen, gleich drei für Kommunisten (die schon im Parlament etablierte Linke nicht mitgezählt) und zwei für Rechtsradikale, eine für Humanisten, eine ausdrücklich für Vernünftige, eine für Veganer und sogar eine für Hip-Hopper. Welche Minderheit fühlt sich noch nicht angesprochen?

Dunkelgrüne Politik

Die Grünen haben Umfragewerte zu erdulden, die sie ein bisschen welk erscheinen lassen. Aber es gibt auch mannigfache Konkurrenz, die grüner als grün daherkommt, etwa die Magdeburger Gartenpartei. Sie sieht sich zwar als „Stimme des kleinen Mannes“, ist aber kein Sammelsurium von Gartenzwergen, hat immerhin schon einen Sitz im Kommunalparlament der sachsen-anhaltinischen Hauptstadt erobert. Ihre „dunkelgrüne Politik“ wendet sich Themen jenseits des kleingärtnerischen Horizonts zu – und dort gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen, gegen ungleiche Renten in Ost und West und gegen die Russland-Sanktionen.

Dunkelgrüne Anliegen vertritt auch die V-Partei, die auch auf baden-württembergischen Stimmzetteln zu finden ist. Das V verkündet, wessen Anliegen sie vertreten will: Veganer und Vegetarier. Ihr Forderungskatalog reicht von „pflanzlich-vollwertiger Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen“ bis zur Abschaffung der Sommerzeit.

Hip Hop als Programm

In der politischen Landschaft Berlins sprießen besonders kuriose Blüten. Dazu zählt die Bergpartei, die sich auch „Überpartei“ nennt. Ihr Name hat nichts mit dem Jakobinerclub der Montagnards zu tun, der sich während der Französischen Revolution besonders radikal gab. Er verrät wohl eher, dass die 229 Mitglieder im Umfeld des Prenzlauer Bergs zuhause sind. Sie will ein „ökoanarchistisch-realdadaistisches Sammelbecken“ sein, wobei alles klein zu schreiben wäre – eine buchstäbliche Gleichmacherei. Ganz oben in ihrem Forderungskatalog steht das bedingungslose Grundeinkommen – für ihre Klientel offenbar eine Überlebensfrage.

Auch in dieser Nische des politischen Spektrums haben die Realdadaisten kein Monopol, sondern Konkurrenz. Die firmiert unter dem Titel „Die Urbane“ und heißt im Untertitel Hip Hop Partei. „Ich kann jedem in drei Minuten erklären, was Hip-Hop bei uns bedeutet“, sagt der Bundesvorsitzende Raphael Hillebrand. „Die CDU bräuchte da sicher länger um mir zu erklären, was an ihnen noch christlich ist. Und ich würde es trotzdem nicht verstehen.“ Ihr Programm ist in Hashtags gegliedert. Es verkämpft sich für „Inspiration, Identifikation, Teilhabe, individuelle Selbstentfaltung, kreativer Wettstreit und eine machtkritische Perspektive“ – nicht zuletzt aber auch dafür, „die berauschende Wirkung von Substanzen aus der Natur zu nutzen, um das eigene Bewusstsein zu erweitern“. Denn das entspreche der menschlichen Natur.

Der menschlichen Natur entspricht offenbar auch, dass die meisten Wähler beim Durchlesen ihrer Stimmzettel ziemlich weit oben hängen bleiben. Kein Wunder, dass sie diese Wahl für langweilig halten. Kurzweiliger wird es weiter unten.